Auf dem Anleihenmarkt herrscht Aufruhr: Die Bonds von Freddie Mac und Fannie Mae sind in Schieflage geraten. Die von den Agenturen Standard & Poors oder Moodys verliehenen Top-Bonitätsratings blieben den beiden US-Hypothekenfinanzierern nur dank des Einspringens von Regierung und Notenbank mit Staatsgarantien erhalten.

Kein Wunder, trauen heute Experten dem System nicht mehr über den Weg: «Inskünftig sollte bei der Titelwahl die Fundamentalanalyse des Anlegers gegenüber den Einschätzungen der Ratingagenturen einen wichtigeren Platz einnehmen», rät John Feigl, Head of Swiss Institutional Credit Research bei Credit Suisse (CS). Wichtige Bausteine für die Bonitätseinschätzung sind laut Feigl das Geschäfts- sowie das Finanzprofil des Emittenten.

Im Prinzip gilt: Je höher und stabiler der Cashflow relativ zur Verschuldung und je konservativer die Finanzstrategie, umso besser die Ratingaussichten und umso grösser die Wahrscheinlichkeit für Kurssteigerungen der Obligationen.

Stabile bis sinkende Ratings

Für Schweizer Unternehmen geht Feigl in den nächsten 12 bis 18 Monaten von stabilen bis sinkenden Ratings aus. Für das «Kredithandbuch Schweizer Unternehmen 2008» hat die CS die Bonität von 48 Unternehmen untersucht. Für sechs Unternehmen lautete im Juni der Ratingausblick «negativ», nur zweimal wurde das Prädikat «positiv» vergeben. Die Gefahr für eine Herabstufung und damit Kursverluste sieht der Fachmann aktuell insbesondere bei Ciba, UBS, EGL, PSP Swiss Property, Rieter, Edipresse sowie Jelmoli.

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Während bei einigen Unternehmen eine Herabstufung aufgrund hoher Rohmaterialpreise sowie zunehmender Konkurrenz nicht ausgeschlossen werden könne, wirke sich für UBS das anhaltend schwierige Finanzmarktumfeld negativ aus. Auf Branchen bezogen prognostiziert John Feigl für den Chemie- und den Bankensektor fallende Bonitäten. «Chemie-Konzerne wie Ciba und Clariant werden weiter enorm Mühe bekunden, die steigenden Rohstoffpreise an die Kunden weiterzureichen», erläutert der CS-Fachmann. Das Beispiel des Chemiekonzerns Syngenta zeigt indessen, dass nicht alle Unternehmen aus einer Branche über einen Kamm geschoren werden dürfen.

Trotz hohen Rohstoffpreisen und der Ankündigung, 2008 bis zu 1 Mrd Dollar auszuschütten, sieht John Feigl die Kreditwürdigkeit des Konzerns nicht unter Druck. «Syngenta hat neben hohen Cashflows auch eine gesunde Kapitalstruktur und kann sich relativ hohe Ausschüttungen erlauben», erläutert Feigl.

Etwas pessimistischer untermalt ist der Ausblick von Michel Rodrigues. Der Fachmann vom Credit-Research der Bank Vontobel geht von einem negativen Bonitätsumfeld für die Schweizer Unternehmen und erhöhtem Ratingdruck aus. «Die Konsensschätzungen für die Reingewinne sind zu hoch. Ich erwarte eine Reihe von Revisionen», begründet Rodrigues seine Einschätzung. Die Anzahl der von der Bank im Rahmen des «Credit Manual» untersuchten Unternehmen beträgt 86 – vorwiegend Firmen, die von den grossen Ratingagenturen nicht abgedeckt werden, und aus der Finanzbranche nur Kantonalbanken. Lediglich bei vier Unternehmen lautete der Ausblick im Juni «positiv», bei zwölf hingegen «negativ». Die Gefahr eines Downgradings sieht Rodrigues aktuell neben Ciba und Clariant insbesondere bei Coop.

Upgrade-Potenzial sieht Rodrigues hingegen bei Syngenta, Holcim und Hilti. Syngenta und der Zementriese Holcim überzeugen durch ihre einzigartige Marktstellung und das Produkteportefeuille. Bei Hilti besteche hingegen der Direktvertrieb, die Innovationskraft und die Akquisitionspolitik.

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Private Equity auf Rückzug

Trotz tendenziell sinkenden Ratings sind auch vereinzelt Lichtblicke zu erwarten. So sei die Private-Equity-Branche aufgrund des schwierigeren Zugangs zu Fremdkapital und erhöhte Anforderungen an das Eigenkapital zurückhaltender. Unternehmen, die bei Akquisitionen bisher nicht zum Zug kamen und über gute Cashflows verfügen, könnten jetzt zu bedeutend besseren Konditionen zugreifen. Ein Beispiel ist ABB, der von der CS Potenzial zu einer Hochstufung attestiert wird.