Die Schweizer Biotechindustrie befindet sich in einer komfortablen Lage. «Die Qualität der hiesigen Biotechindustrie ist nach wie vor hervorragend», ist auch Fritz Kunz, Verwaltungsratspräsident der Basler Biotechfirma Speedel, überzeugt. Dies zeigen auch die Zahlen des neusten «Swiss Biotech Report». So nahm der kumulierte Umsatz aller Schweizer Biotechfirmen 2007 von 6,4 auf 7,1 Mrd Fr. zu.

Doch Kunz sieht auch Gefahren, die auf den Industriezweig zukommen könnten. Beispielsweise die Tatsache, dass die Akzeptanz der Biotechfirmen etwas angeschlagen sei. In der heutigen Gesellschaft sei Risiko unerwünscht, und Medikamente würden vermehrt lediglich als Kostenfaktor gesehen, stellt Kunz fest.

«Dadurch werden die bisherigen Finanzierungsquellen immer spärlicher fliessen», ist der Speedel-Präsident überzeugt. Und dies wiederum werde es grossen Pharmakonzernen («Big Pharma») ermöglichen, kleinen Biotechunternehmen («Small Biotech») harte Bedingungen für Forschungs- und Vertriebskooperationen zu diktieren.

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Folgt nun eine Kehrtwende?

Bis jetzt war es jeweils umgekehrt: Angesichts der leeren Pipelines war «Big Pharma» händeringend auf die innovativen Produktkandidaten von «Small Biotech» angewiesen.

Kunz folgert deshalb: «Es wird durch die aktuelle Situation an den Finanzmärkten weniger Geld zu schlechten Konditionen geben. Abhängig davon, ob dies eine temporäre Erscheinung oder ein längerfristiger Trend sein wird, werden wir in den nächsten Jahren deshalb auch eine Konsolidierung in der Biotechbranche sehen.»

Wagniskapital fliesst ins Ausland

Für mehr Biotechinvestitionen weibelt auch der langjährige Roche-Finanzchef Henri B. Meier. Die von ihm gegründete Beteiligungsgesellschaft HBM Bioventures ist seit Beginn dieses Jahres an der Schweizer Börse (SWX) kotiert. Wegen der hohen Dichte an Fachkräften sei die Schweiz «prädestiniert» für die Biotechnologie, so Meier. «Das Haupthindernis für die Ausbeutung dieses einmaligen komparativen Vorteils ist aber weiterhin der Zugang von Ideenträgern zu Wagniskapital, welches in der Schweiz reichhaltig gespart, aber mittels Intermediär nicht in der Schweiz investiert wird», gibt er zu bedenken.

Henri B. Meier kämpft deshalb dafür, dass dieses Risikokapital steuerfrei wird. «Die Dreifachbesteuerung beim Einsatz von Wagniskapitalgesellschaften wird langsam zur Kenntnis genommen», sagt er. In der Politik fehle aber noch ein «Champion», um diese Thematik tatsächlich anzugehen.

Einen Mangel an Risiko hat auch Michèle Ollier festgestellt. Ollier ist Partnerin bei der Gen- der-Lifescience-Investmentgesellschaft Index Ventures. «Hierzulande hat man zuweilen Mühe, echte Manager zu finden», sagt sie. «Damit meine ich Manager, die nicht nur das wissenschaftliche Profil und die wirtschaftlichen Kompetenzen mitbringen, sondern auch den Mut zum Risiko und den notwendigen Ehrgeiz, eine Firma zum Erfolg zu führen.»

Ollier sieht trotzdem gute Chancen für Biotechunternehmen: «Grosse Pharmafirmen haben schwerfällige Strukturen und sind nicht flexibel genug. Ein Kleinunternehmen besteht demgegenüber aus einer Gruppe motivierter Menschen, die auf derselben Wellenlänge liegen», meint sie .

Behörden erhöhen Auflagen

Die Biotechexpertin hält es deshalb auch für möglich, dass es an der Schweizer Börse (SWX) zu weiteren Börsengängen von Biotechunternehmen kommen wird. «Schwierig einzuschätzen ist aber die psychologische Auswirkung der aktuellen Krise an den Finanzmärkten auf die Investitionsmoral», gibt Ollier zu bedenken.

Auch Nathalie Flury, Co-Managerin eines Biotechfonds bei der Bank Julius Bär, sieht zurzeit nur «limitierte IPO-Möglichkeiten». «Die aktuelle Finanzkrise wird sich für ein paar Monate negativ auf den IPO-Markt auswirken, davon ist auch der Biotechsektor nicht ausgeschlossen», erklärt Flury.

Neben der schwieriger gewordenen Finanzierung sieht sie aber auch die verschärfte Zulassungspraxis der US-Gesundheitsbehörde FDA als verstärktes Problem an: «Die FDA verlangt beispielsweise mehr Daten zur Sicherheit von neuen Medikamenten. Diese neue Haltung wirkt sich weltweit aus.»