Wie beurteilen Sie das Risiko für den Schweizer Finanzplatz nach den Staatsinterventionen?

Daniel Zuberbühler: Die Stabilität unseres Finanzsystems wird durch die staatliche Unterstützung der UBS und die privat organisierte Kapitalerhöhung der Credit Suisse gestärkt. Die Situation der übrigen Banken in der Schweiz war während der ganzen Krise gut. Sie stehen auch weiterhin robust da. Die Risiken des volatilen Marktumfeldes und die Aussicht auf eine weltweite Rezession bleiben aber trotz massiver Staatsinterventionen in fast allen Ländern bestehen.

Welche Lehre ziehen Sie aus dem Massnahmenpaket für die UBS?

Zuberbühler: Das Krisenmanagement hat sehr gut funktioniert. Die Aktion wurde von langer Hand seriös vorbereitet sowie mit schweizerischer Präzision und erst noch ohne Informationslecks abgewickelt. Der Staat hat seine Handlungsfähigkeit nach den Lehren des Swissair-Debakels unter Beweis gestellt.

Es gibt Stimmen, die sagen, die Regulierung sei schuld an der Krise.

Zuberbühler: Der Auslöser der Krise ? die minderwertigen Wohnbauhypotheken in den USA ? wurde durch laxe Kreditvergabe-Standards im Nicht-Bankensektor und eine politisch motivierte Eigentumsförderung zugunsten von überforderten Schuldnern be-günstigt. Für die Sünden der Investmentbanker kann man indessen nicht die Regulierung verantwortlich machen. Sie hat sie aber leider auch nicht verhindert.

Die Krise hat gezeigt: Risiken können nicht ausreichend erfasst werden. Gibt es Anpassungsbedarf?

Zuberbühler: Wenn etwas am Regelwerk des Basler Ausschusses gründlich versagt hat, dann waren es die noch unter Basel I 1996 eingeführten Value-at-Risk-Modelle zur Eigenmittelunterlegung von Marktrisiken. Sie wirkten extrem prozyklisch: Minimale Eigenmittelanforderungen für riesige Handelsbestände an verbrieften Krediten und sonstigen Derivaten in Friedenszeiten, explosionsartiger Anstieg in der Krise, wo das Eigenkapital knapp wird. Weil auf die Risikomesssysteme ? trotz eingeleiteter Korrekturen ? kein absoluter Verlass ist, braucht es eine einfache Begrenzung des Verschuldungsgrades, der Leverage Ratio, und eine massive Erhöhung der risikogewichteten Eigenmittelanforderungen in Boomzeiten.

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Das Rezept liegt in der Ausweitung der Eigenkapitalpuffer. Spielen die Grossbanken mittlerweile mit?

Zuberbühler: Unsere Grossbanken haben unter dem Eindruck der sich verschärfenden Krise eine Neubeurteilung vorgenommen und unsere Forderungen anerkannt. Mit der Credit Suisse haben wir uns Mitte Oktober auf die Eckwerte des zukünftigen Eigenmittelregimes geeinigt, mit der UBS wird dies in den nächsten Wochen geschehen.

Wird die Regulierung nun auch auf weitere Player ausgedehnt: Hedge-Fonds, Private Equity und strukturierte Produkte?

Zuberbühler: Der Ruf nach Beaufsichtigung von Hedge-Fonds hat vor allem in der EU wieder Auftrieb erhalten, aber ob die Angelsachsen hier mitmachen, ist noch offen. Für uns jedenfalls scheint mir das nicht prioritär. Strukturierte Produkte haben sich vor allem im Vertrieb als problematisch erwiesen, weil den Anlegern das Emittentenrisiko nicht erklärt wurde. Aber sie deswegen wie kollektive Kapitalanlagen einer aufwendigen Produktekontrolle zu unterstellen, wäre übertrieben.

Wie gross schätzt die EBK das Risiko ein, dass die Reformbestrebungen nach einem Abflauen der Krise wieder an Kraft verlieren?

Zuberbühler: In Boomzeiten hat die Finanzbranche ein kurzes Gedächtnis. Das war der Grund, weshalb wir bereits Anfang April 2008 ? mitten in der Krise ? den Tarif für die Eigenmittelerhöhung der Grossbanken angekündigt haben und das Projekt zur Festlegung der langfristigen Zielgrössen rasch zum Abschluss bringen. International und national werden die Reformbestrebungen schon deshalb nicht rasch abflauen, weil diesmal überall Staatsgelder mobilisiert werden mussten. Im Gegenteil besteht wegen der verständlichen Emotionsbewirtschaftung durch Medien und Politiker eher die Gefahr einer undifferenzierten Überregulierung.

Wird man durch Regulierungen eine ähnliche Krise in Zukunft verhindern können?

Zuberbühler: Nein, diese Illusion sollte man nicht haben. Aber man muss die Finanzbranche resistenter gegen Schocks machen.

Der Ruf nach vermehrter internationaler Regulierung wird stärker.

Zuberbühler: Die internationale Harmonisierung der Bankenregulierung ist dank dem Basler Ausschuss für Bankenaufsicht bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) bereits sehr weit fortgeschritten. EBK und Nationalbank (SNB) wirken dort seit Langem aktiv mit. Die SNB vertritt die Schweiz zudem im Financial Stability Forum, welches die Arbeiten der verschiedenen internationalen Aufsichtsorganisationen koordiniert und seit Beginn der Krise massgeblich steuert. Unsere Vorstellungen zur massiven Verschärfung der Eigenmittelanforderungen für Grossbanken haben wir sofort in den Basler Ausschuss eingebracht.

Internationale Regeln sind bisher Empfehlungen, die zu nichts verpflichten.

Zuberbühler: Es handelt sich zwar formell nur um Mindeststandards ohne völkerrechtlich verbindlichen Charakter. Faktisch entfalten sie aber durch Gruppendruck, Länderexamen durch den IWF und aus Reputationsgründen ihre volle Wirkung. Dieser faktische Zwang zur Umsetzung wird wegen der Krise zusätzlich verstärkt und ist wesentlich effizienter als die langwierige Verankerung in völkerrechtlichen Abkommen.