Die Schweizer Industrie wirkt noch immer wie vor den Kopf gestossen - obwohl es mittlerweile schon eine Woche her ist, seit Bundesrat Ueli Maurer bei der Beschaffung neuer Kampfflugzeuge die Notbremse gezogen hat. Der Grund: Viele Unternehmen fürchten um die lukrativen Gegengeschäfte, die wegbrechen, wenn die Kampfjets doch nicht beschafft werden (siehe Kasten). «Wir reden von Kompensationsaufträgen in der Höhe von bis zu 2,2 Mrd Fr.», betont Ruedi Christen, Kommunikationschef der Industrievereinigung Swissmem. Ein grosser Brocken im Vergleich zu den Gegengeschäften, welche die Schweizer Industrie derzeit am Laufen hat (siehe Tabelle). Von den 2,8 Mrd Fr., welche die Schweizer Firmen in den Büchern haben, ist gemäss Armasuisse-Sprecher Kai-Gunnar Sievert bereits die Hälfte abgetragen worden. Die Industrie könnte also neuen Schub bei den Kompensationsgeschäften gut gebrauchen - umso mehr, weil die Rüstungsprogramme in den kommenden Jahren aus Spargründen ohnehin klein ausfallen werden.

Aufwendige Vorbereitungen

Von den Gegengeschäften kann eine Vielzahl hiesiger Unternehmen profitieren: Etwa Flugzeughersteller wie Pilatus Aircraft und Luftfahrtzulieferer wie Ruag; aber auch Industriefirmen, die nicht in der Aviatik tätig sind und indirekte Kompensationsgeschäfte an Land ziehen können - etwa Firmen aus der Elektro-, Elektronik- und der Chemieindustrie sowie aus dem Maschinenbau.Die Schweizer Unternehmen wussten um die Bedeutung der Kampfjet-Beschaffung - und bemühten sich bei den drei ausländischen Hersteller-Konsortien Rafale International (Dassault/Snecma/Thales), Eurofighter (unter der Führung von EADS) und Gripen (Saab) dementsprechend. «Alle Beteiligten, wir und mögliche Partner in der Schweiz, haben sehr viel Aufwand betrieben», sagt Pius Drescher vom französischen Anbieterkonsortium Rafale. «Im Sinne einer langfristigen Strategie haben wir bereits vor über fünf Jahren damit begonnen, mit Firmen aus allen Kantonen eine langfristige Industrie- und Technologiepartnerschaft aufzubauen.»

Im vergangenen Jahr organisierten Swissmem und die welsche Schwesterorganisation GRPM je drei Anlässe in Zürich und Lausanne, um die drei Hersteller und Schweizer Industrie zum gegenseitigen Kennenlernen zusammenzubringen. Im Anschluss an die insgesamt sechs Meetings - jeder Anbieter empfing separat - besuchten Vertreter der ausländischen Hersteller die Schweizer Firmen. Technische Unterlagen wurden ausgetauscht, erste Offerten eingereicht. Ausländische und Schweizer Unternehmen trafen zahlreiche Vorvereinbarungen, nun liegen zum Teil unterschriftsreife Verträge vor. Zudem wurden bereits verschiedene Aufträge erteilt. Drescher von Rafale nennt als Beispiele die jurassische Condor (Hochpräzisions-Maschinenteile), den Gebtriebespezialisten Sauter Bachmann in Netstal und die Präzisionsgiesserei Precicast in Novazzano.

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Doch nun fürchten die hiesigen Firmen um die lukrativen Gegengeschäfte. Denn beschafft die Schweizer Armee die Kampfjets nicht, gibt es logischerweise auch keine Gegengeschäfte. «Und das ausgerechnet jetzt, da die Konjunktur am Boden liegt», klagt ein Unternehmer, der in Verhandlungen mit den drei Jet-Anbietern steht und seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Zwar werden die Aufträge erst in einigen Jahren aktiviert, selbst wenn die Flugzeuge schon morgen bestellt würden. «Aber bei meinen kreditgebenden Banken wäre ein solcher Auftrag, den wir in Aussicht haben, ein positives Signal», erklärt der Unternehmer.

Der Mann steht nicht alleine da. Von Gegengeschäften profitieren in vielen Fällen spezialisierte Klein- und Kleinstfirmen, die wenig diversifiziert sind, in Krisenzeiten rascher unter Druck kommen und deshalb auf Gegengeschäfte angewiesen sind.

Ruag winken Millionenaufträge

Die Liste von kleinen und mittleren Firmen, die im Lauf der Jahrzehnte bereits von Gegengeschäften profitiert haben, ist lang: In einer Broschüre von Rafale werden als Beispiele unter anderem die Westschweizer Vibro-Meter (Sensoren) und die Basler Revue Thommen (Flugzeuginstrumente) genannt.

Wohin sich Gegengeschäfte entwickeln können, zeigt das Beispiel Ruag Aerospace: Die Tochter des bundeseigenen Technologiekonzerns, die Strukturbauteile herstellt sowie Flugzeug endmontiert und wartet, arbeitet bereits seit Jahren mit Rafale-Hersteller Dassault zusammen. «Bereits heute produzieren wir die Zusatztanks des Rafale und warten die Geschäftsflugzeug-Familie Falcon», erklärt Ruag-Sprecherin Christiane Schneider.

Nun ist gemäss Rafale International geplant, auch die Produktion von Strukturbaugruppen des Rafale-Jets an Ruag zu übertragen - nicht nur für die aktuelle Beschaffung, sondern auch für alle später produzierten Rafales. Ruag winken damit in Zukunft Folgeaufträge in Millionenhöhe - wenn sich die Schweiz für den Rafale entscheidet.

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«Die nicht exklusive Rahmenvereinbarung mit Dassault für einen allfälligen Tiger-Teilersatz wurde im Mai 2009 abgeschlossen», bestätigt Ruag-Sprecherin Schneider.