Weil ihr Eigenheim viel zu tun gibt, werden in öko-sozialen Kreisen ihre Besitzer oft davor gewarnt, ihr Haus mit Garten leichtfertig zu verkaufen. «Die Zeit wird kommen, da du auf deinen eigenen Salat angewiesen sein wirst», warnen sie. «Sogar Gemüse wirst du selbst anbauen, wenn die Wirtschaftssysteme Europas dereinst alle am Boden liegen.» Wie man liest, halten neuerdings viele US-Bürger Hühner im Hinterhof, um nie auf Fleisch und Eier verzichten zu müssen.

Wer solches hört, hat sich vielleicht schon überlegt, wie er in seinem Garten eine Kuh halten solle, ohne sein Grünzeug mit ihr teilen zu müssen. Möglicherweise liegt die Lösung südwärts, auf den unbewarteten Alpen des Maggiatals. Denn Guido Leutenegger, vormals städtischer Bau- und Umweltdirektor von Kreuzlingen TG und demnach ein vernünftiger Mensch, sucht Investoren, die ihm Geld zur Verfügung stellen für den Kauf von Kühen: Ein schottisches Hochlandrind kostet 2500 Fr.

Und was hat der Städter davon? «Während zehn Jahren senden wir dem Käufer pro Jahr Qualitätsfleisch im Wert von 350 Fr. Entweder in mehreren Paketen oder alles auf einmal, entweder einige Filets oder mehrere Kilos vom Gehackten über Siedfleisch und Voressen bis Mostbröckli und Saftschinken», erklärt Leutenegger sein Konzept. «Natürlich isst man nicht seine gekaufte Kuh, sondern Teile eines geschlachteten Rinds, das schon früher angeschafft wurde.»

Anzeige

Kreis der Kuh-Aktionäre wächst

Das Prinzip scheint zu funktionieren, bereits haben über 100 Personen zugebissen und ihr Scherflein einbezahlt. Ebenso rasch wie beim Treffen des Investitionsentscheids sind sie beim Bestellen ihres Pakets. Das Fleisch der Tiere munde halt vorzüglich, schmunzelt Leutenegger, es sei «mehr als bio, einfach einzigartig». Auf der Alp Cardada ob Locarno TI glotzen die weidenden Rinder etwas skeptisch aus ihrem zotteligen Fell hervor. Wie erst schauten die Berufskollegen, als Guido Leutenegger seine Anstellung als Umwelt- und Baudirektor aufgab und wie so viele Idealisten in die Sonnenstube der Schweiz auswanderte. «Teilweise zweifelten sie an meinem Verstand», erinnert er sich.

Tatsache ist, dass der Aktienbauer und Viehbesitzer mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt: Die von ihm bestossenen Weiden auf 1800 m Höhe werden dank den 400 Vierbeinern bestens gepflegt, der Fleischabsatz läuft wie geschmiert und die neuen Investoren tröpfeln via Website und Medienberichte regelmässig herein. Der Schutz der Landschaft liegt dem Unternehmer tatsächlich am Herzen, war er doch ausschlaggebend für die Gründung seiner Firma Natur Konkret vor 20 Jahren. «Mein USP waren der Naturgartenbau und die Schutzgebietspflege. Von allen angeschriebenen Kantonen war das Tessin am meisten daran interessiert.»

Weil die hiesigen Alpen sehr steil sind, kamen nur die robusten und erstaunlich geländegängigen schottischen Hochlandrinder in Frage. «Diese genügsamen Tiere bewahren unbewirtschaftete Tessiner Bergweiden vor dem Verganden. Gleichzeitig mundet ihr Ökofleisch.» Teilweise wird es von den umliegenden Grotti serviert. Obwohl Leutenegger anfänglich allein und mit grosser Begeisterung in die wachsende Viehherde investierte, pendelte er einige Jahre lang zwischen seinem Job in Kreuzlingen und dem Tessin hin und her. 2003 war Schluss mit dem Spagat - Frau und Kinder hatten ihn davon überzeugt, ganz auf die Karte Öko-Alpfleisch zu setzen.

Kuh-Pfand neu interpretiert

Ein faszinierter Banker brachte ihn auf die Idee, Kuh-Aktien zu verkaufen. Er wusste, dass die Banken früher mit einem Kuh-Pfand Vieh belehnten und dieses, falls der Bauer seine Schulden nicht zurückzahlen konnte, beschlagnahmten. Das Risiko, sich mit einer Kuh-Aktie weit aus dem Fenster zu lehnen, hat sich für Leutenegger längstens gelohnt. In Kolumnen und Gesprächen wird das Investment in sein KMU stets positiv erwähnt und mit Nachdruck weiterempfohlen.

Anzeige

Und das Beste an diesem Finanzgeschäft: Nach 2,5 Stunden Fahrt ab Zürich, teilweise schwindelerregenden Sesselbahnfahrten und kurzen Fussmärschen können die Investitionen von ihren Paten besucht, identifiziert und bestaunt werden. Denn der Name des finanzierten Tiers ist im Anteilschein des Aktionärs urkundlich eingetragen. So kommt es, dass die Kühe ausnahmsweise nicht Lisi oder Rosi heissen, sondern Ashanti oder Samantha.