Schock in Frauenfeld: Die Thurgauer Schleifpapierproduzentin Sia will 260 von 620 Stellen streichen. Die Konfektion von Schleifmitteln soll nach Osteuropa verlagert werden. Das Unternehmen will Mitte 2016 mit der Verlagerung beginnen und sie bis Ende 2017 abgeschlossen haben, wie es in einem Communiqué heisst.

In Frauenfeld bleiben sollen dagegen die Vertriebssteuerung der Schleifmittel über ein internationales Netzwerk an Tochtergesellschaften und Partnerunternehmen sowie Marketing und Produktentwicklung, heisst es weiter. Die Firma hat das Konsultationsverfahren eröffnet.

Frankenaufwertung als Todesstoss

«Die geplanten Massnahmen fallen uns nicht leicht», wird Geschäftsleiter Martin Küper in der Mitteilung zitiert. Sie seien aber notwendig, um die Firma und den Standort zu sichern. Das Schleifmittelgeschäft der Bosch-Tochter sei schon seit Jahren in einer «äusserst schwierigen wirtschaftlichen Situation».

«Die Lage ist im Wesentlichen der Verschärfung des internationalen Wettbewerbs im Industriegeschäft sowie der massiven Aufwertung des Schweizer Frankens geschuldet», begründet die Firma den Entscheid. Der Exportanteil der Sia liege bei mehr als 90 Prozent. Daher habe die weitere Aufwertung des Schweizer Frankens durch die Freigabe des Wechselkurses Anfang 2015 die Situation nochmals «drastisch» verschärft.

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Empörung bei der Gewerkschaft

Die Arbeitnehmervertretung Angestellte Schweiz zeigt sich in einer ersten Reaktion empört. «Viele verdiente langjährige Mitarbeiter mit bis zu 40 Dienstjahren sollen ihre Stelle verlieren», heisst es. Ein grosser Teil von ihnen sei ungelernt und werde es sehr schwer haben, eine neue Stelle zu finden, da in der Region kaum vergleichbare Arbeitsplätze existierten.

«Die Angestellten büssen einmal mehr für den starken Franken und für Fehler des Managements», wettern die Arbeitnehmervertreter. Der im Gesamtarbeitsvertrag eingebaute Krisenartikel sei nicht genutzt worden und die Wachstumsvorgaben realitätsfern.

Kosten für die Stadt

Für die Stadt Frauenfeld könnte eine Massenentlassung in diesem Ausmass ebenfalls schmerzliche Folgen haben, warnt der Verband. Die Stadt müsste für zusätzliche Sozialkosten aufkommen und Einbussen bei Einkommens- und Unternehmenssteuern in Kauf nehmen.

Die Arbeitnehmervertreter fordern das Management von Sia auf, die Massnahmen in einem «ausgedehnten Konsultationsverfahren von mindestens sechs Monaten» zusammen mit den Sozialpartnern nochmals «sorgfältig» zu prüfen. Oberstes Ziel müsse es sein, für alle, die von der Entlassung bedroht sind, eine Lösung zu finden – im Betrieb oder ausserhalb.

Traditionsbetrieb mit langer Historie

Die Bosch-Gruppe beschäftigt in der Schweiz rund 3500 Mitarbeiter. Im Jahr 2014 erwirtschafteten die Gesellschaften der Schweiz einen Umsatz von 1,5 Milliarden Franken. Unter anderem zählen hierzu die Robert Bosch AG, die Scintilla AG, die Bosch Rexroth Schweiz AG, die Bosch Automotive Service Solutions AG, die Buderus Heiztechnik AG, die Schweizer Gesellschaften von Bosch Packaging, die Sia Abrasives Industries AG und die BSH Hausgeräte AG.

Sia stiess 2008 zur Bosch-Gruppe. Davor war das Unternehmen an der Schweizer Börse kotiert. Die erste «mechanische» Herstellung flexibler Schleifmittel in Frauenfeld datiert auf das Jahr 1875.

(ise/ama)