Wir wollen in den nächsten Monaten einen Marktanteil von 5% am europäischen Aktienhandel gewinnen», sagt Eli Lederman, CEO der neuen paneuropäischen Handelsplattform Turquoise. Er will den etablierten Börsen in ganz Europa Handelsvolumen abjagen. Hinter der Offensive stehen neun grosse Investmentbanken, die zusammen für fast die Hälfte des Handelsvolumens in Europa verantwortlich sind.

Diese Marktmacht genügt als Drohkulisse, auch wenn der ehemalige Morgan-Stanley-Manager nicht damit rechnet, dass die beteiligten Banken – darunter die UBS und die Credit Suisse – geschlossen auf seine Plattform wechseln. «Die Banken werden bei jedem Auftrag neu entscheiden», sagt Lederman, «sie gehen dorthin, wo die Transaktion am günstigsten ist.»

Auch wenn die Gebühren teilweise bis zur Hälfte unter denjenigen der traditionellen Börsen liegen, werde Turquoise nicht immer zum Zug kommen. Der Fahrplan des Londoner Unternehmens ist dennoch ehrgeizig. Bis Mitte nächsten Jahres soll der Weg in die Gewinnzone gelingen.

Börsen senken Preise massiv

«Lange wurden die alternativen Plattformen von den etablierten Börsenbetreibern belächelt, doch jetzt gehen diese zum Gegenangriff über und senken die Gebühren», sagt Christoph Bossmann, Analyst der WestLB. Die London Stock Exchange (LSE) hat unter anderem die Preise gesenkt und ein neues Rabattsystem eingeführt. Zudem will sie als Gegenoffensive zu Turquoise zusammen mit Lehman Brothers im Frühjahr 2009 selbst eine alternative Handelsplattform mit dem Namen Baikal an den Start schicken (siehe Box).

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Auch die Schweizer Börse sieht sich erneut zum Handeln gezwungen. «Im Blue-Chip-Handel werden wir die Preise nochmals um rund 30% senken», sagt Werner Vogt, Sprecher der Swiss Financial Market Services (SFMS), zu der die SWX Swiss Exchange gehört. Nach der Preissenkung würden die Gebühren aber noch immer über jenen der alternativen Handelsplattformen liegen, die laut Vogt «schon fast zu Dumpingpreisen» anbieten.

Auch wenn der Preiskampf auf die Margen drückt, haben die traditionellen Börsen in Europa nach wie vor ein gutes Polster. Sie kommen im Kassahandel auf Betriebsgewinnmargen von über 50%. Es besteht also Spielraum für weitere Gebührensenkungen. Die etablierten Börsen seien aber mit ihrem breiten Dienstleistungsangebot nicht bereit, gegen die alternativen Plattformen einen Preiskrieg auszutragen, so Vogt. Ob es kurzfristig weitere Preisanpassungen gebe, lässt er offen: «Das Überprüfen der Gebühren gehört zur Daueraufgabe.»

Zudem hat die Schweizer Börse ihr Angebot ausgebaut und bietet seit zwei Wochen einen Dark Pool an, das heisst einen Handelsplatz für grosse Order, bei dem die Kursstellung nicht öffentlich einsehbar ist. Damit zieht die Börse mit Turquoise gleich. Die elektronische Handelsplattform hat seit längerem ein solches Segment angekündigt, um für grosse Marktteilnehmer wie Banken oder Fondsgesellschaften attraktiv zu sein.

Wie Pilze aus dem Boden

«Die Börsen buhlen um die Aufträge der grossen Investmentbanken, die Preise sinken vor allem für diese Klientel», sagt Bossmann von WestLB. Die Investmentbanken sind also die Gewinner des schärferen Wettbewerbs auf Europas Börsenplätzen. Es erstaunt daher nicht, dass sie an verschiedenen alternativen Handelsplattformen beteiligt sind. So sind zum Teil die gleichen Banken, die hinter Turquoise stehen, zum Beispiel auch am Konkurrenten Chi-X beteiligt.

Die paneuropäische Handelsplattform Chi-X wurde im März 2007 gegründet und konnte bereits erste Erfolge aufweisen. Nach eigenen Angaben hält das Londoner Unternehmen bei britischen Aktien einen Marktanteil von über 20%. Andere Multilateral Trading Facilities (MTF) wollen dem Beispiel folgen und schiessen wie Pilze aus dem Boden. Entscheidend wird sein, ob es ihnen gelingt, genügend Liquidität auf ihre elektronischen Handelsplattformen zu ziehen. Erfolgschancen sehen Experten derzeit vor allem für Turquoise und Chi-X.

Harter Verdrängungskampf

Längst nicht alle neuen Mitspieler werden überleben. «Von den alternativen Börsenbetreibern werden in Europa ein oder zwei Plattformen übrig bleiben», erwartet Bossmann. Selbst Turquoise-CEO Lederman rechnet mit einem harten Verdrängungskampf: «Es gibt eine Konsolidierung, am Ende wird es noch zwei oder drei Plattformen geben.»

Die Handelsplattformen, die sich durchgesetzt haben, würden aber schon bald zum wichtigen Player im europäischen Aktienhandel. «Ich erwarte, dass die alternativen Handelsplattformen zusammen in den nächsten 12 bis 18 Monaten einen Marktanteil von 50% erreichen werden.» Unabhängige Experten sind allerdings etwas weniger optimistisch als Lederman. Der künftige Anteil der neuen Konkurrenz am europäischen Börsenkuchen wird auf etwa 20% geschätzt.