Die grosse Frage, die zurzeit die Kunstszene beschäftigt, ist, ob – und wenn ja, wann – die Kunstwelt von der Entwicklung, welche die Finanzmärkte so arg in Mitleidenschaft gezogen hat, betroffen wird. Zwar zahlte auf der diesjährigen Februar-Auktion bei Sotheby’s ein amerikanischer Sammler für Andreas Gurskys C-print «Los Angeles» von 1998 1,476 Mio Pfund, aber nach Aussagen von Experten wird deutlich, dass die Fotografie – insbesondere die zeitgenössische – auf dem Kunstmarkt seit rund drei Jahren an Bedeutung verliert. Bereits 2005 stellte dies Dirk Boll, Managing Director von Christie’s, Zürich, anlässlich eines UBS Art Forums fest, als er bemerkte, dass die Begeisterung für die Fotografie etwas nachgelassen hätte. Auch auf den Kunstmessen ist die Zahl der gehandelten Fotografien zugunsten der Malerei zurückgegangen. So zeigte die Schau «Art Statements», die an der Art Basel eine Reihe von «young emerging artists» präsentiert, im vergangenen Jahr keinen einzigen Künstler, der ausschliesslich als Fotograf betrachtet werden konnte.

Kriterium «Lifestyle»

Diese Veränderung hängt nicht zuletzt mit der Schnelllebigkeit der heutigen Zeit zusammen, denn für jene jüngere Käuferschicht, die zeitgenössische Fotografie als «Einsteigermedium» für eine allfällige Sammlertätigkeit betrachtet, spielt das Thema «Lifestyle» eine bedeutende Rolle. Gekauft wird jeweils, was «in» ist und gefällt – mal ist es Fotografie, mal ist es Malerei. Schnell ist der Boom da, aber genau so schnell die Krise. Solche Entwicklungen sind für die Kunst und ihre Qualität, die letztendlich eine der wichtigsten Kriterien für künstlerische Nachhaltigkeit darstellt, ungesund.

«So wie Wein Zeit braucht, um zu reifen», meint Urs Stahel, Direktor des Fotomuseums Winterthur, «ist es auch mit der Kunst. Sie muss reifen, aber auch der Kunstinteressierte muss es.» Vor allem geht es darum, aufgrund von Erfahrung und Kenntnis sein Differenzierungsvermögen aufzubauen. Nadine Kriesemer, Spezialistin für zeitgenössische Kunst bei Sotheby’s, schliesst sich dieser Meinung voll an: «In einer Zeit, in der sich der Kunstinteressierte rund ums Jahr mit Messen und Auktionen beschäftigen kann, ist die Gefahr gross, dass vor lauter Bäumen der Wald nicht mehr gesehen wird. Es ist daher relevant, dass der Fokus auf Qualität nicht verloren geht.» Bei jenen, die Fotokunst kaufen, steht vielfach die dekorative Funktion im Vordergrund. Diese neue Käuferschicht ist nicht zu vergleichen mit dem traditionellen Connaisseur, der über Jahrzehnte sammelt und Galerien, Museen, Messen und Auktionen besucht, um das zu finden, was seiner Sammlung ihre individuell geprägte und unverkennbare Identität verleiht.

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Tatsächlich ist die Quantität an Fotoausstellungen in aller Welt, welche das Internetportal www.photography-now.com täglich anbietet, mehr als verwirrend und lässt rasch den Eindruck entstehen, dass zeitgenössische Fotografie zur «Allerweltskunst» verkommen ist.

Urs Stahel hat auf die Frage, wie er als Museumsdirektor in der Fülle des Angebotenen noch den Überblick behalten kann, eine hilfreiche, persönliche Antwort: «Will man sich in der Masse der zeitgenössischen Fotografen orientieren, muss man regelmässig Fachzeitschriften, Bücher, Ausstellungskataloge und das Internet einsehen. Ich tue das in der merkwürdigen doppelten Hoffnung: Erstens, dass ich die meisten der dort aufgeführten Künstlerinnen und Künstler kenne, denn das gibt mir das Gefühl, weiterhin gut informiert zu sein. Und zweitens in der Hoffnung, vielleicht drei oder vier Namen zu finden, die eine wahre ‹Entdeckung› sein könnten. Für mich ist es deshalb zur permanenten Aufgabe geworden, mich zu informieren».

Neue Talente zu entdecken, um eine nachhaltige Qualität der zeitgenössischen Fotografie sicherzustellen, ist mittlerweile zur fotomusealen Aufgabe geworden. Davon profitieren auch einsteigende Käuferschichten. Das Haus der Photografie in den Deichtorhallen, Hamburg, führt im Rahmen seiner «Triennale der Photografie» seit einigen Jahren sogenannte Portfoliosichtungen durch, wo jungen Fototalenten beim Start ihrer Berufskarriere Möglichkeiten zum Networking und qualifizierten Feedback von gestandenen Professionals und Künstlern geboten wird.

Kuratiertes Portfolio-Viewing

Auch das Fotomuseum Winterthur hat sich «nicht uneigennützig» seit 2007 mit der sog. Plat(t)form eine eigene Möglichkeit geschaffen, mit jungen fotografischen Talenten in Kontakt zu treten. So fand am 26./27. Januar 2008 mit der Plat(t)form 08 bereits das zweite kuratierte internationale Portfolio-Viewing für junge «emerging artists» aus Europa statt. Kuratoren, Lehrer von Kunstschulen, Galeristen und Verleger werden angefragt, junge Talente aus ihrer Region zu nominieren. Dieses Jahr wurden aus 100 Nominationen 42 Fotografinnen und Fotografen eingeladen, um in Winterthur ihre Arbeiten Experten, aber auch einem breiteren Publikum zu präsentieren. «Ich finde es grossartig», so Stahel, «mit diesen Talenten zu diskutieren und sie zu unterstützen. Wir müssen nun sogar aufpassen, dass nicht der Erfolg das Prinzip gefährdet.»

Wie in anderen Kunstbereichen herrscht auch in der zeitgenössischen Fotografie eine gewisse Orientierungslosigkeit. Gemäss Urs Stahel leben wir in der «Zeit der Gleichzeitigkeit des Ungleichen, wo vieles nebeneinander Platz hat». Es gibt zwar keinen Kanon mehr, und Trendforscher stehen beim raschen Wechsel im Marktgeschehen zunehmend im Regen, doch sind nach Ansicht von Stahel und Kriesemer die Top-Vertreter der inszenierten Fotografie nicht zuletzt so hoch im Kurs eines jungen Publikums, weil sie dem derzeitigen Bedürfnis nach fantastischen Bildwelten, welche die Grenzen zwischen Realität und Fantasie aufheben, entsprechen. So waren die Ausstellungen von Jeff Wall 2005 im Schaulager Basel oder von Gregory Crewdson 2006 im Fotomuseum Winterthur wahre «Renner». Ihre illuminierten Bilder sind stark in den Farben, messerscharf und künstlich. Und Andreas Gursky, der die Fotografie als Medium zur Konstruktion von Wirklichkeit einsetzt, übertrifft zurzeit immer noch alle Erwartungen. «Sein Hauptaugenmerk liegt auf der Ansammlung von Menschen und Stätten ihrer Zusammenkunft, auf den Strukturen der globalisierten Welt sowohl der Produktion, des Handels als auch des Konsums und der Freizeitgesellschaft», kommentierte Bernhard Mendes Bürgi, Direktor des Kunstmuseums Basel, die dortige Gursky-Ausstellung. Der Zeitgeist lässt grüssen.

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Dass es aber doch einen Trend gibt, bestätigt Urs Stahel auf die Frage, ob es stimmt, dass vermehrt Darstellungsformen aus dem 19. Jahrhundert aufgegriffen werden und sogar niederländische Altmeister fotografisch Konkurrenz erhalten: «Wenn man innerhalb der Feststellung, dass es keine wirklichen Trends mehr gibt, argumentiert, ist das tatsächlich ein Trend.»

Schweizer Präsenz bleibt

Als bekannte Schweizer Namen auf internationalen Auktionen erwähnt Nadine Kriesemer spontan Fischli Weiss und Pipilotti Rist. Sie ist überzeugt, dass sich die Liste von Schweizer Künstlern in nächster Zeit noch verlängern wird, denn es gibt etliche kreative Talente.

Die grossen Auktionshäuser konzentrieren sich heute jedoch vor allem auf etablierte, international anerkannte Kunst, die im oberen Preissegment angesiedelt ist. Interessenten orientieren sich deshalb am ehesten dort, wo man sich Zeit für Beratung und Auseinandersetzung mit dem Käufer und dem Künstler nimmt: In spezialisierten Galerien, die gute junge Fotokünstler und -künstlerinnen nachhaltig fördern, ihr Werk zeigen und es in wichtigen Sammlungen zu platzieren wissen. Wenn man solcherart einen spontanen Kauf tätigt, hat er sich trotz der momentanen Baisse im Fotomarkt wohl gelohnt – möglicherweise sogar fürs Leben.