Die Branche jammert - doch Starrag Heckert lacht. Das Unternehmen, dessen Werkzeugmaschinen als «Mercedes-Benz» der Branche gelten, beliefert zu einem wesentlichen Teil Kunden, die nach wie vor investieren. So nutzt die Energiebranche Starrag-Maschinen zur Bearbeitung von Turbinenblättern, etwa für Gaskraftwerke oder für die Windkraft. Die Luftfahrtindustrie legt neue Modellreihen auf, deren Strukturbauteile auf Starrag-Maschinen gefertigt werden. Weiter nachgefragt werden auch Spezialfahrzeuge für die Landwirtschaft, deren Motorenkomponenten mit Starrag-Anlagen bearbeitet werden. Dennoch hat die Börse die Starrag-Heckert-Aktie abgestraft - sie glaubt nicht daran, dass sich der Konzern dem Konjunktureinbruch entziehen kann.

Kürzlich haben Sie kommuniziert, dass Sie in Indien ein neues Werk planen. Andere Maschinenbauer schliessen dort Produktionsstätten. Wo orten Sie Potenzial?

Brinken: Der indische Markt war schon lange auf unserem Radarschirm. Denn die Heckert-Marke WMW lieferte in den 1980er Jahren rund 28000 Werkzeugmaschinen nach Indien - man erinnert sich noch heute an den Namen und bringt ihn mit hochwertigen Maschinen in Verbindung. Diesen Wettbewerbsvorteil wollen wir nutzen. Zwar erfährt der indische Markt jetzt aufgrund der Krise einen Haltepunkt, doch wir stellen fest, dass die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Werkzeugmaschinen nach wie vor steigt.

Warum exportieren Sie Ihre Maschinen nicht von Europa aus?

Brinken: Das wäre ein relativ komplexes Unterfangen, da wir im Gegensatz zu den Massenherstellern unsere Maschinen genau auf die Bedürfnisse der Kunden zuschneiden. Da wir mittlerweile in der Lage sind, hochwertige Komponenten lokal einzukaufen, macht eine eigene Produktionsstätte Sinn. Wir evaluieren derzeit geeignete Standorte und möchten dafür in einem ersten Schritt 5 Mio Fr. investieren.

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Wie viel organisches Umsatzwachstum soll Indien mittelfristig beisteuern?

Brinken: Einen zweistelligen Millionen-Franken-Betrag.

Indien stagniere im Moment, sagten Sie. Wann geht es wieder aufwärts?

Brinken: Indiens Konjunktur ist wenig exportgetrieben, insofern rechnen wir mit einem Aufschwung, sobald das Vertrauen der Konsumenten auf dem Binnenmarkt zurückkehrt. Wir gehen davon aus, dass dies 2010 der Fall sein wird.

Sie könnten mit dem Aufbau des Werks notfalls noch zuwarten.

Brinken: Nein, das werden wir auf keinen Fall. Denn wenn der Aufschwung in Indien kommt, wollen wir bereit sein. Zudem müssen Sie berücksichtigen, dass in Indien alles seine Zeit braucht. Wie sagt man dort so schön? You have the watches, we have the time.

Starrag Heckert liefert Werkzeugmaschinen in die Luftfahrtindustrie. Wie ist dort die Stimmung?

Brinken: Wir haben mit sehr vielen Kunden gesprochen. Zwar geben sich Marktführer wie Boeing und Airbus vorsichtig, aber sie sehen keinen dramatischen Einbruch bei ihren Bestellungen. Die neuen Programme, darunter die Boeing 787, der Airbus 400M, auch der Airbus 350, werden vorangetrieben, gestützt durch Bestellungen solider Fluggesellschaften. Die Boeing 787 wird noch in diesem Jahr fliegen, die ersten Auslieferungen werden für 2010 erwartet. Ähnlich positive Signale empfangen wir aus dem Energiesektor, was uns hoffen lässt, dass es uns in diesen beiden Segmenten nicht so stark erwischt.

Schrauben Airbus und Boeing die gefertigten Stückzahlen nicht herunter?

Brinken: Das ist richtig, allerdings betrifft dies vorwiegend die alten Aluminium-Modelle wie etwa die Boeing 737 und den Airbus 320. Bei diesen Baureihen sind wir kaum dabei. Dafür haben wir 2008 einige sehr schöne Aufträge im Fahrwerkbereich und für hoch beanspruchte Primärstrukturkomponenten erhalten, das stimmt uns zuversichtlich.

Wie ist die Lage im Transportsektor und im Maschinenbau?

Brinken: Die Stimmung ist sehr gedrückt, wobei aber die Mehrheit der Marktteilnehmer sagt, dass es ja irgendwann weitergehen muss. Die Frage ist, wann. In diesen beiden Sektoren fehlt uns die Visibilität, um verlässliche Prognosen machen zu können.

Was sagen die Fakten?

Brinken: Wir sitzen auf einem Auftragsbestand von rund 200 Mio Fr., das beschäftigt uns bis im Juni. Bis dahin arbeiten wir Überzeit.

Das klingt wie eine Botschaft von einem anderen Stern.

Brinken: Es ist aber so. Wir leihen uns nach wie vor Arbeitskräfte bei Branchenkollegen aus, die uns helfen, den Auftragsbestand termingerecht abzuarbeiten.

Wann werden die Aufträge auch bei Ihnen zurückgehen?

Brinken: Wir gehen davon aus, dass wir in den nächsten Monaten erste Dämpfer bei unserem Bestellungseingang sehen werden, vorwiegend im Transportbereich und Maschinenbau. Damit haben wir allerdings schon vor Ausbruch der Finanzkrise gerechnet, denn Wachstumsraten zwischen 40 und 60% wie noch 2007 lassen sich einfach nicht über mehrere Jahre realisieren. Die Finanzkrise bremst das Investitionsverhalten unserer Kunden nun zusätzlich. Allerdings muss ich betonen, dass es selbst im derzeit ruhigen Maschinenbausektor nach wie vor positive Signale gibt: Kunden aus dem Landwirtschaftsmaschinenbau und der Windenergie haben ihre Investitionspläne für 2009 nicht zurückgefahren, sondern halten das verhältnismässig hohe Niveau von 2008. Da wir in genau diesen Bereichen, die nach wie vor investieren, positioniert sind, blicken wir zuversichtlich ins laufende Jahr.

Wie stark wird der Auftragseingang 2009 zurückgehen?

Brinken: Ich gehe davon aus, dass wir uns weiter auf hohem Niveau bewegen werden. Doch aufgrund der heutigen Rahmenbedingungen glaube ich nicht, dass wir den Auftragseingang von 2008 halten können.

Im Oktober findet in Mailand eine der weltweit wichtigsten Maschinenbaumessen, die EMO, statt. Was werden Sie Ihren Kunden zeigen?

Brinken: Wir werden die Kunden mit ein paar sehr interessanten neuen Produkten überraschen. Ich kann an dieser Stelle nicht zu viel verraten, aber grundsätzlich geht es um höhere Produktivität bei gleichzeitig noch präziserer Fertigung.

Verschieben Ihre Kunden Investitionen, weil sie auf die neuen Produkte warten?

Brinken: Nein, denn wir sind laufend mit ihnen im Gespräch. Sie wissen, was wir in der Pipeline haben. Zusätzlich führen wir für Kunden hausinterne Events durch.

Zum Beispiel?

Brinken: Im Mai veranstalten wir die Blade Technology Days, an denen das Whos who der weltweiten Turbinenschaufelfertiger zu uns an den Bodensee kommt, darunter Siemens, General Electric, Alstom und MAN. Insgesamt erwarten wir rund 60 bis 70 Unternehmen.

Erhoffen Sie sich Aufträge?

Brinken: Ja, die Technology Days sind eine von mehreren Massnahmen zur Revitalisierung des Auftragseingangs.

Eine wachsende Zahl von Firmen bekundet Mühe, Kredite zu vernünftigen Konditionen abschliessen zu können. Würden Sie Projekte für Ihre Kunden finanzieren?

Brinken: Nein, dieses Geschäft überlassen wir lieber den Profis. Wir sind ein Maschinenbauer.

Der Umsatz legte 2008 um stolze 25% zu und knackte erstmals die 300-Mio-Fr.-Marke. Können Sie 2009 diesen Wert halten?

Brinken: Davon gehe ich aus. Es sei denn, unsere Märkte brechen komplett zusammen. Noch liegen die Branchenzahlen zum 1. Quartal 2009 nicht vor. Aber ich weiss, dass wir im 4. Quartal 2008 wiederum den Branchendurchschnitt geschlagen haben.

Wo ist die Gefahr eines Einbruchs am grössten?

Brinken: Die Stimmung auf den Märkten wird schlechter gemacht, als sie tatsächlich ist. Der Präzisionsmaschinenbau in den USA und Europa, besonders Deutschland, läuft nach wie vor ganz anständig. Obwohl gerade in Deutschland durchs Band gejammert wird. Wir erwarten vielmehr in China einen spürbaren Dämpfer, denn hier wurde in den vergangenen Jahren in einem nie zuvor gesehenen Ausmass investiert. Dass nun, wenn auch verschärft durch die Finanzkrise, eine Pause folgt, ist ganz natürlich und überrascht uns nicht im Geringsten.

Im 3. Quartal 2008 lag Ihre Ebit-Marge bei 12,4% - ein Traumwert für einen Maschinenbauer. Was bringt 2009?

Brinken: Wenn wir das Volumen, wie vorhin erwähnt, etwa auf dem Niveau des Vorjahres halten, dann sollte unsere Ebit-Marge nach wie vor zweistellig bleiben.

Die Preise für Rohmaterialien und Komponenten sind stark gefallen - hilft das Ihrer Marge?

Brinken: Ja, allerdings werden sich diese Preisschwankungen kaum auf unser Ergebnis auswirken, weil wir für diverse Zulieferprodukte bereits Lieferverträge abgeschlossen haben. Unser Ziel ist, unsere Einkaufspreise wieder rauszuholen - mit dieser Strategie ist es uns stets gelungen, kostenneutral zu arbeiten.

Wann geht es wieder aufwärts?

Brinken: Die Erfahrungen aus früheren Abschwüngen zeigen, dass 2010 erste positive Anzeichen bringen sollte. Wir rechnen nicht mit einem Aufschwung an breiter Front, aber mit vereinzelten zarten Pflänzchen in Regionen mit Wachstumsbedarf - wie erwähnt etwa in Indien.