Kunststoff ist der Werkstoff des 21. Jahrhunderts», schwärmt Ernesto Engel, Geschäftsführer des Kunststoff Verbands Schweiz (KVS). Tatsächlich ist das Anwendungsspektrum der aus Erdöl gefertigten Materialien schier unbegrenzt. Das hat aber die Branche nicht vor der Krise gerettet. Die Umsätze schrumpften 2009 im Schnitt um 10 bis 15%. Je nach Marktausrichtung traf es die Firmen unterschiedlich. «Die stärksten Einbussen erlitten die Zulieferer der Maschinen- und Automobilindustrie; hingegen wurden die Hersteller von Verpackungen und von Bauwerkstoffen von der Krise weitgehend verschont», so Engel.

Zu den Gebeutelten gehörte die börsenkotierte Gurit, ein weltweit führender Produzent von Hochleistungskunststoffen, die in Windkraftwerken, Flugzeugen und Schiffen eingesetzt werden. Statt mit 455 Mio Fr. wird für 2009 noch mit einem Umsatz von rund 350 Mio Fr. gerechnet. Zumindest die betriebliche Rentabilität soll aber nicht wesentlich gelitten haben, dank rasch angepasster Kapazitäten und operativer Verbesserungen. «Wichtig ist es, trotz Rezession die langfristige Strategie zielstrebig umzusetzen; wir haben jedenfalls die Krise genutzt, um unsere Position auf dem Weltmarkt weiter auszubauen», sagt Sprecher Bernhard Schweizer. So hat Gurit 2009 in China zwei Unternehmen übernommen und damit im dort schnell wachsenden Markt für Windenergie stärker Fuss gefasst. «China ist nun unser wichtigster Produktionsstandort, und in der Schweiz fertigen wir nur noch gewisse Aerospace-Teile», so Schweizer.

Weniger tiefe Spuren hinterliess die Krise bei der PetroplastVinora in Andwil SG. Sie ist mit 400 Angestellten und rund 140 Mio Fr. Umsatz im Bereich Folien und Verpackungen Schweizer Marktführer. Als Stütze erwies sich vor allem der Lebensmitteldetailhandel. «Vereinzelt haben wir allerdings Kunden an ausländische Hersteller verloren, die mit Tiefpreisen auf den Schweizer Markt vordrängten», räumt CEO Reto Vinzenz ein. Bauchweh machten ihm zudem die in den letzten zwölf Monaten um fast 50% gestiegenen Rohmaterialpreise. Diese Mehrkosten konnten nicht immer an die Kunden weitergegeben werden. Vinzenz spricht von einem Rappengeschäft und betont: «Neben tiefen Preisen fordert der Markt beste Leistung, hohe Flexibilität und rasche Liefertermine.»

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Erste Aufwärtssignale

Kaum im Sog der Krise sah sich hingegen Patrick Semadeni, CEO der Semadeni AG in Ostermundigen BE. Diese Firma fertigt im Spritzgiessverfahren Instrumente, Geräte und Verpackungen aus Kunststoff für die Forschung, das Gesundheitswesen und verschiedene industrielle Bereiche. «Wir haben zwar auch einen Umsatzrückgang erlitten, aber lediglich im einstelligen Bereich. Zudem haben wir sofort mit Massnahmen auf der Kosten- und Absatzseite reagiert, sodass nun ein befriedigendes Ergebnis resultiert», sagt der Firmenchef. Er geht davon aus, dass im laufenden Jahr wieder ein kleines Wachstum angesagt ist.

Auch KVS-Geschäftsführer Engel gibt sich vorsichtig optimistisch: «Die Talsohle ist im letzten Jahr erreicht worden; jetzt gibt es erste Aufwärtssignale.» Zweifellos hatte die Krise auch eine heilsame Wirkung: Viele Kunststoffwerke liefen in den Boomjahren an ihren Kapazitätsgrenzen. Sie kämpften mit Wachstumsproblemen und fanden kaum Personal. Diese Probleme sind passé. Zugute kam vielen Unternehmen zudem, dass sie in den besseren Zeiten ihre Hausaufgaben erledigt hatten. «Technisch ist die Schweizer Kunststoffindustrie Spitze», lobt KVS-Sprecher Michael Baumgartner. Selbst komplexe Produkte können vollautomatisch und dank leistungsfähigen Maschinen kostengünstig hergestellt werden. Selbst kleinere Unternehmen setzen auf globale Arbeitsteilung und haben einfachere Produktionsschritte in Billiglohnländer ausgelagert. Die komplizierteren Prozesse jedoch, vom Einrichten und Bemustern bis zum Optimieren, werden weiterhin aus der Schweiz gesteuert.

Fast unbegrenzte Möglichkeiten

Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Innovationskraft. Semadeni zum Beispiel, mit 140 Beschäftigten und rund 30 Mio Fr. Umsatz bereits ein mittleres Unternehmen in der fragmentierten Branche, hat kürzlich ligninbasierte Biokunststoffe lanciert. «Wir möchten in diesem Bereich eine Pionierrolle einnehmen», so der Chef. Weitere Felder mit viel Zukunftspotenzial sind der Maschinen- und Fahrzeugbau, wo Leichtbauweise zum entscheidenden Kriterium wird und Kunststoffkomponenten immer häufiger schwere Metallteile ersetzen. Auch in der Wärmedämmung ruhen die Hoffnungen auf neuen Kunststoffen. Sowieso ermöglicht der technologische Fortschritt laufend neue Anwendungen: In der Medizinaltechnik, im Apparatebau, in Spielzeugen, Uhren oder Zahnbürsten.

Angesichts der breiten Produktpalette kann es nicht weiter überraschen, dass sich diese Branche aus sehr unterschiedlichen Akteuren zusammensetzt. Das illustrieren nicht zuletzt die zwölf verschiedenen Fachgruppen des Verbandes. Mehr als zwei Drittel der mehr als 900 Kunststofffirmen sind Nischenplayer und zählen weniger als 50 Angestellte. Nur gerade rund 30 Firmen beschäftigen mehr als 250 Personen, darunter Akteure wie Ems Chemie, Geberit, Georg Fischer oder Sika, für die Kunststoffkomponenten lediglich einen Teil des Geschäfts ausmachen. «Sie alle stehen nun vor der Herausforderung, den Kunststoff wieder auf den Erfolgspfad zurückzuführen», sagt Engel.