Wie viel Ihrer Anlagen haben Sie in Aktien, Derivative, Obligationen und Sonstiges investiert?

Daniel Schmutz: 60% Obligationen, je 13% Aktien und Immobilien sowie 10% Cash und 4% alternative Anlagen.

Hatten Sie auch Lehman- und Sigmaprodukte?

Schmutz: Weder der Lehman- noch der Sigma-Crash hinterliessen Spuren in unserer Bilanz. Mit Lehman haben wir zwar zusammengearbeitet, im rechten Moment aber auch damit aufgehört.

Gerade Sigma galt als bombensichere Anlage. Wie schützen Sie sich vor solchen unerwarteten Pleiten?

Schmutz: Man darf sich von sogenannt bombensicheren Anlagen nicht blenden lassen und alles auf eine Karte setzen. Unsere Anlagevermögen von total über 4 Mrd Fr. haben wir breit diversifiziert.

Letzte Woche kam es zu panikartigen Verkäufen auch bei Institutionellen. Wie sah Ihre Woche aus?

Schmutz: Notverkäufe von Anlagen sind bei uns kein Thema, weil wir uns nach wie vor in den Bandbreiten der zugrunde gelegten Szenarien bewegen.

Wann wirkt sich die Krise konkret auf die Prämienzahler aus?

Schmutz: Ich kann nur für die Helsana-Gruppe reden. Unsere Kundinnen und Kunden werden 2009 keine unterjährige Prämienerhöhung erleben.

Wie wichtig ist es angesichts der Krise, mehr Reserven als die vorgeschriebenen 10% zu haben?

Schmutz: Wichtiger als die Höhe der Reserven ist ein adäquates Risikomanagement.

Wie hoch ist Ihre Reservequote?

Schmutz: In der Grundversicherung lag sie Ende 2007 noch bei knapp 14%. Betrachten Sie nur Helsana Versicherungen, die auch das Krankentaggeld im Firmenkundengeschäft umfasst, betrug sie über 17%. Und für die Helsana-Gruppe, also inklusive Zusatz- und Unfallversicherungsgeschäft, lag die Eigenkapitalquote bei über 19%. Für die Zusatz- und vor allem für die Unfallversicherung müssen Sie viel mehr Kapital unterlegen.

Wie gross sollten die Mindestreserven für Schweizer Versicherer sein?

Schmutz: Ich finde die Definition über prozentuale Mindestquoten ungeeignet. Diese sind nicht mehr als simple Hausnummern. Sie haben den Vorteil, einfach berechenbar zu sein. Aber sind nicht geeignet, um das Aussergewöhnliche zu fassen ...

... Situationen, wie wir sie in den letzten Wochen erlebt haben?

Schmutz: Ja. Zu viele Faktoren, die für die Stabilität eines Versicherers von zentraler Bedeutung sind, werden durch solche Masszahlen ausgeblendet.

Welche?

Schmutz: Nicht berücksichtigt werden eben die Anlagerisiken. Ob Sie 100 oder 0% in Aktien investieren, um es etwas drastisch auszudrücken, verändert ihre Risikoposition fundamental. Wenn die Anforderung nur in Prozent der Prämien formuliert ist, dann ist die Eigenkapitalanforderung immer noch gleich hoch. Änderungen in der Zusammensetzung des Versichertenbestandes sowie operative Risiken beeinflussen die Risikoposition zusätzlich.

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Die Versicherer sind verpflichtet, ein Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben für zwei Jahre herzustellen. Eigentlich dürften also die Polster gar nicht so stark schrumpfen, dass Krisen die Kassen wirklich gefährden ...

Schmutz: Diese Regelung betrachtet bloss den Normalfall. Reserven sind aber dazu da, den Ausnahmefall abzudecken wie etwa die Auswirkungen einer Finanzmarktkrise.

Welche gesetzlichen Änderungen wären nötig, um die Risiken besser abzubilden?

Schmutz: Das Bundesamt für Privatversicherung (BPV) hat für die Kranken-Zusatzversicherungen ab diesem Jahr die Unterstellung unter den Swiss Solvency Test (SST) eingeführt. Das ist ein sinnvoller Schritt.

Die soziale Krankenversicherung untersteht aber dem Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Schmutz: Wir haben beim Spitzengespräch mit dem BAG vorgebracht, dass eine risikobasierte Aufsicht nach dem Modell SST oder dem europäischen Äquivalent Solvency II auch für die Grundversicherung nötig wäre. Auf gesetzlicher Ebene müssten dann die Mindestquoten für Reserven zu Gunsten griffiger Risikomanagement-Kennzahlen eliminiert werden.

Wie war die Reaktion?

Schmutz: Das BPV hat diese Woche aufgrund der erneuten Finanzmarktverwerfungen eine weitere Erhebung bei allen beaufsichtigten Versicherern durchgeführt ? also auch bei Krankenversicherern, die im Zusatzversicherungsgeschäft tätig sind. Bei der BAG-Spitze prallen dagegen Verweise auf die Finanzmarktkrise im Gespräch ab.

Inwiefern?

Schmutz: Man stellt sich dort offenbar auf den Standpunkt, dass Sozialversicherungen umlagefinanziert sind und ihnen Finanzmarktkrisen nicht viel anhaben können. Das ist ein krasser Irrtum und zeigt sich am Beispiel von AHV und Invalidenversicherung.

Droht Krankenversicherungen das gleiche Schuldendrama?

Schmutz: In der Realität werden die Mindestquoten von der Politik als Zielquoten interpretiert. Das ist gefährlich: Das Krankenversicherungssystem war bisher frei von strukturellen Defiziten. Werden die Reservequoten beliebig gesenkt, weil Politiker auf diese Weise die Prämien künstlich tief halten wollen, drohen kumulierte Defizite wie bei AHV und IV.

Was passiert dann?

Schmutz: Die Steuerzahler werden dann im Krisenfall zahlen müssen.

Wäre dieses Szenario bereits jetzt zum Tragen gekommen, wenn die Krankenversicherer nicht mehr als die gesetzlichen Mindestreserven gehabt hätten?

Schmutz: Darüber kann man nur spekulieren. Je nach Anlagestrategie ist das Szenario ein anderes. Sicher aber ist, dass Reserven die Versicherung einer Versicherung sind. Und da gilt, was auch für das Autofahren wahr ist: Auch mit wenig Luft im Reifen können Sie Auto fahren, aber sie kommen so auch viel schneller ins Schleudern.