Roger Zbinden hat ein Flair für Chinesen, die Geld ausgeben. Der Regionaldirektor Asien von Schweiz Tourismus (ST) hat in seinem rasant wachsenden Gästemarkt lukrative Segmente entdeckt, die hohe Qualitätsansprüche haben und nicht auf den Preis achten. Auf diese Kundengruppen haben es Schweiz Tourismus und Zbinden abgesehen. «Die Billigreisenden interessieren uns nicht.»
*«Fill it, then prize it» funktioniert nicht*
Die Realität sieht derweil ganz anders aus. Zwar nimmt die Zahl der chinesischen Touristen in der Schweiz markant zu. Bis Ende 2005 werden es rund 300 000 Übernachtungen sein. Ein Zuwachs von 25% gegenüber dem Vorjahr. Doch von Qualitätstourismus kann keine Rede sein. Nicht die natürliche und kulturelle Vielfalt der Schweiz lockt die Chinesen an, sondern in erster Linie Hotelangebote, die im tiefsten Discount-Bereich anzusiedeln sind. An einigen Schweizer Destinationen, speziell in Interlaken und Luzern, gibt es Betriebe der gehobenen Mittelklasse, die chinesischen Reiseveranstaltern Zimmer für Nachtpreise von 40, 30 oder sogar 25 Fr. förmlich nachwerfen. Mehr noch: Bei diesen Preisen ist nicht selten Halbpension inklusive. Diese Zahlen wurden der «HandelsZeitung» aus sicherer Quelle zugetragen. Die Tiefstpreise werden nicht nur zur Generierung von Deckungsbeiträgen in der Zwischensaison eingesetzt, sondern gelten häufig für die ganze Saison. Die Strategie dahinter ist offensichtlich: Die Hotels wollen mit Billigtouristen ihre Betten füllen und dann die Preise langsam anheben.
In den USA wird diese Strategie mit «First fill it, then prize it» umschrieben. Dass sie in der Realität praktisch nie funktioniert, haben etliche Beispiele bewiesen. Nach dem Fall der Berliner Mauer etwa wollten findige österreichische Touristiker mit Discount-Tarifen im ostdeutschen Markt absahnen. Nur: Ihre Destinationen waren schnell als Billigziele gebrandmarkt, und bei der ersten Preiserhöhung wichen die neuen Gäste sofort auf andere Reiseziele aus.
*Preisniveau wie in Rumänien und Bulgarien*
Bei vielen Touristikern löst die Billigst-Strategie deshalb grosses Unbehagen aus. In den Augen von Christian Rey, ehemaliger Präsident des Schweizer Hoteliervereins, ist sie verheerend. «Da die Qualität bei solchen Preisen nicht gut sein kann, leidet das Image der Schweiz in China, was irgendwann zu einem Gästeschwund führen wird.» Als Präsident von Genf Tourismus setzt er sich in der Rhonestadt aktiv gegen die Nachahmung dieser «ruinösen Strategie» ein. Er ist überzeugt, dass sich gewisse Hoteliers auch durch die harten Verhandlungsmethoden chinesischer Reiseveranstalter dazu haben hinreissen lassen. Insider bestätigen, dass grosse Agenturen bei Schweizer Hotels anrufen und nach dem Motto «Friss oder stirb!» ihre Preisvorstellungen bekannt geben.
Diesem Druck dürfe ein Betrieb auf keinen Fall nachgeben, meint Gieri Spescha von der Organisation Graubünden Ferien. «Solche Tiefstpreise ruinieren das Bild des qualitativ gehobenen Ferienziels, das sich die Schweiz in den letzten Jahrzehnten global erarbeitet hat.»
Von einem regelrechten Desaster spricht Armin Egger, Tourismusdirektor in Davos. «Die Tarife bewegen sich mittlerweile auf dem Niveau von Rumänien oder Bulgarien.» Für Egger sind die Preiskapriolen von Hoteliers in Interlaken und Luzern besonders ärgerlich, weil er mit Davos zurzeit ebenfalls den Eintritt ins China-Geschäft vorantreiben möchte. Sein Problem: Die kühl rechnenden Reiseveranstalter verlangen von den Bündner Hotels die gleichen Zimmertiefstpreise. Da will Egger nicht mitmachen. Der künstlich verursachte Preisdruck ärgert ihn. Mit ihm regen sich auch Destinationen wie St. Moritz oder Zermatt auf, die ihr gehobenes Preisniveau mit einem qualitativ hoch stehenden Angebot rechtfertigen und damit auch in China zum Erfolg kommen wollen. «Geld ist dort zur Genüge vorhanden», sagt Egger.
Unzufriedene Touristiker sind bei Schweiz Tourismus vorstellig geworden und verlangen Massnahmen gegen die «aktive Image-Vernichtung». ST-Direktor Jürg Schmid teilt ihre Sorgen, hält aber fest, dass sich seine Organisation nicht in betriebswirtschaftliche Entscheidungen von Mitgliedern einmische. Schmid kann nachvollziehen, dass Hotels mit qualitativen Defiziten ihr Heil in Dumping-Preisen suchen. «Den Abschluss von Verträgen mit solchen Dauertiefpreisen erachte ich jedoch als Spiel mit dem Feuer.» Was Uhren- und Schmuckhändler wegen der Gästescharen freue, könne für Hotels und eine Destination irreparable Schäden anrichten.
Für Andreas Deuber von der Schweizerischen Gesellschaft für Hotelkredit (SGH) sind Preise von 30 bis 35 Fr. für Zimmer/Halbpension in einem Viersternehotel auch «ökonomischer Unsinn». Den SGH-Berechnungen zufolge kann die Rechnung nur aufgehen, wenn ein einfaches Hotel im tiefen Qualitätssegment etwa 40 Fr. verrechnet.

Anzeige