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Brau-Boom: Craft Beer rollt den US-Markt auf

Pale Ale: Sierra Nevada Brewin in Kalifornien.   Bloomberg

Das Geschäft der kleinen unabhängigen Bierbrauer boomt in den Vereinigten Staaten. Die Akteure auf dem Markt könnten verschieden nicht sein.

Veröffentlicht am 01.09.2014

Die grossen Bier-Multis schwächeln, doch das Geschäft der Indy-Branche wächst mit zweistelligen Raten: Amerikas Durst auf «Craft Beer» lockt Unternehmer und Investoren. Boom oder Blase - wie viele Brauereien kann die weltgrösste Volkswirtschaft vertragen?

Freitagabend, die Zapfanlage im «Arts and Crafts Beer Parlor» läuft auf Hochtouren: Bierkreationen wie «Flying Dog Raging Bitch», «Coronado Sock Knocker» oder «Victory DirtWolf» verkaufen sich - der Laden ist voll.

Gut für Ex-Special-Agent Don Borelli. Nach 25-jähriger FBI-Karriere hat er die stylische Kellerbar in Greenwich Village erst Ende März mit einem Freund zusammen aufgemacht. Günstiges Timing: handgemachte Bierspezialitäten, Craft Beers, liegen in Amerika im Trend.

Brauereien sind trendy

Der Hype in Zahlen: Ein Verkaufsplus von 17,2 Prozent im Geschäftsjahr 2013 meldet der Branchenverband Brewers Association. Im schrumpfenden Gesamtmarkt, wohlgemerkt. In der ersten Hälfte des laufenden Jahres stiegen die Zulassungen von Brauereien in den Vereinigten Staaten laut der Steuer- und Handelsbehörde auf mehr als 4500 - über 500 neue Anträge seit Dezember.

Zum Vergleich: 1995 gab es noch weniger als 1000 Betriebe. «Egal wie man die Daten betrachtet, das sind erstaunliche Zahlen», sagt Lester Jones, Chefökonom vom Lobbyverband der Bierlieferanten NBWA.

Der Brooklyn Brewery gefällt das. Das Unternehmen hat seine Verkaufszahlen in den vergangenen fünf Jahren verdreifacht und dabei noch nicht einmal Geld für Werbung ausgeben müssen. Gründer Steve Hindy, ein ehemaliger Journalist, entdeckte die Leidenschaft fürs Heimbrauen als Korrespondent in islamischen Ländern mit Alkoholverbot wie Saudi Arabien oder Kuwait.

Heute liefern er und sein Kompagnon Tom Potter von Brooklyns Hipster-Hochburg Willamsburg aus Lager, Pils und Ale in 26 US-Staaten und 20 Länder weltweit. In New Yorks Delis und Groceries sind ihre Sixpacks allgegenwärtig.

Es sind Geschichten wie diese, die ehemalige FBI-Agenten, vor allem aber Unternehmer und Investoren ins Bier-Business treiben. 100 Milliarden Dollar schwer ist der amerikanische Markt. 7,8 Prozent davon steuerten unabhängige Hausbrauereien zuletzt bei - Tendenz steil ansteigend.

Das weiss man auch in der Private-Equity-Branche und an der Wall Street. Die Investmentbank Demeter Group prognostiziert für Craft Beer bis 2020 einen Marktanteil von 20 Prozent. Venture-Kapitalisten wie Fireman Partners aus Boston setzen drauf.

Grosse Bierkonzerne mit dem Rücken zur Wand

Wegen ihrer schwachen Absatzentwicklung in Amerika könnten die grossen Bierkonzerne wie ABInBev, SABMiller, Carlsberg oder Heineken über kurz oder lang in die Tasche greifen, um ihre Marktanteile und Margen durch die Übernahme erfolgreicher kleiner Firmen auszubauen.

Die müssen allerdings auch wollen - oftmals ist das Brauen eher Leidenschaft als Geschäftszweck. In weiten Teilen der Szene gilt das Motto: «No Sell out». Bislang ist nur ABInBev ein grösserer Zukauf gelungen. Das war 2011 und sorgte bei vielen Fans für Unmut.

Einigen in der Branche scheint der ganze Rummel und Andrang sowieso etwas unheimlich. «Viele fragen sich - wie viele Brauereien können die USA vertragen?», sagt Bart Watson, Chefökonom der Brewers Association.

Das bekannte Wirtschaftsblog «Business Insider» warnte schon Ende 2013 vor der grossen Blase. Nachdem Watson nachgerechnet hat, gibt er allerdings rasch Entwarnung - die USA hätten halt einigen Nachholbedarf. So gebe es beispielsweise in Deutschland umgerechnet auf die Bevölkerung deutlich mehr kleine Hausbrauereien.

Doch auch dort wird es bald Konkurrenz aus den USA geben: Greg Koch, Chef der zehntgrössten amerikanischen Craft-Brauerei Stone Brewing aus Südkalifornien, will in einem ehemaligen Berliner Gaswerk bis 2016 einen Komplex mit Brauerei, Restaurant, Biergarten entstehen lassen. Koch verachtet Industriebier und er schert sich nicht um das deutsche Reinheitsgebot. Aus seinen Braukesseln kommen Sorten mit rauchigen, würzigen oder süsslichen Aromen.

(sda/chb)

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