Was in diesen Wochen geschehen ist, war bis anhin unvorstellbar – das

abrupte Abfallen von top bewerteten A-Papieren», sagt Sanitas-Chef Otto Bitterli. Auch seine Versicherung hatte in Anlagen investiert, die bis vor einem Monat als absolut sicher galten, unter anderem in Papiere von Sigma. Zudem wurde in einige Lehman-Produkte investiert.

Der viertgrösste Krankenversicherer der Schweiz muss trotz des diversifizierten Portfolios Abschreibungen vornehmen. Zusätzlich werden laut Bitterli die Anlagen auf Stufe Einzeltitel überprüft. Als Folge der fallenden Kurse ging der Aktienanteil der Gesamtanlagen bei der Sanitas-Gruppe von 26 auf unter 20% zurück.

Die Groupe Mutuel, Nummer zwei in der Schweiz, hatte schon im August angekündigt, dass die Mitgliederkassen aufgrund der Lage der Finanzmärkte Verluste verzeichnen und einen Grossteil ihrer in den vorhergehenden Jahren summierten Reserven dafür einsetzen würden, die Rückerstattungen der Pflegeleistungen zu gewähren. Ende 2008 würden folglich fast alle überschüssigen Reserven aufgebraucht sein.

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Dynamit hinter den Zahlen

Die Groupe Mutuel hat zwar nach eigenen Aussagen weder Lehman- noch Sigmaprodukte im Portfolio und musste noch keine Abschreibungen tätigen. Doch warnt Mediensprecher Christian Feldhausen inzwischen: «Sollten weitere starke Kurseinbrüche erfolgen und bis Ultimo 2008 keine Gegenbewegungen in Form von Kurssteigerungen erfolgen, müssen wir über die Bücher gehen.» Branchenweit rechnet die Groupe Mutuel mit einem Kapitalverlust von 230 Mio Fr. für das Jahr 2008.

Auch der Branchenleader Helsana gibt zu: «Wir zehren heute ganz klar davon, dass wir unser Eigenkapital in den vergangenen Jahren dank den guten bis sehr guten Kapitalerträgen der Jahre 2004 bis 2006 verstärkt haben», so Sprecher Rob Hartmans. Im Hinblick auf das Jahresergebnis 2008 zeichne sich auf jeden Fall ein deutlicher Rückgang der Kapitalerträge ab. 2007 erzielte Helsana ein Ergebnis von 200 Mio Fr. «Dieses Jahr sind wir schon mit einer blanken Null zufrieden», sagt Hartmans.

Im Vergleich zu gewissen Vertretern der Bankbranche scheinen diese Zahlen zwar geradezu heilig. Doch steckt Dynamit dahinter: Die Finanzierungssituation der Krankenkassen könnte nämlich schneller und dramatischer ins Negative kippen als in den letzten Monaten bei den Banken.

Konkurse sind weniger das Thema. Realistisch ist hingegen die Gefahr von saftigen – an sich vermeidbaren – Prämienerhöhungen. Der Grund: Während bei Banken über eine Verschärfung der Eigenkapitalvorschriften nachgedacht wird und bei Privatversicherungen eine risikobasierte Aufsicht mit dem sogenannten Swiss Solvency Test SST (siehe Box) eingeführt wurde, soll die soziale Krankenversicherung nach dem Willen des Bundesrates ihre Reserven massiv reduzieren. Und das ist gefährlich. «Krankenversicherer brauchen als Basis für die finanzielle Sicherheit eine solide Eigenkapitalunterlegung. Diese wird bei einem Kurszerfall angegriffen. Wenn davon Banken betroffen sind, erstaunt es nicht, dass auch Versicherer Werte abschreiben müssen», erklärt Sanitas-Chef Bitterli.

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Druck auf die Reserven

Die Reserven dienen den Krankenversicherern dazu, Unwägbarkeiten aufzufangen und so dramatische Prämienerhöhungen zu vermeiden. Sie sollen die Zahlungsfähigkeit der Versicherer für eine Finanzierungsperiode von zwei Jahren sicherstellen. Die Mindestquoten sollen nun aber gemäss Bundesrat gesenkt werden. Für Kassen mit über 150000 Kunden gilt etwa bis im Jahr 2010 ein Mindestsatz von 10% des Prämienvolumens gegenüber den bisherigen 15%. Gemäss dem Bundesrat sollen zudem die Reservebestände bis 2012 zwischen den Kantonen ausgeglichen werden. Angesprochen sind insbesondere die Kantone Zürich, Waadt und Genf.

Durch die Reservesenkungen verspricht sich der Bundesrat eine Dämpfung des Prämienanstiegs. Versicherungsexperten halten dies für falsch. «Problematisch ist, dass mit Reservesenkungen, welche die Prämien senken sollen, die Illusion erzeugt wird, man habe die steigenden Gesundheitskosten im Griff. Da streut man den Leuten Sand in die Augen. Denn die Kosten steigen, und die Prämien werden ebenfalls klettern. Aber dann hat man das Tafelsilber bereits verscherbelt», glaubt Daniel Schmutz, CFO und Mitglied der Konzernleitung von Helsana (siehe nebenstehendes Interview).

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Doch damit nicht genug: Eine Prämienerhöhung könnte schon allein dadurch nötig werden, dass die Krankenversicherer in Unterdeckung geraten. Felix Schneuwly vom Krankenkassenverband santésuisse warnt: «Werden aufs Minimum gesenkte Reserven durch Kostenschübe unterschritten, müssen sie im nächsten Jahr mit höheren Prämien wieder aufgestockt werden. Kombiniert mit einem starken Kostenwachstum und einer schwachen Konjunktur, kann das für Prämienzahlende dramatisch werden.»

Dies ist kein Hirngespinst. Das haben bereits die enormen Prämienerhöhungen des vergangenen Jahrzehnts gezeigt: 1996 betrugen die durchschnittlichen Reserven der Grundversicherungen noch 25,7%. In den Jahren danach senkten die Versicherer laufend ihre Reservebestände. Dies ging gut, bis 2001 die Börsen einbrachen und die Kassen mit einem Schlag die Mindestreservequote unterschritten.

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Immerhin scheint derzeit noch etwas Luft vorhanden. So hat etwa der Verband der kleinen und mittleren Krankenversicherungen (RVK) keine Hinweise darauf, dass die Schwankungsreserven von einzelnen Mitgliedern einen gefährlichen Tiefstand erreicht hätten. Dennoch gibt sich auch Direktor Marcel Graber vorsichtig: «Unser Verband schreibt immer noch schwarze Zahlen, aber es gibt nicht mehr viel Raum unter der Decke.» Graber hofft deshalb, dass das Bundesamt für Gesundheit davon absieht, die Krankenversicherer ihre Reserven im geplanten Tempo abbauen zu lassen.

BAG stellt sich taub

Weiter gehen die grossen Versicherer Sanitas und Helsana. Beide fordern die Abschaffung der starren Mindestreservequoten. «Die aktuell volatile Situation zeigt, dass in der Krankenversicherungsaufsicht stärker risikobasierte Modelle zum Tragen kommen sollten», glaubt Bitterli. Das Bundesamt für Privatversicherungen (BPV), dem auch die Zusatzversicherungen der Krankenkassen unterstehen, hat es mit dem SST vorgemacht. Das Modell stellt sicher, dass die Versicherer langfristig ihren Verpflichtungen nachkommen können. Helsana hat bei dem für die Grundversicherungsaufsicht zuständigen Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Forderung bereits vorgebracht, SST auch hier einzuführen. Allerdings zeigt die Behörde wenig Gehör.

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«Das Thema SST wurde bei uns andiskutiert. Es wurde jedoch nicht weiter verfolgt, da kein Nutzen erkennbar war», sagt Rinaldo Gadola, Sektionsleiter Aufsicht Krankenversicherung beim BAG. Seines Erachtens ist die soziale Grundversicherung der Krankenkassen nicht mit der Privatassekuranz vergleichbar. Tatsache ist aber auch, dass man beim BAG zu keinerlei Sorge Anlass sieht. «Bis jetzt haben die Kassen trotz Reservesenkungen mit über einer Milliarde Franken noch genug Polster. Wir sehen auch keinerlei Anzeichen dafür, dass sich irgendeine Kasse in Schwierigkeiten befinden würde», so Gadola. Es sei der politische Wille, dass Krankenversicherungen nicht zu viele Reserven äufnen. Druck von Seiten der Krankenkassen, das System zu ändern, spüre man ebenfalls nicht.

Alles in Butter scheint allerdings doch nicht zu sein. Denn das Bundesamt für Privatversicherungen (BPV) macht sich durchaus Sorgen. Während das BAG einzelne Kassen nötigte, in gewissen Kantonen die Prämien zu senken, lancierte das BPV im Zusammenhang mit der Finanzkrise mehrere Umfragen zur Eigenkapitalsituation der ihm unterstehenden Versicherer, eingeschlossen die Krankenkassen, die im Zusatzversicherungsbereich tätig sind.

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Vorsicht gegen Vertrauen

Würde man den Mindestreservevorgaben des BAG Vertrauen schenken, wäre die Vorsicht des BPV nicht nötig. Denn Kassen im Zusatzsegment verfügen über komfortable Reserven in der Höhe von 19,6% der Prämieneinnahmen. Das entspricht immerhin fast der doppelten der Mindestreservequote der Grundversicherung für grosse Kassen.