Das europäische Traditionshaus C&A will sich erstmals familienfremden Investoren öffnen – aus China. Ist das ein Schock oder eine logische Entwicklung?
Marc Schumacher*: In erster Linie ist es ein smarter Schritt der Inhaberfamilie. Sie will damit wohl ihr Vermögen absichern, es geht ihr um das familieninterne Portfolio-Management.

Warum wird der Schritt nötig?
Die C&A-Besitzer dürften erkannt haben, dass in ihrer Branche Veränderungskräfte wirken, denen sie nichts oder nur wenig entgegenstellen können. Ein starker Kapitalpartner kann da mehr Spielraum und Sicherheit verleihen. In den Augen vieler chinesischer Investoren ist Europa weiterhin ein attraktiver Markt.

Sie waren bis 2015 Vorstandsmitglied beim deutschen Mode-Label Tom Tailor. Dort stieg 2014 der chinesische Mischkonzern Fosun ein und steigerte später seinen Anteil bis 30 Prozent. Wie veränderte sich die Firma durch die neuen Anteilseigner?
Es brachte mehr Stabilität und mehr Professionalität. Ohne Fosun wäre die benötigte Kapitalerhöhung wohl nicht möglich geworden.

Was ist los auf dem alten Kontinent, dass sich Traditionsfirmen wie C&A von Chinesen unter die Arme greifen lassen müssen?
Was aktuell passiert, ist beispiellos in der Geschichte des Handels. Wer bloss von «Digitalisierung» spricht und damit Online-Shopping und E-Commerce meint, streift nur die Spitze des Eisbergs.

Welches ist die wichtigste Änderung?
Wir befinden uns aktuell in einem Zeitfenster, in dem Kundenbeziehungen neu verteilt werden. Tech-Giganten wie Amazon investieren viel Geld in Forschung und Entwicklung. Dabei geht es nicht um E-Commerce. Es wäre falsch, Amazon als E-Commerce Player zu bezeichnen. Amazon bietet ein Eco-System, in das sich Kunden einloggen und nicht mehr ausloggen werden.

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Was sollen stationäre Player also tun?
Sie müssen sich etwas fragen: Welchen Krieg bin ich gewillt zu führen? Gegen die Power der Tech-Giganten werden sie nie ankommen. Wenn Konsumenten vermehrt über Tools wie Amazons Alexa und Google Home einkaufen werden, bleiben angestammte Händler aussen vor. Und selbst grössere Händler berichten mir, dass es für sie kaum mehr möglich ist, zu vernünftigen Preisen an Online-Traffic heranzukommen. Wenn man sieht, dass viele starke internationale Marken beispielsweise mit Zalando kooperieren, dann zeigt das bereits die Bedeutung der Plattform.

Marc Schumacher

Marc Schumacher: «Da kann der analoge Mittelstand nicht mithalten.»

Quelle: ZVG

Wenn selbständiges Agieren auf eigenen Online-Kanälen zu aufwendig ist – sollte sich der stationäre Händler stärker auf seine Läden konzentrieren und diese aufrüsten?
So bizarr es klingen mag – genau das würde ich tun. Händler müssen ihre Kunden dort umarmen, wo sie sind.

Trotzdem lautet Ihr Schlachtruf  «Detailhandel ist essentiell – aber Detailhändler sind es nicht». Wie meinen Sie das genau?
Gehandelt und eingekauft wird natürlich weiterhin – aber vermehrt abseits der gängigen Kanäle. Während in Europa ein Konzept wie Same-Day-Delivery noch wie eine Märchenstunde behandelt wird, ist das in Nordamerika für 76 Millionen Konsumenten bereits Realität. Da kann der analoge Mittelstand nicht mithalten. Da muss sich der klassische Detailhandel doch überlegen, was denn überhaupt sein Wertbeitrag noch sein kann. In einer Fünfjahres-Perspektive sehe ich nicht schwarz für Läden an den grossen Einkaufsstrassen, aber ihre Rolle verändert sich. Sie sind vielleicht für die Anbahnung eines Kaufs oder für den After-Sales-Service zuständig – aber nicht mehr so sehr für die Transaktion per se.

Der hiesige Detailhandel war lange vom Effizienz-Gedanken bestimmt, mit der Messgrösse Umsatz pro Quadratmeter als Königszahl. Gemäss Ihrem Modell hätte das dann keine Relevanz mehr?
Stationär wird das rein transaktionsgetriebene Modell nicht mehr funktionieren.

Der Schweizer Daniel Grieder, Chef von Tommy Hilfiger, propagiert als neue Währung  «Neuheit und Überraschung pro Fläche». Gut gebrüllt?
Er hat ja so recht.

Aber das kann man nicht messen.
Natürlich kann man das. Feedback, Dialog und Social-Buzz, etc. werden zur neuen Messgrösse im Laden.

*Marc Schumacher ist Managing Director des Stuttgarter Marken- und Kommunikationsunternehmen Liganova, das Kunden wie Calvin Klein, Nespresso oder Mercedes-Benz berät. Zuvor war Schumacher für die deutsche Warenhausgruppe Breuninger und später für die Tom Tailor Group tätig.

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