Telekom-Regulator Marc Furrer hat durchblicken lassen, dass eine einzige Festnetzinfrastruktur in der Schweiz ein denkbares Modell wäre. Eine gute Idee?

Rudolf Fischer: Nein. Wir leben vom Wettbewerb der Infrastrukturen. Nur dank diesem konnten wir uns von Swisscom differenzieren und so markant wachsen wie in den letzten Jahren. Mit nur einem Netz hätten zwar alle gleich lange Spiesse, aber diese wären wesentlich kürzer als heute.

Swisscom und Cablecom müssen sich doch über das Angebot, den Service und den Preis unterscheiden. Dafür muss man nicht zwei Netze bauen.

Fischer: Doch, muss man. Ein Beispiel: 2003 konnten wir den Schweizer Telekommarkt nur dank unserem eigenen Netz aufmischen. Nur deshalb konnten wir so tiefe Preise anbieten.

Dazu braucht es aber nicht zwei Infrastrukturen, sondern nur einen starken Regulator, der die Preise festlegt.

Fischer: Theoretisch stimmt das. Aber es gibt auf der ganzen Welt kein Beispiel dafür, dass der Staat durch einen Regulator Innovationen treiben kann.

Weshalb sollte die Schweiz das Rad selbst neu erfinden? Der Regulator könnte sich einfach an den Entwicklungen und Innovationen der wichtigsten Märkte orientieren und damit sämtliche Neuheiten in die Schweiz bringen.

Fischer: Ja, aber damit können wir nur das tun, was alle anderen schon gemacht haben. Innovationen gäbe es dadurch nicht mehr. Das wäre ein massiver Rückschritt für die Schweiz.

Wenn Cablecom jetzt flächendeckend Zugriff auf ein Glasfasernetz bis zum Hausanschluss hätte, wäre das doch ein Vielfaches besser als die heutige Situation.

Fischer: Nein. Dann könnten wir analoges Fernsehen, bei dem man zuhause einfach das TV-Kabel an unsere Steckdosen anschliessen kann, nicht mehr anbieten. Langfristig wird es aber sicher in Richtung Glasfasernetze gehen, und dafür braucht es Standardisierungen. Aber ich bin überzeugt davon, dass es auch dann noch verschiedene Infrastrukturen braucht, wenn man echten Wettbewerb will.

Was wird der Infrastruktur-Wettbewerb in den nächsten Monaten bringen?

Fischer: Neue Angebote und generell tiefere Preise. Und mehr Leistung. Wir werden zum Beispiel im nächsten Jahr ein neues Internetprodukt mit vierfach höherer Bandbreite auf den Markt bringen.

Sinken die Preise für Fernsehkunden?

Fischer: Die Konsumentinnen und Konsumenten erhalten immer mehr Inhalt für ihr Geld. Inwiefern die Preise sich entwickeln, ist dagegen schwierig vorherzusagen.

Demnach sind die Rufe von Sunrise und Orange nach einem Glasfasernetz in der Schweiz für die Katz?

Fischer: Im Gegensatz zu Orange und Sunrise haben wir in ein eigenes, gut ausgebautes Netz investiert. Und wir legen auch in allen Bereichen zu und gewinnen Marktanteile. Deshalb haben wir auch eine andere Strategie.

Sie sehen also im Erstarken von Swisscom keine Bedrohung für den Telekommarkt?

Fischer: Im Moment nicht. Wir sind der beste Beweis dafür, dass dieser Markt spielt. Wenn es die Cablecom nicht geben würde, wäre die Situation wirklich bedenklich. Dank uns gibt es neben Swisscom auch noch ein anderes Unternehmen, das kräftig wächst, und die Nummer eins auch zu neuen Schritten zwingt. Ohne uns hätte Swisscom doch nie Bluewin-TV entwickelt und eingeführt.

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Sie können die Angst von Regulator Furrer, es gehe zurück zum Monopol, nicht teilen?

Fischer: Aus unserer Sicht kann ich diese nicht teilen. Wir werden auch in den nächsten fünf Jahren deutlich wachsen.

Cablecom verdient ihr Geld haupt- sächlich mit den Fernsehgeschäft. Wenn Swisscom nun Bluewin-TV zum Dumpingpreis anbieten würde, könnte das Cablecom erschüttern. Fürchten Sie sich davor?

Fischer: Wir verdienen auch mit dem Telefonie- und dem Internetgeschäft Geld. Das Fernsehgeschäft macht inzwischen nur noch die Hälfte unseres Umsatzes aus. Wir sind breit genug aufgestellt, um uns auch in einem rauer werdenden Fernsehmarkt zu behaupten.

Auch bei Dumpingpreisen?

Fischer: Eines ist klar: Der Preisüberwacher und die Wettbewerbskommission müssen Swisscom im TV-Geschäft ebenso auf die Finger schauen, wie sie das bei uns im Telefoniegeschäft tun. Wir werden natürlich auch wachsam sein. Denn bei den hohen Investitionen der Swisscom kann diese ihren Fernsehdienst nicht gratis anbieten. Zumindest nicht ohne Quersubventionierung.

Wird Bluewin-TV zur Bedrohung?

Fischer: Wir haben grossen Respekt vor den Leistungen der Swisscom. Wir kennen aber die Stärken und Schwächen von Bluewin-TV ganz genau. Und es ist offensichtlich, dass Swisscom gerade in Sachen Marketing und Werbung extrem viele Mittel zur Verfügung stehen. Die haben wir nicht. Deshalb müssen wir immer etwas schneller und schlauer sein.

Eine Bedrohung oder nicht?

Fischer: Von einer Bedrohung will ich nicht sprechen. Sicher hat Swisscom ein gewisses Potenzial. Doch wir werden uns zu verteidigen wissen.

Das müssen Sie sich auch gegen die Idee von Parlamentariern, das digitale Fernsehen zu regulieren.

Fischer: Diese Motion geht völlig an der Realität vorbei und darf nicht angenommen werden. Das Nein der Fernmeldekommission des Nationalrats ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Heute gibt es im Markt über 100 Settop-Boxen. Viele davon verursachen Probleme beim Empfang. Aber wir können nicht wissen, welche was für Probleme verursacht. Wenn nun der Staat diktiert, dass jeder unserer Kunden irgendeine Settop-Box kaufen kann, können wir weder die Funktionen, geschweige denn einen fehlerfreien Betrieb garantieren. Und ich muss ja wohl nicht erklären, was das für Kundenreaktionen geben würde. Aber das ist nicht der einzige Grund für unsere Ablehnung.

Was ist der andere Grund?

Fischer: Digitales Fernsehen ist interaktives Fernsehen. Mit anderen Settop-Boxen als unseren standardisierten kann man nicht mehr Filme auf Abruf beziehen. Auch unser neues Angebot wäre nicht mehr möglich ? nämlich das Fernsehen der letzten sieben Tage auch ohne Recorder ansehen zu können, und zwar wann immer man will. Das wollen wir in Kürze lancieren.

Damit würden Sie eine Einnahmequelle verlieren, die Kunden hätten Wahlfreiheit.

Fischer: Aber was für eine? Was nützt einem die freie Wahl der Settop-Box, wenn man nachher keinen Teletext mehr hat und auf fast alle Funktionen wie Video auf Abruf verzichten muss?

Eine Annahme der Motion würde Sie dennoch nicht so sehr schmerzen wie Ihre Konkurrentin Swisscom.

Fischer: Das stimmt. Die Mehrheit unserer Kunden bezieht das Fernsehen auf analogem Weg. Diese sind von dieser Diskussion nicht betroffen. Swisscom dagegen hat nur digitales Fernsehen. Für sie wäre ein Ja zu dieser Motion ein Fiasko.

Böse Zungen könnten sagen, schön, dass sie Ihre «analogen» Kunden wieder schätzen.

Fischer: Diese Anmerkung ist berechtigt. Wir machten mit der raschen Abschaltung analoger Fernsehkanäle einen grossen Fehler. Das wissen wir heute und entschuldigen uns dafür. Wir wollen das analoge Fernsehen aufrechterhalten, solange ein erheblicher Bedarf besteht.

Ist das mit ein Grund, weshalb Cablecom sich nicht am Glasfaserbau des Elektrizitätswerkes der Stadt Zürich beteiligt?

Fischer: Ja, denn kein Analog-TV wäre ein grosser Nachteil für die Kunden. Zudem verfügt Cabelcom bereits heute über ein eigenes hochmodernes, leistungsfähiges Netz in Zürich, welches mit hohen dreistelligen Millionenbeträgen weiter fit für die Zukunft gemacht wird.

Orange sieht im Netzbau des EWZ eine grosse Chance. Sie nicht. Weshalb?

Fischer: Das EWZ-Netz bietet keine effektiven Mehrleistungen für den Kunden. Unser Netz bietet in naher Zukunft Bandbreiten von 100 Mbit/s und deckt alles ab. Tatsache ist auch, das, obwohl die breite Bevölkerung für das EWZ-Projekt bezahlt, in den nächsten Jahren nur eine geringe Minderheit profitieren können wird.

Wird Cablecom 2008 zweistellig wachsen?

Fischer: Wir planen sicher nicht auf einen Stillstand hin. Aber genaue Prognosen kann ich keine nennen.

Kommt für Cablecom auch akquisitorisches Wachstum in Frage?

Fischer: Wir haben in den letzten Jahren immer wieder kleinere Übernahmen getätigt und werden das auch künftig tun. Doch ich nehme an, Sie wollen auf die grossen Brocken hinaus.

Genau. Ist ein Kauf von Sunrise denkbar?

Fischer: Denkbar ist vieles.

Aber Ihre Muttergesellschaft würde das Geld nicht sprechen.

Fischer: UPC wie Liberty Global haben in den letzten Jahren bewiesen, nicht zuletzt auch durch die Übernahme von Cablecom, dass sie sehr wohl bereit sind, sehr grosse Summen in einen Zukauf zu stecken.

Also wäre Sunrise doch ein Thema?

Fischer: Unsere Mutterfirma beobachtet den Schweizer Markt ganz genau. Mehr will ich dazu nicht sagen.

Steht bei den grossen Spielern im Markt, also Swisscom, Sunrise, Orange, Cablecom und Tele2, eine Konsolidierung bevor?

Fischer: Alles zeigt klar Richtung Konsolidierung. Die Frage ist einzig, wann.

Swisscom übernimmt die 62 Filialen von Phonehouse und will in ihren Shops auch vermehrt ihre Fernsehprodukte anbieten. Was heisst das für Cablecom?

Fischer: Es wird einen Einfluss haben. Aber auch wir sind nahe an den Kunden. Wir müssen jedoch viel haushalterischer mit jedem Franken umgehen.

Wie ist Cablecom nahe bei den Kunden?

Fischer: Wir sind bei den grossen Elektronik Händlern und mit Strassenaktionen präsent. Innert sechs Monaten haben wir vier Servicepoints eröffnet.

Die Strassenstände dürften dem Image von Cablecom kaum förderlich sein.

Fischer: Wir sind uns dessen bewusst. Deshalb wird dieses Konzept überarbeitet. Wir werden bald professioneller und mit neuen Partnern am Markt auftreten.