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Kehrtwende
Bund lässt Atomlobbyist für erneuerbare Energien werben

AKW und Windkraft: Die PR-Firma Burson-Marsteller mischt überall mit. Keystone

Jahrelang war Burson-Marsteller das Sprachrohr der Atomlobby. Ab Januar macht die PR-Firma im Namen des Bundes Werbung für Strom aus Wasser, Wind und Sonne. Kritiker zweifeln an der Glaubwürdigkeit.

Von Marc Iseli
am 26.10.2016

Die PR-Agentur Burson-Marsteller, die jahrelang die Interessen der Atomwirtschaft vertreten hat, wirbt nun im Namen des Bundes für erneuerbare Energien. Das Bundesamt für Energie (BFE) hat die Kommunikationsfirma damit beauftragt, das Label «Energiestadt» zu vermarkten. Dafür erhalten die Kommunikationsprofis fast 4 Millionen Franken. Das BFE bestätigt entsprechende Recherchen der «Handelszeitung».

Burson-Marsteller stand im letzten Jahr im Mittelpunkt der «Kasachstan-Affäre». Die PR-Agentur ist zudem das langjährige Sprachrohr des Nuklearforums Schweiz, dem Mutterschiff der Schweizer Atomlobby. Ihre Vertreter haben Strom aus erneuerbaren Energien wiederholt als «teuer», «ineffizient» und «nicht bedarfsgerecht» bezeichnet.

Personelle Rochade

Das BFE verteidigt die Auftragsvergabe. Eine Jury habe alle eingegangenen Offerten «nach den Zuschlagskriterien des veröffentlichten Pflichtenhefts geprüft und bewertet», sagt Sprecher Fabien Lüthi zur «Handelszeitung». Die PR-Agentur habe die Vorgaben am besten erfüllt. «Die Frage möglicher Interessenkonflikte wurde in aller Offenheit angesprochen.»

Das Ergebnis: Weil das Mandat mit dem Nuklearforum per Ende Jahr beendet werde und jenes für das BFE erst 2017 beginne, würden sich keine Konflikte ergeben. «Weiter werden die für das Mandat verantwortlichen Mitarbeitenden von Burson-Marsteller nicht diejenigen sein, die das Nuklearforum-Mandat betreut haben», so Lüthi. Burson-Marsteller bestätigt die personelle Rochade.

«Wer zahlt, befiehlt»

Diese Meinung teilen indes nicht alle. «Burson-Marsteller hat – unabhängig von den Personen – ein klares Absenderproblem, wenn es darum geht, erneuerbare Energien zu vertreten», sagt Nils Epprecht, Atomexperte bei der Energiestiftung.

Ausserdem werfe der energiepolitische Richtungswechsel Fragezeichen zum vergangenen Mandat auf. «Wenn die Argumentationslinie bei Burson-Marsteller von heute auf morgen gewechselt werden kann, war das Einstehen für die Atomenergie eine reine PR-Aktion», so Epprecht. «Wer zahlt, befiehlt» – das sei die Maxime der PR-Agentur. «Der Entscheid», ist der Vertreter der Energiestiftung überzeugt, «diskreditiert das BFE und Burson-Marsteller gleichermassen.»

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