Die Wirtschaftskrise macht sich auch im IT-Sektor in der Schweiz bemerkbar. Dabei ist das Geschäftsmodell entscheidend. Es widerspiegelt sich der globale Trend – je service- und softwarelastiger ein Geschäftsmodell, desto weniger Rückgang. IBM beispielsweise meldete global einen Umsatzrückgang von 11%, der Chiphersteller Intel dagegen 26% im letzten Quartal. Aber die IT-Branche ist vielfältiger – und die Unterschiede gehen quer durch die Segmente. 

«Unsere Unternehmenskunden haben momentan zwei Hauptanliegen: Kosten senken und gleichzeitig möglichst flexibel werden», sagt Hauke Stars, Chef von HP in der Schweiz, «teilweise werden Investitionsentscheide insbesondere bei Hardware auch aufgeschoben.» Anders sieht es laut Stars bei Privatkunden aus. «Dieser Markt ist in der Schweiz immer noch sehr stabil.» Das deckt sich auch mit den Beobachtungen von Gabriele Valsecchi, Logitech, Country Manager Switzerland. «In der Schweiz konnten wir ein Wachstum gegenüber dem Vorjahr erzielen, sodass wir im Peripheriebereich zurzeit keinen Einbruch feststellen können.» Die Konsumenten kauften zwar noch Produkte, aber vornehmlich im günstigeren Einsteigerbereich.

Anders sieht es auch bei Computerchips aus. «Angefangene Projekte wurden zwar noch beendet», sagt Dario Bucci, Chef des Chipherstellers Intel in der Schweiz und in Italien, «aber weil der Finanzsektor stark die Krise spürt, haben wir in diesem Sektor kaum neue Projekte gesehen.» Bei Konsumenten profitiert Intel dank neuer Chips speziell vom Boom der Netbooks.

Etliche Firmen wie Cisco oder IBM, die stark im Firmenkundengeschäft sind, können über ihren Geschäftsgang in der Schweiz keine Auskunft geben. Andere Firmen melden einen soliden Geschäftsverlauf. «Wir konnten trotz wirtschaftlich schwierigerem Umfeld ein gutes 1. Quartal verbuchen, das sich im Vergleich zum Vorjahr sehen lässt», sagt Jacques Boschung, Managing Director bei EMC. «Die letzten sechs Monate sind für uns positiv verlaufen», sagt auch Stefan Ammann, CEO der RICOH in der Schweiz. «Wir arbeiten profitabel, machen Gewinn und sind in verschiedenen Bereichen am Wachsen. So haben wir zurzeit rund 15 Stellen vakant.»

Consulting: Kunden sind unter Druck

«Dass die wirtschaftliche Situation in der Schweiz und auf der ganzen Welt mehr als nur angespannt ist, ist unübersehbar», sagt Thomas Flatt, CEO bei Abraxas Informatik. «Umso mehr freut es mich, dass die Abraxas im Jahr 2008 das mit Abstand beste Ergebnis seit Bestehen erreicht hat.» Seine Firma stellt nach wie vor Mitarbeiter ein. «Trotzdem merken auch wir, wie unsere Kunden, mehrheitlich staatliche und staatsnahe Betriebe, unter Budgetdruck stehen. Als Spätzykliker werden wir die negativen Effekte der Krise vermutlich erst Mitte 2009 und verstärkt 2010 spüren.»

Andere melden schon jetzt Bremsspuren. «Im Consulting-Geschäft spüren wir die Auswirkungen der Krise auf unsere Kunden», sagt Dieter Steiger, CEO von Beteo, «die Entscheidungsfreudigkeit lässt nach, Entscheidungen für Projekte werden aufgeschoben. Projekt-Freeze haben wir allerdings keinen erfahren.» Es würden deutlich weniger neue Projekte gestartet. «Allerdings bekommen bewilligte Projekte, die erlauben, Geld einzusparen, mehr Bedeutung und werden zum Teil sogar ausgeweitet. Solche Projekte werden zum Teil auch vorgezogen und beschleunigt.»

Schweizer Softwareanbieter: (noch?) florierend

«Die heutige unsichere und angespannte Wirtschaftslage erfordert ein rasches Handeln seitens der Firmen, insbesondere der KMU», beschreibt Pierre-Alain Schnegg, CEO von Sage Pro-Concept mit Hauptsitz im jurassischen Sonceboz, die Problemlage seiner Kunden. «Die Wirtschaftskrise ist bei uns noch nicht angekommen, Auslastung und Projektpipeline sind äusserst zufriedenstellend», sagt Patrick Burkhalter, CEO von Ergon Informatik, «unsere Softwarelösungen bringen Wettbewerbsvorteile - genau das ist in der heutigen Situation für unsere Kunden matchentscheidend.» «Nachdem wir das letzte Jahr leicht über Budget abgeschnitten haben, liegen wir im 1. Quartal genau im Fahrplan», sagt auch Stephan Schneider, Managing Director Vcare Infosystems AG. «Bei der Nutzung unserer Teamworklösung für die firmenübergreifende Zusammenarbeit durch neue Anwender ist von Krise kaum etwas zu merken», meint auch Peter Helfenstein, CEO von Collanos. «Allerdings ist es möglich, dass eben wegen der Krise kostenlose Alternativen wie Collanos zu herkömmlichen Kommunikations- und Groupwarelösungen umso ernsthafter eingesetzt werden.»

«Auch wenn der Spargedanke im Zentrum steht, erkennen viele unserer Kunden, dass der Einsatz von innovativen Lösungen mehr bringt, als wenn man sich einfach auf eine pauschale Reduktion der IT-Kosten konzentrieren würde», sagt Bruno Richle, CEO von Crealogix, «auch wenn es dazu harte Verhandlungen braucht.» «Aufgrund unserer diversifizierten Kundenbasis verlaufen unsere Geschäfte im Moment immer noch auf gleich hohem Niveau wie letztes Jahr», meint auch Daniel Gorostidi, CEO des Lausanner Softwarehauses Elca. «Allerdings verspüren auch wir eine grössere Erwartungshaltung der Kunden, mögliche Kosteneinsparungen zu identifizieren.» «Generell gehen wir von einem leichten Wachstum aus», ergänzt Andrej Vckovski, CEO der Netcetera Gruppe. «Viele unserer Kunden haben das Optimierungspotenzial, das die IT erbringen kann, noch nicht ausgeschöpft. Nur unsere Finanzkunden sind zuzeit sehr vorsichtig mit der Auftragsvergabe.»

Ausländische Anbieter: Licht und Schatten

«Wir sehen für uns Chancen, weil wir das richtige Produkt für die Krise haben», sagt Urs Neeracher, Managing Direktor für die Schweiz bei IDS Scheer. «Wir haben aufgrund der Krise etwas verlängerte Verkaufszyklen, aber wir sind zuversichtlich, was den Abschluss des 1. Quartals angeht. Auf das Gesamtjahr blicke ich ebenso mit Optimismus.»

Andere Anbieter spüren die Auswirkungen der Sparpläne bei Banken. «Finanzdienstleister hingegen sind eher zurückhaltend mit der Implementation neuer Lösungen», sagt beispielsweise Peter Waser, General Manager Microsoft, «dies, obwohl sich gerade in schwierigen Zeiten die richtigen Investitionen langfristig auszahlen.» Vor allem im öffentlichen Sektor nimmt die Nachfrage nach neuen Lösungen zu. «Der Bankensektor, eine unserer wichtigen Branchen, zeigt sich natürlich sehr verhalten», meint auch Hansjörg Süess, Geschäftsführer von Adesso.

«Mehr aus den Daten machen» lautet oft der Rat an Firmen. Einige Anbieter profitieren davon. «Wir spüren gerade in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten wie diesen eine deutlich verstärkte Nachfrage unserer Kunden nach Business Intelligence Lösungen», sagt Hakan Yüksel, Managing Director von SAP in der Schweiz. «Transparenz und schnell verfügbare, zielgerichtete Information sind besonders in Krisenzeiten für viele Unternehmen überlebenswichtig.» «Insgesamt spüren wir gerade jetzt eine verstärkte Nachfrage nach effizienten BI-Lösungen», bestätigt auch Ulrich Beckmann, Geschäftsführer von QlikTech für die Schweiz, Deutschland und Österreich, «die Unternehmen stehen unter einem enormen Druck, ihre Zahlen genauer, besser und schneller analysieren zu können, um im Wettbewerb bestehen zu können.»

Security: Sicherheit gegen Abschwung

«Security-Spezialisten können ihrem CFO weder mit technologischen Themen noch mit der berüchtigten Angstmache beikommen», beschreibt Cyrill Osterwalder, CEO von Phion die Herausforderung dieser spezialisierten Anbieter. «In diesen Tagen fürchtet der CFO weder Viren noch Hacker, er fürchtet sich vor seinen Kreditverträgen.» Hier sieht Osterwalder die Argumente für seine Produkte. «Zum einen unterstützen sie Unternehmen bei der Einhaltung von Compliance-Richtlinien, was schon einmal nicht schlecht ist, da ein Finanzchef Auditoren fast genauso fürchtet wie seine Bank. Zum anderen zeichnen sie sich durch geringe Betriebskosten aus und tragen so zur Entlastung des Kostendrucks bei.» «Die Bedrohungen nehmen in der Krise nicht ab - im Gegenteil» ergänzt Urs Rufer, Leiter Consulting  & Projects und Stv. Geschäftsführer der terreActive AG. «Teilweise haben wir sogar verstärkte Angriffe auf lukrative Ziele wie Finanzinstitute und Industriefirmen festgestellt. Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass wir im 1. Quartal eine gute Auslastung und sogar Neukunden  verzeichnen konnten.» «Natürlich spüren auch wir die schwierige Situation der Wirtschaft, da viele Unternehmen gezwungen sind, ihre IT-Investitionen zu überdenken», sagt Frank Schwittay, bei Trend Micro zuständig für Zentraleuropa. «Wenn es aber um den Schutz von Kernwerten von Unternehmen geht, dann will niemand diese leichtfertig aufs Spiel setzen.»

IT-Services: Nervöse Stimmung, aber (noch) robustes Geschäft

IT-Dienstleister profitieren in einer abrupten Krise (auch) davon, dass ihre Verträge jahrelang (weiter) laufen. Das widerspiegelt sich auch in den Aussagen einzelner weiterer Firmenchefs.

«Der IT-Markt ist von einer stellenweisen Nervosität geprägt: Die Unternehmen überlegen sich genau, was sie brauchen und zu welchen Konditionen sie die Serviceleistungen einkaufen», sagt auch Paul Glutz, CEO  des IT-Dienstleisters CSC Switzerland. Bei den einzelnen Servicebereichen gibt es unterschiedliche Tendenzen. «Im Bereich Consulting spüren wir eine ganz leichte Zurückhaltung gegenüber früheren Jahren. Beim Bereich Systems Integration stellt sich die Situation sehr uneinheitlich dar – das Verhalten ist je nach Kunde sehr unterschiedlich. Im Outsourcing hingegen spüren wir die schwierige Wirtschaftslage weniger. Gerade hier geht es um langjährige bestehende und neue Partnerschaften, und ausserdem sehen viele Unternehmen gerade im Outsourcing die Chance, IT-Dienstleistungen günstiger zu bekommen.» «Bis jetzt zeigt sich Orange Business Services ziemlich widerstandsfähig», sagt Peter Moebius, Country Manager von Orange Business Services Schweiz. «Wir behalten die Strategie bei, unseren Ertrag über dem spezifischen Marktwachstum zu steigern.» Sein Unternehmen verzeichnete ein Wachstum von 15% in den vergangenen zwölf Monaten. «Wir sehen deshalb oftmals, dass Unternehmen, welche zwar durch die Krise stark betroffen sind, ganz gezielt in kostensparende Services investieren.» 

«Derzeit sehen wir keine gravierenden Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise auf unser Geschäft, im Gegenteil, RapidShare wächst» meint Bobby Chang, COO der RapidShare mit Sitz in Cham. Seine Firma hostet Informationen für Unternehmen und Privatpersonen. «Wir stellen fest, dass bei den meisten kleinen und mittleren Betrieben das Geschäft nach wie vor sehr gut läuft», ergänzt Dominik Obrist, Country Manager Retarus, «positiv ist, dass keine uns bekannten Projekte ganz gestrichen wurden.»

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