Auf diesen 9.9.09 hatten sie lange gewartet: Ein graumelierter Herr im Business-Anzug, daneben eine Dame im Deux-Pièce, hinter ihr ein gereifter Kreativer mit Rossschwanz. Sie alle können kaum glauben, was ihnen die Verkäuferin bei Musik Hug am Zürcher Limmatquai zu erklären versucht: «Nein, wir haben keine einzige Box der neuen digitalisierten Beatles-CDs mehr. Tut uns leid.»

Das gleiche Bild im Musikhaus Jecklin, nur ein paar Strassen weiter: Köpfeschütteln von kaufwilligen Kunden und Verkäufern, die kein Hehl machen aus ihrem Ärger über eine Musikindustrie, die aus ihrer Sicht versagt hat. Im Computer am Verkaufsregal schaut der Verkäufer nach, ob Musikproduzent EMI irgendwo in Zürich doch noch begehrte CD-Boxen in genügender Menge angeliefert hat.

Das Resultat ist niederschmetternd: Am Tag, an dem die Medien in grossen Berichten über die neu gemasterten Beatles CDs schwärmen, ist in Zürich bereits am Mittag keine einzige Box mehr erhältlich. Dabei wären mit den begehrten Sammelpackungen saftige Umsätze zu machen gewesen: 299 Fr. kostet die Stereo-Box im Laden. Sie enthält 16 Beatles-Alben der Jahre 1963 bis 1970. Die kriselnde Musikbranche hätte dringend neue Impulse nötig (siehe Tabelle).

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«Wir waren völlig überrascht von der grossen Nachfrage», sagt Marie-Claude Debons von Orange, dem Mutterhaus von CD-Händler Citydisc. «Deshalb war die Box so schnell ausverkauft, aber in einigen Wochen ist sie wieder erhältlich.» Ex-Libris-Sprecher Roger Huber erklärt: «Emi Europa wurde durch diesen Erfolg bei den Kunden sichtlich überrascht und hat uns und allen anderen Detaillisten erklärt, dass neue Beatles-Boxen erst wieder im Oktober zu erwarten sind. Glücklicherweise gilt das aber nicht für Ex Libris.»

So will Ex Libris alle Bestellungen der Boxen bereits in der kommenden Woche ausliefern. Michael Kern, Productmanager der Musik-Hug-Gruppe, zu der auch Jecklin gehört, meint: «Die Boxen waren sehr schnell ausverkauft. Wir warten auf die Nachlieferung.»

EMI: Handel ist verantwortlich

Für den Engpass schiebt EMI dem Detailhandel die Schuld in die Schuhe: «Der Handel hat das Thema Beatles völlig unterschätzt», sagt Beat Binggeli, Generalmanager von EMI Schweiz. «Wir haben doppelt so viel produziert wie der Handel bestellt hat.» EMI habe mit einem Run auf die Boxen gerechnet. «Bei unserer Herstellung sind wir aber auf das Feedback des Handels angewiesen», meint Binggeli. Schliesslich würde EMI die Herstellung einer Box rund 200 Fr. kosten, deshalb könne EMI nicht planlos produzieren, sondern müsse auf den Handel hören, um am Schluss nicht auf der Ware sitzen zu bleiben. EMI will in Kürze weitere Boxen produzieren.

Vier Jahre lang hatten die Tontechniker in den Studios an der Londoner Abbey Road getüftelt, um den gesamten Musikkatalog der Beatles für eine Neuauflage aufzubereiten. Ihr Werk überzeugt, nicht aber das der Verkaufsabteilungen. Eine Verkäuferin, die anonym bleiben will, bringt es auf den Punkt: «Die Musikindustrie jammert über illegale Downloads, doch jetzt, da die Leute im Laden stehen, ist sie unfähig zu liefern.»