Wie ernst nehmen Sie Klima-Skeptiker wie Bjørn Lomborg oder Václav Klaus?

Widerspruch ist wichtig in der Wissenschaft, denn nur so gibt es Fortschritt. Das heisst aber nicht, dass jeder, der Kritik übt, auch Recht hat. Ausserdem sollten Kritiker auch in dem Wissenschaftsbereich tätig sein, den sie kritisieren. Lomborg und Klaus haben sicher viel geleistet. Es ist mir aber nicht bekannt, dass sie auch nur eine Arbeit in der Klimaforschung publiziert hätten..

Die Wissenschaftsgemeinschaft stimmt also über die zentralen Fakten überein?


Die Klimaveränderung wird seit über 20 Jahren intensiv beobachtet. Am vierten Bericht des Weltklimarats waren über 1000 Wissenschaftler beteiligt. Die Fakten sind eindeutig: Erstens erwärmt sich die Erde, und zweitens wurde der grösste Teil dieser Erwärmung innert den letzten fünfzig Jahren durch die Menschheit verursacht. Innert der letzten 100 Jahre stieg die weltweite Durchschnittstemperatur um 0,74 Grad, in der Schweiz liegt der Anstieg gar bei zwischen 1,5 und 1,8 Grad.

Lomborg argumentiert, die Welt habe dringendere Probleme als den Klimawandel.

Lomborgs Aussagen sind unehrlich. Das Hungerproblem hatten wir schon vor 50 Jahren, und es wurde nie etwas dagegen unternommen. Solche Argumente sind ein Ablenkungsmanöver, um nun auch gegen den Klimawandel nichts machen zu müssen. Ausserdem sind viele der grossen Menschheitsprobleme miteinander verknüpft. Erwärmt sich die Erde weiter, wird vielen Regionen das Wasser ausgehen, was wiederum das Hungerproblem verstärkt.

Wie weit ist die Schweiz im Kampf gegen die Klimaerwärmung?


Nicht weit. Wir haben weltweit noch immer keine Führungsrolle inne, es gibt kein schweizerisches Klimaziel. Dabei wäre das Potenzial riesig: Durch Sanierungsmassnahmen könnte allein bei Gebäuden der CO2-Ausstoss um 40 Prozent gesenkt werden. Auch im Verkehr wären massive Reduktionen des Ausstosses ohne Einschränkung der Lebensqualität möglich.


Die Klimakrise könnte auch eine wirtschaftliche Chance sein für die Schweiz.


Ja, doch leider hat die Schweizer Wirtschaft in den letzten Jahren viel von der Entwicklung verschlafen. Die Schweiz hat allerdings die Chance aufzuholen, weil sie immer noch ein wichtiger Innovationsstandort ist. Unser Bildungsniveau ist hoch, die Hochschulen haben Weltniveau. Zu bedenken ist jedoch, dass eine Verlagerung der Forschung nicht innert weniger Jahre zu machen ist. Das dauert eher zehn oder fünfzehn Jahre. Deshalb bräuchte die Schweiz eigentlich einen Marshall-Plan, um die Forschung und Technologieentwicklung in die richtige Richtung zu lenken. Die Chancen sind riesig – gerade auch wirtschaftlich gesehen. Es gab noch nie eine Phase der Menschheit, in der die Entwicklung der nächsten 10 Jahre so genau vorausgesagt werden konnte. Stellen sie sich vor, man würde so viel über die Börsenkurse der nächsten zehn Jahre wissen wie über die Entwicklung des Klimas in der nächsten Dekade. Wenn man die Zukunft so genau abschätzen kann, fällt es viel leichter, auch wirtschaftlich interessante Strategien zu entwickeln.

Wie viel Zeit bleibt uns noch?

Eine Zeitlimite gibt es nicht. Doch wenn wir weiter zuwarten, wird es immer schwieriger und aufwendiger, die Klimaveränderung zu bekämpfen. Hätten wir uns vor zwanzig Jahren vorgenommen, den Temperaturanstieg auf 2 Grad zu beschränken, wäre das ein machbares und vernünftiges Ziel gewesen. Doch weil wir zugewartet haben, sind die Anpassungskosten jetzt viel höher. Der Stern-Report rechnet damit, dass die verschiedenen Länder bis zu rund 20 Prozent ihres Bruttoinlandprodukts für den Kampf gegen die Klimaveränderung werden aufwenden müssten, falls die Klimaänderungen hoch ausfallen werden. Und je länger wir warten, desto mehr Klimaschäden können anfallen, die nicht mehr reparabel sind.

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