Nach der geplatzten Megaübernahme von Unilever durch Kraft Heinz herrscht in der Lebensmittel- und Konsumgüterbranche gespannte Erwartung. Experten fragen sich, ob der US-Ketchuphersteller nun ein neues Ziel ins Auge fasst. Der Vorstoss von Kraft bei Unilever untermauere das Interesse und die Kapazitäten des Konzerns, grosse Zukäufe zu stemmen, erklärte Analyst Andrew Lazar von der Barclays-Bank. «Und das womöglich in kurzfristiger Perspektive.»

Sein Kollege Ali Dibadj von Geldhaus Sanford Bernstein nannte Colgate-Palmolive als mögliches Übernahmeziel. Die Offerte für Unilever zeige Krafts Bereitschaft zu bedeutenden Transaktionen jenseits des Stammgeschäfts mit Nahrungsmitteln. Die Analysten von Société Générale erklärten, auch Unilever könnte nun einen strategischen Zukauf ins Auge fassen, um die eigene Unabhängigkeit zu sichern – ebenfalls mit dem Kauf des US-Konzerns Colgate.

Weitere Fusionen möglich

Martin Deboo von der Investmentbank Jefferies warf die Frage auf, ob manche oder alle Lebensmittel-Marken von Unilever bei Kraft nicht doch gut aufgehoben sein könnten. Nach britischem Übernahmerecht darf Kraft aber erst wieder in sechs Monaten mit Unilever Fusionsgespräche führen.

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In Bankenkreisen hiess es, auch Spekulationen über einen Kraft-Vorstoss bei MondelezMilka», «Tuc», «Toblerone») würden nun neue Nahrung erhalten. Michael Hewson von Online-Broker CMC Markets konstatierte, jedenfalls werde die Lebensmittelbranche als Sektor im Blickpunkt bleiben, in dem weitere Fusionen möglich seien.

Mega-Deal geplatzt

Ein Zusammenschluss von Kraft und Unilever wäre die grösste Übernahme eines britischen Unternehmens aller Zeiten gewesen. Er hätte Marken wie Philadelphia-Frischkäse, Weight Watchers, Knorr, Lipton und Dove unter einem Dach vereint. Entstanden wäre ein Konzern mit einem Umsatz von gut 82 Milliarden Dollar, der nahe an den Schweizer Weltmarktführer Nestlé mit 89 Milliarden Dollar herangerückt wäre.

Doch das Vorhaben scheiterte schnell. «Unsere Absicht war ein Vorgehen auf freundschaftlicher Basis», erklärte ein Kraft-Sprecher. «Aber es wurde klar, dass Unilever keine Transaktion anstrebte.»

Gerüchte auf dem Parkett

Kraft sah sich am Freitag gezwungen, die Pläne öffentlich zu machen, nachdem an den Börsen entsprechende Gerüchte zirkulierten. Die postwendende brüske Absage des britisch-niederländischen Konzerns überraschte das Kraft-Management, wie eine mit der Sache vertraute Person sagte. Kraft habe dann die Offerte zurückgezogen, da die anschliessenden Verhandlungen mit Unilever zu schwierig geworden wären.

Insidern zufolge fürchtete Unilever, die Geschäftsmodelle beider Konzerne könnten nicht zusammenpassen. Ausserdem wurde mit heftigem Widerstand aus Politik und Gewerkschaften gerechnet.

Angst vor May

Die britische Premierministerin Theresa May hatte unter dem Eindruck des Brexit-Votums strenge Prüfungen für Pläne ausländischer Firmen angekündigt, heimische Unternehmen kaufen zu wollen. In dem Zusammenhang hatte sie die Übernahme der britischen Cadbury durch Kraft im Jahr 2010 als einen Deal bezeichnet, der besser untersagt worden wäre.

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Ein Sprecher Mays erklärte allerdings am Montag, ihr Büro habe bei Krafts Rückzug-Entscheidung die Finger nicht im Spiel gehabt. Hinzu kommt, dass in den Niederlanden, deren Regierungschef Mark Rutte früher selbst für Unilever arbeitete, im März Wahlen anstehen.

3G als Dorn im Auge

Heikel war für Unilever laut Insidern vor allem die Beteiligung des brasilianischen Finanzinvestors 3G Capital, der nach Buffetts Gesellschaft Berkshire Hathaway zweitgrösster Aktionär von Kraft Heinz ist. Hinter 3G steht der brasilianisch-schweizerische Doppelbürger Jorge Paulo Lemann, der in Rapperswil-Jona SG lebt. 3G ist bekannt dafür, den übernommenen Firmen hohe Schulden aufzubürden und dann von ihnen drastische Einsparungen zu verlangen, um möglichst viel Profit aus dem Investment herauszupressen.

Jorge Paulo Lemann ist berühmt für grosse Deals. Vor fast 10 Jahren schluckte er mit seiner brasilianisch-belgischen Brauerei InBev den grösseren und traditionsreichen Rivalen Anheuser-Busch. Mit Hilfe der Investmentbanker von Lazard gleiste er ein 52 Milliarden Dollar schweres Paket auf, das ihn zum unangefochteten Bierkönig machte.

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«Rücksichtslose Kostenjäger»

Der im April in Pension gehende Nestlé-Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck beschrieb Lemanns 3G-Partner einst als «rücksichtslose Kostenjäger», die die Nahrungsmittelindustrie pulverisiert hätten.

Die Unilever-Führung habe daher den Wert der eigenen Marken und die geplante kostenaufwendige Expansion in Schwellenländern in Gefahr gesehen, sagten Personen, die mit den Überlegungen vertraut sind.

(sda/ise/me)