VERSICHERUNGEN.

Den Schweizer Versicherern droht Ungemach. Wird die nationale Regulierungsvorschrift Swiss Solvency Test (SST) nicht im Rahmen der europaweit geplanten Neuregelung der Versicherungsaufsicht (Solvency II) von der EU anerkannt, müssen sich die Unternehmen mit Auslandsgeschäft weiterhin einer doppelten Aufsicht unterziehen. Das beträfe den Grossteil des Schweizer Versicherungsgeschäfts: Mehr als zwei Drittel des Prämienvolumens generiert die Privatassekuranz ausserhalb des Landes.

Über Solvency II hat der EU-Ministerrat diesen Monat erstmals debattiert. Die Schweiz war noch nicht Thema. Dennoch schauen die Versicherer voller Spannung nach Brüssel. «Wir wollen nichts dem Zufall überlassen. Denn sollten wir mit unserem Anliegen der gegenseitigen Anerkennung nicht durchdringen, hätten die international tätigen Versicherer aus der Schweiz einen Standortnachteil», sagt Lucius Dürr, Direktor des Schweizerischen Versicherungsverbandes (SVV). Im Klartext: Es könnte die Abwanderung von Schweizer Hauptsitzen drohen.

Problematische Mehrbelastung

Der Verband beschäftigt neuerdings sogar eine Lobbyistin in Brüssel. Aufgrund der Langsamkeit der EU rechnet Dürr mit mindestens zwei bis drei Jahren, bis überhaupt das Thema der Äquivalenz aufs Tapet kommt. Seine grösste Sorge ist indes, dass aufgrund von Verzögerungen für die EU noch die alte Solvency I gilt, während die Schweiz längst das neue SST-Verfahren anwendet.Hato Schmeiser, Direktor des Instituts für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen, sieht in diesem Fall oder auch bei der definitiven Nichtanerkennung von SST vor allem für mittlere Versicherer Probleme. «Für grosse Unternehmen, wie Swiss Re oder Zurich FS, mit eigenen Regulierungsabteilungen dürfte eine solche Situation zu meistern sein. Aber die mittleren Versicherer könnte der administrative Mehraufwand an die Grenzen bringen.» Der volkswirtschaftliche Schaden sei nicht zu vernachlässigen. «Die Auswirkungen wären gleich negativ wie bei technischen Handelshemmnissen», meint Schmeiser. Nicht zuletzt würde auch der Kunde durch einen transparenten und kostengünstigen Wettbewerb gewinnen.

Restrukturierungen geplant

Das Sparpotenzial wäre beachtlich. Bei Swiss Life kann man zwar nichts beziffern, doch sei klar, dass sich Aufwand und Doppelspurigkeiten verminderten. Zurich FS sieht handfeste organisatorische Veränderungen. Im Fall einer Harmonisierung von Risikokapitalanforderungen und Buchhaltungsprinzipien würde der Versicherer die Unternehmensstruktur in Europa vereinfachen, wie Dieter Wemmer, Chief Regulatory Officer, gegenüber der «Handelszeitung» bestätigt.Der Rückversicherer Swiss Re passt bereits jetzt im Hinblick auf die bevorstehende Umsetzung der EU-Rückversicherungsrichtlinie seine Strukturen an. Man wird laut Giovanni Gentile, Head Group Regulatory Affairs, drei Rechtseinheiten mit Sitz in Luxemburg gründen. Diese sollen als Risikoträger einen Grossteil des europäischen Rück- und Erstversicherungsgeschäfts von Swiss Re abwickeln und Niederlassungen in der übrigen EU haben. Bis Mitte 2009 soll die Umstrukturierung abgeschlossen sein. Die Rückversicherungsrichtlinie wird in Solvency II übergeführt.Ruhiger geht man bei Helvetia die bevorstehenden Umwälzungen an. «Es ist möglich, dass das Äquivalenzprinzip sich nicht durchsetzt. Aber wir gehen davon aus, dass sich SST und Solvency II in den kommenden Jahren soweit annähern werden, dass das Äquivalenzprinzip zumindest inhaltlich erreicht werden kann», meint Peter Bamert, Leiter Corporate Finance & Risk Management. Und selbst wenn nicht, hätte dies voraussichtlich keine Konsequenzen für den Firmenstandort.

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