Die diesjährige Hurrikan-Saison, die bis Ende November dauert, ist mit dem Sturmtief Arthur eingeläutet worden. Der erste Tropensturm zog mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 60 Stundenkilometern über die mexikanische Halbinsel Yucatán, ohne grössere Schäden zu hinterlassen.

Für die Rückversicherer stellt sich nun die bange Frage: Welche Überraschungen birgt der Atlantik dieses Jahr? Inwiefern werden die Luftmassen zu verheerenden Stürmen aufgepeitscht, die den Golf von Mexiko mit den Erdölplattformen und die US-Küste treffen? Verschiedene Hurrikan-Forschungszentren prophezeien eine aussergewöhnliche Hurrikan-Saison mit überdurchschnittlich vielen Stürmen. Laut der Colorado State University ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein heftiger Hurrikan die US-Küste heimsucht, sogenannte Landfalls, mit 69% sehr hoch. So werden dieses Jahr 15 tropische Stürme statt normalerweise 10 erwartet, darunter 8 Hurrikane statt 6.

Sorgenkind Golf von Mexiko

Sorgen bereitet den beiden weltgrössten Rückversicherern, Swiss Re und Münchener Rück, insbesondere der Golf von Mexiko. «Es gibt Analysen, wonach Hurrikane im Golf von Mexiko die weltweit grössten Kumul-Potenziale haben», sagt Torsten Jeworrek, Vorstandsmitglied der Münchener Rück und weltweit zuständig fürs Rückversicherungsgeschäft, auf Anfrage der «Handelszeitung». Im Extremfall seien Schäden denkbar, die bisher erreichte Summen noch einmal weit überstiegen.

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Das sind keine guten Aussichten. Zum einen schockierten die beiden aussergewöhnlichen Hurrikan-Jahre 2004 und 2005 (Zerstörung von New Orleans) mit Gesamtschäden von 40 Mrd Dollar (3100 Todesopfern) bzw. 100 Mrd Dollar (1600 Toten) die Welt und die Rückversicherungsbranche. Zum anderen würde ein Unterbruch der Erdölförderung im Golf von Mexiko den Ölpreis weiter in die Höhe treiben und damit die Inflation zusätzlich anheizen.

Jeworrek gibt zu bedenken, dass die beiden Hurrikan-Saisons 2004 und 2005 mit Milliardenschäden im Bereich Offshore-Energie auch «Lehrstunden» gewesen seien. Bei derartigen Exponierungen seien strikte Limiten, Risikodiversifizierung und Risikokontrolle besonders wichtig. «In der Konsequenz wurden seitdem die Bedingungen der Verträge grundlegend überarbeitet und damit die Deckungen verändert», sagt Jeworrek.

Was heisst das nun konkret für die Branche? Swiss Re hat in seine Risikoberechnungen einfliessen lassen, dass die Hurrikan-Frequenz in den nächsten 10 bis 20 Jahren überdurchschnittlich sein wird. «Unsere Katastrophenmodelle berücksichtigen diese Entwicklungen, ebenso die Prämien für Naturkatastrophen-Rückversicherungen», sagt Andrew Castaldi, Head Cat Perils Americas bei der Swiss Re.

Was das konkret in Zahlen heisst, wollen die Rückversicherer nicht bekannt geben, da der- zeit für grosse Teile des US-Geschäfts die Verträge neu ausgehandelt werden. Zudem tobt gegenwärtig in der Branche ein Konkurrenzkampf, der sich auch direkt auf die Prämien auswirkt.

Angeheizt wird der Preisdruck zudem durch die staatlichen Eingriffe in Florida, die den privaten Versicherungsmarkt zugunsten von staatlichen Risikoträgern einschränkt: «Die Privatversicherer werden gezwungen, Versicherungsschutz zu nicht risikogerechten Prämien anzubieten, die bei grossen Schäden die Solvenz der Versicherer in Gefahr bringen könnte», meint Castaldi von der Swiss Re.

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Ins gleiche Horn stösst Jeworrek: «Klar ist, dass ein staatlicher Eingriff dem Prinzip der risikoadäquaten Bepreisung widerspricht. Durch eine staatlich beförderte Untertarifierung von Versicherung wird im Grunde eine Ansiedlung in Hochrisikogebieten unterstützt.» Für Jeworrek ist dieses Vorgehen in hoch exponierten Hurrikan-Regionen wie Florida kein zielführender Weg. Die beiden Branchenführer Swiss Re und Münchener Rück bieten keine speziellen Hurrikan-Produkte an. Sie vertrauen den bestehenden Produkten, besonders den Naturkatastrophen-Anleihen, den Cat Bonds. Und die Rückversicherer geben in den Erneuerungsrunden auch mal Geschäfte auf, wenn der Preis und die Bedingungen zur Deckung eines Risikos nicht mehr stimmen.

 

 


Wirtschaftsentwicklung und Inflation sind die Top-Risiken für Versicherer

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Die weltweite Versicherungs- und Rückversicherungsindustrie blickt mit Sorgen auf die gegenwärtige ökonomischen Turbulenzen und die unsicheren Finanzmärkte. Die Verlangsamung der Weltwirtschaft als Folge der Kreditkrise wird als Top-Risiko für die nächsten zwölf Monate angesehen. Ebenfalls zu den unmittelbaren Toprisiken zählt die Branche die hohe Volatilität an den Finanzmärkten sowie das Anziehen der Inflation.

Zu diesen Schlüssen kommt The Geneva Association, ein Think Tank, dem die CEO der weltgrössten Versicherer und Rückversicherer angehören. Die Chefs von 40 Konzernen, darunter AIG, Aviva, Axa, Lloyds, Prudential und Swiss Re, haben an dieser Befragung teilgenommen.

Die Chefs der führenden Versicherer erachten zwar die Konsequenzen der Kredit- und Finanzmarktkrise auf ihr Unternehmen als nicht einschneidend. Gewisse regulatorische Rahmenbedingungen dürften sich aber auch bei den Versicherern ändern, und zwar als Folge («spill-over») der zu erwartenden Schritte in der Bankenaufsicht. Die grösste Gefahr wird indes bei einer Überreaktion der Versicherungsregulatoren geortet.

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Die Anpassungen der Eigenkapitalaustattungen, die sogenannten Solvenzvorschriften, die in der Versicherungswirtschaft den Namen Solvency II tragen, werden von den Befragten grossmehrheitlich begrüsst. Einziger Wermutstropfen: Die CEO möchten, dass das EU-Projekt schneller umgesetzt wird.

Unzufrieden sind die Versicherer und Rückversicherer hingegen mit den jüngsten Entwicklungen bei den Rechnungslegungsvorschriften, namentlich mit dem IFRS-Standard. Kritisiert wird die Strossrichtung der Reformen und wiederum die viel zu langsame Umsetzung. (pi)