Im Skandal um illegale Abhörpraktiken der britischen Boulevardzeitung «News of the World» (NOTW) kommt immer mehr Schmutz zum Vorschein – und das dürfte nur die Spitze des Eisberges sein. Laut der Zeitung «The Guardian» soll der frühere Kommunikationsberater von Premierminister David Cameron, Andy Coulson, von der Londoner Polizei zum Verhör geladen worden sein.

Coulson war früher Chefredaktor des Boulevardblattes und soll entgegen seinen Beteuerungen von den Abhörpraktiken seiner Redaktion gewusst haben. Coulson war nach der Wahl Camerons dessen Kommunikationschef, bevor er im Januar im Zuge des Abhörskandals von diesem Posten zurücktrat.

Auch die Polizei geschmiert

Gemäss der Zeitung «Evening Standard» sollen NOTW-Mitarbeiter nicht nur Handys von Prominenten, Soldatenwitwen, Opfern von Terroranschlägen und Familien von entführten Kindern abgehört , sondern auch die Polizei geschmiert haben. Ranghohe Mitarbeiter der Londoner Polizei, schreibt die Zeitung, hätten rund 100‘000 Pfund Bestechungsgelder von der Boulevardpostille angenommen.

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Die 168 Jahre alte «News of the World» , die zu Rupert Murdochs Medienkonzern gehört,  erscheint am Sonntag zum letzten Mal – angeblich mit einer Entschuldigung auf der Titelseite und ohne Werbung. Denn alle Inserenten haben sich nach Medienberichten zurückgezogen, nachdem die Reputation von NOTW definitiv ruiniert war.

Dass Murdoch das Blatt per sofort stoppe und rund 200 Mitarbeiter auf die Strasse stelle, sei deswegen keineswegs nur ein moralischer Entscheid, sondern ein ökonomischer, schreibt «The Independant». Denn nachdem immer widerlichere Details zum Abhörskandal ans Tageslicht gekommen sind, sei die Zeitung auch wirtschaftlich tot.

Frühere Chefin in der Kritik

Massiv in der Kritik steht auch die frühere Chefin von «News of the World», Rebekah Brooks. Sie soll von den Abhörpraktiken gewusst haben. Sie ist heute CEO von Murdochs News International, dem Herausgeber von NOFW. Rücktrittsforderungen lehnt sie aber  ab – und Verleger James Murdoch steht im Verdacht, mit der Schliessung des Boulevardblattes den Kopf von Brooks retten zu wollen.

«News of the World» ist gemäss britischen Medien mit 2,8 Millionen Exemplaren pro Woche die meistverkaufte Zeitung Grossbritanniens.  Sie erscheint im Verlag News International, dem britischen Arm des Medienimperiums von Rupert Murdoch, der News Corporation. Chef des britischen Ablegers ist Murdochs Sohn James.

Cameron gesteht Fehler ein

Der unter Druck stehende Premierminister David Cameron gestand am Freitag Fehler ein und kündigte einen grundlegenden Umbau der Presseaufsicht an. Der Skandal drehe sich keinesfalls nur um eine einzige Zeitung und einen Journalisten, sondern auch um Polizei und Politik, betonte Cameron in London. «Wir stecken alle mit drin - die Presse, die Politiker, die Chefs aller Parteien, ich selbst inbegriffen.» Die Parteiführer seien so erpicht darauf gewesen, in der Gunst der Zeitungen zu stehen, dass sie wissentlich ignoriert hätten, wie bei einigen Blättern gearbeitet worden sei.

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Cameron kündigte mehrere Untersuchungsausschüsse an. Möglichst bald werde er eine unabhängige Kommission einsetzen, die Vorschläge machen solle, wie die britische Presselandschaft in Zukunft reguliert werden könne. Das sei sehr schwierig, da die Pressefreiheit nicht eingeschränkt werden dürfe. «Freiheit der Presse heisst aber nicht, dass sie über dem Gesetz steht.» Auch Vorwürfen, dass die Polizei Bestechungsgelder angenommen habe, werde auf den Grund gegangen.

Cameron sagte, die Entscheidung, den früheren Chefredakteur der «News of the World» Andy Coulson zu seinem Kommunikationschef zu machen, sei ein Fehler gewesen. Er übernehme dafür die volle Verantwortung.

(cms/laf)