Wirklich überraschend kam die Mitteilung, dass sich Microsoft und Nokia bei Smartphones auf eine Zusammenarbeit verständigt haben, nicht mehr. Lange schon war darüber spekuliert worden.

Nokia bringt zahlreiche Services in die Ehe mit, und Microsoft hat mit der Suchmaschine «Bing» und mobilen Büro-Applikationen ebenfalls eine stolze Mitgift zu bieten.

«Wir sehen einen positiven Effekt für Microsoft», kommentieren die Analysten von Webusch, einer Research-Boutique in San Francisco. Nokia ist in den aufstrebenden Märkten weit verbreitet und gemessen an Stückzahlen weiterhin die Nummer eins der Handy-Hersteller. Skeptischer lesen sich die Einschätzungen zur Zukunft der gemeinsamen Smartphones, weil sich die ganze Mobilbranche auf den lahmenden Nokia-Konzern eingeschossen hat und LG, Motorola und Research-in-Motion (RIM) ihre Strategien um die Schwächen der Finnen aufgebaut hatten.

Die Industrieanalysten von Gartner erwarten für die kommenden Jahre stabile Marktanteile für das mobile Microsoft-Betriebssystem von rund 5 Prozent. «Das steht in einem Widerspruch zu den Aussagen von Stephen Elop und Steve Ballmer, sie wollten zu einem valablen Konkurrenten im Dreikampf mit Apple und Googles Android werden», sagt Webusch-Analyst Scott Sutherland. Zudem mahnt der Experte, Blackberry von RIM nicht zu vergessen. Denn auch wenn die Mobilnetzbetreiber die neue Allianz unterstützen würden, «Würde das wirklich ausreichen, um Nokias Smartphones zurück ins Herz der Konsumenten zu bringen?», zweifelt Sutherland. «Vor dem Hintergrund der beschränkten Wettbewerbsfähigkeit der Windows-Software glauben wir nicht, dass diese Vereinbarung die Dynamik des Mobilkommunikationsmarktes verändert», so Kevin Lee, Analyst bei Woori Investment.

Auf die positiven Seiten vor allem für Microsoft weist Morgan-Stanley-Analyst Adam Holt hin: «Microsoft erhält mit einem Schlag Zugang zu einem Smartphone-Marktanteil von 30 Prozent, und die gemeinsamen Projekte haben viel Spielraum für positive Skaleneffekte.» Solche spielen gerade in der mobilen Werbung eine zunehmend bedeutendere Rolle. «Wir sehen einen Clash zweier mobiler Ökosysteme kommen», sagt Goldman- Sachs-Analyst Simon Schafer. Der Kampf um die mobilen Geschäfts- und Privatkunden zeigt sich bei den Smartphone-Betriebssystemen, den Plattformen und der Hardware. Offen ist deshalb, was mit RIM - die Blackberrys sind im professionellen Umfeld gut verbreitet - sowie mit HP und seinem Palm-OS geschieht.

RIM stellte vor kurzem mit dem Playbook ein überzeugendes Tablet-Modell vor, das hinsichtlich der Anzahl parallel laufender Apps, der Kameraauflösung und des Monitors dem hochgelobten Motorola-Xoom deutlich überlegen ist. Allerdings ist hier die Entwicklung der Hardware nur die eine Sache, die erfolgreiche weltweite Vermarktung eine andere. RIM ist mit seinen Smartphones in einigen Ländern Europas die Nummer eins im Segment geworden, das gibt für die Tablets Hoffnung.

HP könnte mit seinem Palm-OS dem Microsoft-Nokia-Gespann im Business-Segment Kunden streitig machen. Etwa durch ein erfolgreiches Tablet-Modell, das HP als Notebook- und Netbook-Hersteller leichter über seine Vertriebskanäle an die Kunden bringen kann. So liesse sich das Tor zum von Analysten auf 35 Milliarden Dollar Umsatz geschätzten Tablet-Markt öffnen.

HP ist auf einen Erfolg dringend angewiesen, denn bereits das letzte Quartal zeigte grosse Schwächen im Consumer-Geschäft mit Notebooks. Die Tablets kannibalisieren die anderen mobilen Endgeräte stark. Und weil hier die Betriebssysteme von Apple, RIM, Android-Google und HP-Palm viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, besteht auch für Microsoft die Gefahr, abgehängt zu werden.

Anzeige