Ein mutiger Schritt: Das Basler Biopharmaunternehmen Speedel will Ende Mai 2005 an die Börse. Und hat seinen Börsengang (IPO) angekündet, noch bevor bekannt ist, wie die Investoren Arpida aufnehmen. Deren Aktien werden am Erscheinungstag dieser Zeitung erstmals gehandelt.
Zur Vorsicht gäbe es guten Grund: Die Biotech-IPO von Intercell in Österreich und Paion in Deutschland wurden dieses Jahr von den Investoren nicht besonders goutiert. Auch dem letzten vergleichbaren Börsengang in der Schweiz war kein Erfolg beschieden: Vor etwas über einem Jahr kam der Antibiotikahersteller Basilea an die Börse. Ein äusserst solides Unternehmen, das drei Produkte in der fortgeschrittenen Entwicklung hat. Doch die aggressive Preisgestaltung wirkte kontraproduktiv: Der Kurs sackte von 100 auf 60 Fr. ab. Er liegt noch heute unter dem Ausgabepreis.
*Viele wollen an die Börse*
Seither sind zwar zwei Life-Science-Unternehmen an die Schweizer Börse gekommen. Doch deren erfolgreicher Start war durch Sonderfaktoren geprägt: Ypsomed, eine Medtechfirma, die Injektionstechnologien herstellt, schrieb bereits Gewinne, und ihr Chef, der einstige Disetronic-Gründer Willy Michel, geniesst grossen Kredit in der Finanzgemeinde. Beim Feinchemieunternehmen Dottikon schliesslich handelte es sich nicht um einen wirklichen Börsengang, sondern einen Spin-off von der EMS Chemie.
Der Börsengang von Arpida wird nicht nur durch Speedel-CEO Alice Huxley aufmerksam verfolgt. Die Durststrecke nach dem Platzen der Technologieblase hat die Life-Science-Unternehmer eines gelehrt: Das Investorengeld dann einzusammeln, wenn es verfügbar ist, unabhängig davon, ob sie es heute oder erst in zwei Jahren brauchen.
Wenn die Börsengänge von Arpida und Speedel erfolgreich verlaufen, dürften deshalb rasch weitere Unternehmen aus der Gesundheitsindustrie an die Börse streben. Zu den aussichtsreichsten Kandidaten gehört Addex Pharmaceuticals: Erst 2002 gegründet, nahmen die Genfer bisher bereits 66 Mio Fr. privates Kapital auf. Innert kürzester Zeit konnte das Team um CEO Vincent Mutel, den früheren Forschungschef für Krankheiten des zentralen Nervensystems bei Roche, eine Pipeline mit neuartigen Wirkstoffen für die Raucherentwöhnung sowie gegen Schizophrenie und Alzheimer aufbauen.
Ebenfalls in den Startblöcken ist HBM Bioventures. Die Beteiligungsgesellschaft, die vom früheren Roche-Finanzchef Henri B. Meier gegründet worden war, hatte keinen guten Start: Sie wurde 2001 aus der Taufe gehoben, als für Life-Sciences-Unternehmen Höchstpreise bezahlt werden mussten. Doch nachdem in den letzten Monaten diverse Portfoliounternehmen verkauft oder an die Börse gebracht werden konnten, sieht die Bilanz von HBM wieder besser aus.
Auch die Liestaler Firma Santhera Pharmaceuticals dürfte sich für einen IPO entscheiden. Soeben hat die Firma die Corporate-Finance-Expertin Barbara Heller von der Bank Vontobel als CFO angeworben (siehe Seite 17). Heller war unter anderem für den Börsengang von Gretag Imaging und der Private Equity Holding verantwortlich. «Vor einem IPO müssen wir noch einige Hausaufgaben erledigen», sagte die frisch gebackene Finanzchefin der «HandelsZeitung». Das Unternehmen will im Herbst mit seinem Wirkstoff gegen eine seltene Muskelkrankheit in die letzte klinische Phase gehen.
*Das Einmaleins für Investoren von Biopharmafirmen*
So erfreulich die Neuzuzüge an die Schweizer Börse sind: Für die Anleger ist die Beurteilung von Biopharmaunternehmen wie Arpida oder Speedel äusserst schwierig, da diese keine Gewinne schreiben.
Für Laien ist es zudem schwierig, die Erfolgschancen von Pipelines zu beurteilen. Doch diese Einschätzung wird den Anlegern oft von Profis abgenommen: Wenn sich eine grosse Pharmafirma auf eine Zusammenarbeit mit einer Jungfirma einlässt, darf man das als externes Gütesiegel deuten. Arpida hat (noch) keinen Partner für ihren Antibiotika-Wirkstoff. Speedel hingegen hat für Novartis erfolgreich das Blutdruck-Medikament SPP100 entwickelt. Aus der Sicht von Novartis hat SPP100 ein Umsatzpotenzial von mehr als 1 Mrd Dollar.
Eine zweite Art externer Evaluation geschieht durch die Investoren der ersten Stunde. Venture-Capital-Geber (VC) können angesichts der grossen Menge kapitalhungriger Biopharma-Start-ups wählerisch sein. Wenn sie sich mit grossen Beträgen an einem Jungunternehmen beteiligen, ist das ein weiteres Indiz für ein erfolgsversprechendes Geschäftsmodell. Sowohl bei Arpida als auch bei Speedel sind renommierte VC am Werk. Sie haben ihr Vertrauen wiederholt bestätigt. Arpida bekam 2004 mit 84 Mio Fr. die grösste VC-Finanzspritze in ganz Europa. Auch Speedel konnte im Februar dieses Jahres eine grössere Kapitalerhöhung durchführen: Immerhin 48 Mio Fr. flossen in die Kasse der Basler.
Schliesslich sollten die Anleger auf Mehrproduktefirmen setzen. Dieses Kriterium erfüllt Speedel. Arpida hat derzeit nur den Wirkstoff Iclaprim in der klinischen Entwicklung. Fairerweise muss gesagt werden, dass bei einem Antibiotikum wie Iclaprim die Entwicklungsrisiken viel geringer sind als in der Medikamentklasse, die Speedel entwickelt.
Zuletzt sollten sich die Investoren zweimal überlegen, ob sie an IPO mitmachen wollen. Unternehmen, die bis auf Weiteres keine Gewinne schreiben, kann man auch zu einem späteren Zeitpunkt kaufen - oft billiger. Es gibt bereits zwei interessante Biopharmajungfirmen an der Börse: Basilea und, für sehr risikofähige Investoren, Cytos.

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