Energiesparen kann nicht nur viel Geld kosten – sondern auch viel Nerven. Im Kanton Aargau hat ein Einfamilienhaus das Zertifikat Minergie erhalten, obwohl das Objekt von gröberen Mängeln betroffen war und der Energieverbrauch dreimal höher lag als berechnet. Ein privater Bauherr im Kanton Zürich streitet seit Jahren mit seinen Baupartnern, weil die Qualität zu wünschen übrig lässt: Die von Minergie vorgeschriebene Lüftung war unbrauchbar und mit kiloweise Schmutz verunreinigt. Dennoch hatte die zuständige kantonale Stelle vom Schreibtisch aus das Gütesiegel Minergie verliehen.

Das Label kommt vermehrt in Argumentationsnot. Einerseits fassen umfassendere, breit abgestützte internationale Labels in der Schweiz Fuss und stossen hier auf Akzeptanz. Die Immobiliengesellschaft Swiss Prime Site lässt zum Beispiel ihren Prestigebau Prime ­Tower in Zürich in erster Linie nach dem amerikanischen Gütesiegel LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) zertifizieren. Anderseits haben zahlreiche Kantone ihr Engagement bei Minergie sukzessive reduziert. Daniel Klooz vom Amt für Umweltkoordination und Energie des Kantons Bern erläutert: «Uns hat zum Beispiel gestört, dass die Kantone ursprünglich Inhaber dieser Marke waren, dann aber dennoch Tantiemen an Minergie zahlen mussten.»

Bis jetzt sind in der Schweiz 23 000 Gebäude nach einem der Minergie-Standards zertifiziert worden. Der Vergleich mit internationalen Standards zeigt jetzt: Der Weg zum Label in der Schweiz ist viel zu einfach. Für den Basisstandard Minergie genügt bereits ein einfacher Nachweis aufgrund der Pläne eines Bauprojekts. Eine theoretische Berechnung auf einem Stück Papier reicht, um ein Gebäude mit dem Zertifikat schmücken zu können.

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Machtlos gegen Baupfusch

Ob auf der Baustelle so gebaut wird, wie es auf den Plänen vorgesehen ist, kann nur in Stichproben von 10 Prozent untersucht werden. Die Fehlerquellen sind in Tat und Wahrheit aber erheblich: Nicht selten werden falsch gelieferte Bauelemente verbaut, die Bauausführung ist oft unzuverlässig. Man kann nicht einmal ausschliessen, dass am Ende billigere und schlicht untaugliche Fenster oder Wärmedämmungen angebracht werden. Franz Beyeler, Geschäftsführer von Minergie, wehrt sich gegen diese Vorwürfe: «Auf den Baustellen wird unter enormem Druck gearbeitet. Baupfusch hat aber grundsätzlich nichts mit Minergie zu tun.» Umstritten sind auch die von Minergie vorgeschriebenen automatischen Lüftungen. Antonio Milelli vom Verein Minergie sagt dazu: «Bei den Lüftungen geht es nicht in erster Linie um den Aspekt des Energiesparens über die Wärmerückgewinnung, sondern um den zusätzlichen Wohnkomfort.»

Die grosse Herausforderung sind jedoch nicht die Neubauten, sondern die grosse Zahl älterer Gebäude, bei denen Energieverbrauch und CO₂-Ausstoss reduziert werden soll. Zwar haben etliche Vorzeigebauten von Architekten wie Karl Viridén oder Dietrich Schwarz gezeigt, dass sich selbst bei älteren Wohnhäusern erstaunliche Verbesserungen erzielen lassen. Doch über den gesamten Gebäudebestand betrachtet, bleibt die Wirkung sehr begrenzt.

Architekten, die sich eingehend mit den Eigenschaften von Altbauten beschäftigt haben, wenden sich gegen die um sich greifende «Einpackungs­architektur», so zum Beispiel der St. Galler Architekt Phi­lipp Hostettler: «Den entscheidenden Fehler sehe ich darin, dass man sich bei der gängigen Beurteilung von Altbauten auf rein theoretische, computergestützte Berechnungen verlässt.» Ein massives Mauerwerk eines Altbaus schneide zusammen mit der passiven Nutzung der Solarenergie – Sonneneinstrahlung auf das Gebäude im Winter – sehr viel besser ab, als viele glauben wollten.

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So zeichnet sich eine Tendenz ab, dass sowohl bei der Sanierung als auch beim Neubau im Zeichen von Minergie die immer gleichen technischen Lösungen, die mehr oder weniger gleichen Materialien und die gleiche Technik verbaut werden. All dies zulasten einer eingehenden Planung und Diskussion von Varianten. Wie wenig zielgerichtet die heute getroffenen politischen Massnahmen sind, zeigt das Gebäudeprogramm von Bund und Kantonen. Hauseigentümer, die Fenster, Türen oder Fassadenelemente mit bestimmten Wärmedämm­eigenschaften einbauen, können sich über Fördergelder freuen – selbst wenn die Einbauten die Gesamtenergiebilanz gar nicht verbessern.

Wer die gängige Doktrin der Dämmung von Bauten hinterfragt, hat einen schweren Stand. So erging es zum Beispiel Hansjürg Leibundgut, Professor für Gebäudetechnik an der ETZ Zürich. Nach seiner Interpretation gehen die Schweizer Dämmvorschriften auf die Energiekrise von 1973 zurück, stammen also aus einem ganz anderen Kontext. Seither habe die Technik aber grosse Fortschritte gemacht. Er und andere ETH-Professoren streben vor allem den Ersatz fossiler Brennstoffe und die Reduktion des CO₂-Ausstosses an. Dabei wäre es denkbar, den in Gebäuden benötigten Strom für Wärmepumpe, Elektrogeräte oder Haustechnik aus Wind- und Sonnenenergie zu gewinnen – entweder vor Ort über eine Speicherung der im Sommer anfallenden Solarenergie oder über grosse zentrale Solarkraftwerke – zum Beispiel in der Sahara. Damit lies­sen sich Ziele wie die 2000-Watt-Gesellschaft oder die Reduktion von CO₂ tatkräftig umsetzen. Weiter sagt Leibundgut, dass man bei Altbauten, wo den Dämmmöglichkeiten Grenzen gesetzt sind, mit besseren Wärmepumpen mehr erreichen könne. Nach der Interpretation von Minergie-Geschäftsführer Franz Beyeler sind die beiden Sichtweisen aber sehr wohl vereinbar: «Was Leibundgut vorschlägt, ist im Wesentlichen eine von mehreren Varianten, um unser neues Label Minergie A zu erreichen, also ein Haus, das die benötigte Energie selbst produziert.»

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Wärmepumpen für Altbauten

Inzwischen melden sich mehr und mehr Fachleute zu Wort, die zwar die vielen Errungenschaften von Minergie anerkennen, aber neue Ansätze vorbringen. Ein Beispiel dafür ist Moreno Piccolotto vom Büro 720° Architekten in Altendorf: «Bei jedem Projekt sind die einzelnen Massnahmen hinsichtlich Gesundheit, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit zu hinterfragen.» Energiesparen allein könne dabei ebenso wenig das oberste Prinzip sein wie der von den heutigen Energiestandards vorgeschriebene Energieverbrauch pro Wohnfläche: Denn wenn zwar pro Fläche weniger Energie verheizt, dafür aber mehr Wohnfläche konsumiert wird, ist in der Summe noch gar nichts erreicht. «Die Energiebilanz muss pro Person betrachtet werden», folgert Piccolotto.

Auch für die Zürcher Wohngenossenschaft mehr als wohnen, die in Zürich ein ganzes Quartier neu erstellen möchte, will man es nicht mehr bei der Label-Frage ­bewenden lassen. Andreas Hofer, Projektleiter Bau bei der neuen Genossenschaft, sagt dazu: «Es stimmt zwar, dass wir beim Energieverbrauch den Grenzwert von Minergie-P anstreben.» Die Genossenschaft sei aber gross genug, um selbst fundierte Abklärungen zu den ganzen Stoffflüssen, zum Energieverbrauch oder zu den Betriebskosten zu treffen. «Daher nehmen wir uns die Freiheit», so Hofer, «letztlich selbst zu entscheiden, mit welchen Massnahmen wir das Ziel nachhal­tiges Bauen erreichen wollen.»

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