Die Universität St. Gallen hat als erste schweizerische Hochschule ein professionelles Aus- und Weiterbildungsprogramm initiiert. Die Hintergründe dazu?

Thomas Bieger: Die Universität St. Gallen wurde 1898 als Handelshochschule gegründet. Das war eine Initiative der damals blühenden St. Galler Wirtschaft. Das erklärt auch die traditionell starke Verflechtung mit der Praxis. Die Kenntnis der spezifischen Bedürfnisse von Branchen und Betrieben hat schon früh dazu geführt, dass Weiterbildungsprogramme konzipiert wurden. So gab es beispielsweise bereits in den 1960er-Jahren Angebote für Nicht-Akademiker im Marketing-Bereich.

Welche Rolle spielt der Druck zur Erarbeitung von Drittmitteln, der offensichtlich verhindert, dass im Elfenbeinturm an Themen herumlaboriert wird, die höchstens das Ego der Professoren nähren?

Bieger: Neben der Praxisnähe ist unser unternehmerisches Institutsmodell eine zweite Triebkraft für die dynamische Entwicklung der Weiterbildungsprogramme an der HSG. Die von Professoren geleiteten Institute haben eine grosse unternehmerische Autonomie, sie können weitgehend selbst über Reservebildung und Einsatz ihrer Mittel entscheiden, sie sind auch in ihren Personalentscheiden weitgehend frei. Dies ist die Grundlage für gelebtes Unternehmertum, das sich heute in einem Anteil selbst erarbeiteter Mittel von über 50 Prozent des Gesamtbudgets unserer Universität niederschlägt - ein Spitzenwert unter den öffentlich-rechtlichen Universitäten Europas. Die hohe Bedeutung von selbst erarbeiteten Drittmitteln spornt zu aktuellen Aus- und Weiterbildungsprogrammen an und bewirkt eine Orientierung an der Anwendbarkeit von Wissen und neuen Lehrinhalten.

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Nun kann man einwenden: Es muss auch Lehrstätten geben, in denen einfach nur geforscht und nichts Verwendbares für das tägliche Leben dabei herauskommt.

Bieger: Universitäten, vor allem staatlich getragene, müssen Beiträge zur Lösung aktueller Fragen von Gesellschaft und Wirtschaft liefern. Dies ist neben der Lehre ein wichtiger Auftrag, der auch erst die öffentliche Legitimation der Institution sichert. Unser Grundsatz ist: «Teach what you research - die unmittelbare Verbindung des Vermittelten mit aktuellen Forschungsresultaten wird authentisch, wenn der Dozierende selbst im Forschungsprozess engagiert ist. Die eigenen Erkenntnisfortschritte sollen im Hörsaal unmittelbar einen Niederschlag haben.

Wie formulieren Sie - kurz und knapp - das Credo für die von der HSG gepflegte Aus- und Weiterbildungsstrategie?

Bieger: «Bindung fürs Leben». Wir wollen uns auszeichnen durch eine besondere Qualität der Lehre, auch in der Weiterbildung, die eine Verbundenheit zur Alma Mater und zu den Dozierenden schafft. Dies drückt sich darin aus, dass unsere Absolventen von Executive MBA auch sehr aktiv in unserer Alumni-Organisation mitmachen. Diese ist mit rund 19 000 Mitgliedern übrigens eine der ältesten und grössten in Europa. «Bindung fürs Leben» bedeutet aber auch, dass für alle Phasen der beruflichen Karriere und des Lebens regelmässig Kurse zur Aktualisierung des Wissens angeboten werden. Wichtig sind uns deshalb auch Angebote wie «Women back to Business» für Wiedereinsteigerinnen oder das neu geplante Angebot für über 50-jährige Führungskräfte.

Gibt es in diesem Bereich weitere USP?

Bieger: Neben der Vermittlung aktuellen Fachwissens ist uns auch die Fähigkeit zu einer integrativen Sicht auf aktuelle Entwicklungen und Fragestellungen wichtig. Damit ist die Integration von Management, Recht, Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Technologie angesprochen. Als Plattform für die Bündelung der Weiterbildungsangebote wurde vor diesem Hintergrund vor sechs Jahren die Executive School gegründet. Zudem haben wir eine einmalige Infrastruktur für die Weiterbildung auf einem besonderen Areal: Im Zentrum auf der Holzweid, in Fussdistanz zum Hauptcampus, besitzt die HSG einen Weiterbildungscampus mit einem integrierten Hotel, in dem die Teilnehmenden übernachten und sich verpflegen können. Dieses Hotel wurde übrigens durch die Stiftung HSG Alumni finanziert.

Neueste Forschungen lassen den Schluss zu, dass sich die Lust am lebenslangen Lernen bereits früh manifestiert. Interessant sind Untersuchungen über Lernstrategien von Kindern, die beim Zusammensetzen von Puzzles verschiedene Reaktionsweisen zeigen: Die einen bevorzugen leichte Spiele, bei denen sie rasch Erfolg haben, die anderen ziehen die kniffligen vor.

Bieger: Voraussetzung für Lernen und Entwicklung in allen Lebensphasen ist eine gesunde Neugier. Mit unseren Angeboten auf allen Stufen - vom Bologna-Bachelor bis zum MBA-Abschluss - soll diese noch weiter angestachelt werden. Klar ist, dass bei jedem Lernprozess eine Eigeninitiative vorhanden sein muss.

Diese kann auch durch einen schlechten Geschäftsgang, einen drohenden Verlust des Arbeitsplatzes oder wegen einer befürchteten Nichtbeförderung negativ beeinflusst werden. Wirkt sich all dies auf die Nachfrage und damit auch die Finanzierung von Aus- und Weiterbildungsveranstaltungen aus?

Bieger: Die Frage, wer dafür bezahlt, spielt in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten eine Rolle. Es kommt zu einer gewissen Verlagerung der Kosten zu den Mitarbeitenden, wenn die Weiterbildungsbudgets reduziert werden. Dabei zeigt sich, dass insbesondere bei Inhouse-Seminaren gespart wird, während beispielsweise bei den Diplomprogrammen kaum oder wesentlich kleinere Einbrüche zu verzeichnen sind. Dies hängt damit zusammen, dass viele sich in einer Rezession bewusst höher qualifizieren wollen, um bessere Chancen auf dem engeren Arbeitsmarkt zu erreichen.

Mit der Globalisierung der Wirtschaft einher geht ja auch die Globalisierung der Universitätslandschaft. Nun könnten Sie einwenden, die HSG habe nichts zu befürchten, weil sie die Nummer eins unter den Wirtschaftswissenschaftlichen Universitäten im deutschsprachigen Raum ist.

Bieger: Tatsächlich befindet sich der Bereich der Bildung ähnlich wie andere vorher staatlich dominierte Leistungsbereiche, beispielsweise das Gesundheitswesen, in einem Prozess der Globalisierung. Genau so, wie sich jemand mit einer komplizierten Krankheit ein Bild über das Angebot an Therapien und Spezialkliniken in einem überregionalen oder internationalen Markt macht, orientieren sich gerade die besten Studierenden im Universitätsbereich an einem weltweiten Angebot. Es wird aufgrund von Spezialgebieten der Universität und der Qualität der Dozierenden gewählt. Häufig ist heute wichtiger, welche Hochschule das Diplom verliehen hat, als das dahinterstehende Fachgebiet, weil im wachsenden globalen Angebot an Abschlüssen damit Qualitätsniveaus signalisiert werden. Unsere Universität setzt auf Internationalisierung, weil sie damit all ihren Absolventen den Vorteil einer internationalen Qualitätsmarke und Reputation verschaffen kann. Internationalisierung der Programme, der Dozierenden, aber auch der Studierenden und damit der Begegnungen auf dem Campus ermöglicht auch eine internationale Ausbildungsqualität. Wichtig ist uns dabei nicht nur eine europäische, sondern auch eine globale Orientierung. Dies kommt auch durch unsere beiden inzwischen aufgebauten Stützpunkte in Singapur und São Paulo sowie unsere Alumni-Clubs in fast allen wichtigen Wirtschaftszentren der Welt zum Ausdruck.

Ist «Learning on the Job» nach alle dem Gesagten eigentlich out?

Bieger: Natürlich nicht, aber gerade weil sich die Berufsbilder und Berufsanforderungen immer schneller ändern, ist beides wichtig: Das Lernen bei der Ausübung einer Tätigkeit - egal auf welcher Stufe - und der Wille, «es immer noch besser zu machen», sind die Grundvoraussetzungen für professionelles Arbeiten in allen Branchen und Bereichen.