Von einer «sehr guten Stimmung für Börsengänge» schwärmten die Marktbeobachter noch im vergangenen Januar. Nicht zu Unrecht: Damals schienen die Bedingungen für ein «Initial Public Offering» (IPO) ideal. Am Markt waren Liquidität und Optimismus in rauen Mengen vorhanden. Das wussten die Investmentgesellschaft Partnersgroup sowie der Risikokapitalgeber New Value zu nutzen: Beide wagten sie den Gang an die SWX Swiss Exchange und knüpften damit nahtlos an das IPO-Rekordjahr 2005 an (siehe Grafik).

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Fünf Monate später hat die Euphorie deutlich abgenommen. Der Schweizer Aktienmarkt fährt Verluste ein, die Volatilität hat sprunghaft zugenommen. Schwere Kost für die Anleger: Ihr Risikoappetit ist deutlich gesunken. Das macht die Sache für IPO-Kandidaten schwierig, denn gerade der Mut zum Risiko ist Grundvoraussetzung für die Investition in einen Börsendebütanten.

«Nach der Korrektur an den Aktienmärkten ist das Umfeld für Börsengänge sicher anspruchsvoller geworden», sagt der Leiter Investment Banking Schweiz der UBS, Marin Kesselring obwohl er den fundamentalen Trend für IPO weiter für positiv hält.

Tatsächlich könnte die Stimmung an der Börse in den kommenden Monaten das Zünglein an der Wage zum IPO-Entscheid sein: Nicht wenige der ausstehenden Börsengänge befinden sich nämlich weiter in der Schwebe. Die grösste dieser Ungewissheiten auch nach zukünftiger Börsenkapitalisierung ist die Winterthur.

Zwar wollte die Credit Suisse die Versicherungstochter bis Mitte 2006 fit für die Börse trimmen. Doch jetzt, zur Jahresmitte, sind die Anleger kein bisschen schlauer. Die Grossbank lässt auch weiterhin nicht erkennen, welche Karte sie zu spielen gedenkt: Anstatt des IPO des 10-Mrd-Fr.-Schwergewichts käme auch ein Verkauf in Frage. Oder die profitable Winterthur füllt noch ein wenig länger die Kassen des Mutterhauses. «Die Credit Suisse befindet sich in der glücklichen Lage, nicht unter Druck handeln zu müssen», fasst Georg Marti, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank, die Lage zusammen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Beteiligungsgesellschaft HBM Bioventures. Zwar ist ein Börsengang auch hier eine «denkbare Option». Allerdings wird auch HBM weiter zuwarten, bis die Marktbedingungen stimmen.

Auch das Flugzeug-Wartungsunternehmen SR Technics hält sich ein Hintertürchen zum geplanten IPO offen. «Wir starten noch in diesem Jahr, sofern die Marktbedingungen günstig sind», sagt Firmen-Sprecher Erwin Schärer. Das verharren in Lauerstellung hat System: «Unternehmen halten sich bis zuletzt alle Möglichkeiten offen», sagt Peter Dauwalder, Partner und Finanzmarktexperte beim Buchprüfer Ernst & Young.

Ernüchternde Bilanz

Anderswo ist die IPO-Pipeline bereits ins Stocken geraten: Die für Mitte 2006 angesetzte Publikumsöffnung der Tessiner Biotechnologiefirma Mondobiotech kommt nicht vor diesem Sommer zustande. Gegenwärtig befinde man sich auf der «Suche nach dem richtigen Zeitpunkt», heisst es. Ebenfalls mit Verspätung unterwegs ist der Telekommunikations-Dienstleister Smart Telecom. Er hatte zuerst den Bundesentscheid zur Entbündelung der letzten Meile abzuwarten nun könnte sich die Publikumsöffnung bis Anfang 2007 verzögern.

Bei den fix gesetzten Börsengängen hingegen fällt auf, dass die Kandidaten mit Ausnahme von Macquarie Infrastructure Holdings (siehe Kasten) kaum eine Wahl haben. So wurde der 23. Juni für den IPO von Medisize der ehemaligen Medizinaltechnik-Sparte von Gurit Herbelein von der Generalversammlung gefällt.

Weit gehend fest steht auch der Börsengang der Kolbenkompressor-Herstellerin Burckhardt Compression; die Mehrheitsaktionärin, Zurmont Capital I, bringt das Unternehmen mit dem Management an die SWX. Burckhardt-CEO Valentin Vogt hofft, auch dort «langfristig orientierte Aktionäre» zu finden.

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Australier wagen sich aufs Schweizer Börsen-Parkett

Macquarie kam aus dem nichts mit einer brillanten Idee und hat die Konkurrenz geschlagen», sagt Marc Faber, Börsenspezialist und selber Anleger in Macquarie. Der australische Infrastruktur-Investor bringt nun mit der Macquarie Infrastructure Holdings (MIH) überraschend eines seiner Vehikel an die SWX Swiss Exchange. Das IPO dürfte in den nächsten Wochen erfolgen. Ob sich dies auch für Anleger als brillante Idee entpuppt, wird sich zeigen. In einem zunehmend volatilen Aktienmarkt dürfte die hohe Dividende des Börsenneulings die Rede ist von bis zu 6% jedoch Anklang finden. MIH stellt überdies in Aussicht, die Auschüttungen in den nächsten Jahren kontinuierlich zu steigern. Zusätzliche Stabilität erhält der Kurs der Investmentgesellschaft durch einen 50%-Anteil an nichtkotierten Infrastrukturobjekten.