Europas grösstes Zeitungshaus, Axel Springer, und Ringier haben mit dem Zusammenschluss ihrer Osteuropa-Aktivitäten in der Medienlandschaft für Aufsehen gesorgt. Das neue Unternehmen - ein Joint Venture, an dem beide Konzerne zu je 50% beteiligt sind - zählt gesamthaft 4800 Mitarbeitende, über 100 Zeitungen und Zeitschriften und umfasst Polen, Ungarn, Tschechien, die Slowakei und Serbien. Dieser Zusammenschluss lässt aus fünf Gründen aufhorchen:

1. Expansionsstrategie: «Wir glauben an Osteuropa», begründet Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, das Joint Venture. Die beiden Verlagshäuser wollen bei der Erholung der osteuropäischen Medienmärkte eine führende Rolle spielen und gemeinsam in deren Zukunft investieren. Ein dreistelliger Mio-Euro-Betrag steht dem neuen Unternehmen für die anstehende «Digitalisierungswelle» (Döpfner) und Akquisitionen zur Verfügung. Laut dem Ringier-CEO Christian Unger hat man 200 Firmen auf dem Radar. In drei bis fünf Jahren planen die beiden Verlagshäuser zudem, die neue Firma an die Börse zu bringen.

2. Profitables Wachstum: Obwohl die Volkswirtschaften Mitteuropas mit Ausnahme Polens im Jahr 2009 überdurchschnittlich geschrumpft sind, waren jene Märkte für Axel Springer und Ringier letztes Jahr «hochprofitabel» (Unger). Das neue Unternehmen hat 2009 auf Pro-forma-Basis einen Umsatz von 600 Mio Fr. und einen Betriebsgewinn von 89 Mio Fr. erzielt. Die Ebidta-Marge betrug 15%, und dies in einem Krisenjahr, was auf künftiges Ertragspotenzial schliessen lässt. Kommt hinzu, dass die Aussichten für Osteuropa mit einem BIP-Wachstum von über 6% für 2010 rosiger sind als in Westeuropa (1,8%).

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3. Nummer eins: Die Boulevardmedien haben sich in Europa als krisenresistent entpuppt. Dies veranschautlicht vor allem die «Bild»-Gruppe, die zu Axel Springer gehört: Die Werbeerlöse hielten sich im Krisenjahr 2009 auf dem Niveau des Vorjahres, und die Ebitda-Rendite betrug 20,1%. Etablierte und klar positionierte Boulevardmedien wie «Bild» haben gegenüber den «klassischen» Tageszeitungen strukturelle Vorteile: Erstens sind sie vom Zusammenbruch der Rubrikeninserate verschont geblieben, da sie praktisch keine haben. Zweitens betreiben Boulevardmedien mit eigenen Bildern und Geschichten einen Exklusivjournalismus, der sich deutlich von vielen Printtiteln unterscheidet. Basis des neuen Unternehmens von Axel Springer und Ringier bilden fünf Boulevardzeitungen, die in Polen, Tschechien, der Slowakei, Serbien und Ungarn bereits Nummer eins sind.

4. Multimediale Vernetzung: Das Erfolgsrezept der «Bild»-Gruppe ist die Verschmelzung von Information, Unterhaltung und Service auf allen medialen Kanälen. Dieses Modell wird das neue Joint-Venture-Unternehmen nun in Osteuropa umsetzen. Namentlich die Online-Bereiche sollen weiter entwickelt werden, im Fokus stehen Internetangebote für Auto-, Stellen- und Immobilienmärkte; Akquisitionen sind explizit auch vorgesehen. Geplant ist ferner eine gesamteuropäische Vermarktungsplattform. Ausserdem wollen Ringier und Axel Springer den erfolgsbasierten Online-Vermarkter Zanox in Osteuropa etablieren.

5. Standort Zürich: Der Hauptsitz der neuen Firma wird in Zürich lokalisiert sein. Damit gewinnt der Medienplatz Zürich zusätzlich an internationaler Attraktivität und Ausstrahlung.