Tele2 hat sich aus der Schweiz zurückgezogen, um einen baldigen Verkauf von Sunrise ranken sich die Gerüchte. Ist der Schweizer Telekommarkt für Investoren nicht mehr attraktiv?

Marc Furrer: Wir haben in Europa das Problem, dass wir kleine nationale Märkte haben. Andererseits sage ich bezüglich der Schweiz immer: Wir jammern auf hohem Niveau. Neben den hohen Kosten für den Netzaufbau sind die hiesigen Kunden bereit, einiges für Telekomdienste auszugeben.

Sie treffen sich nächste Woche mit den Eigentümern der Sunrise-Mutte. Glauben Sie, dass Sunrise in der Schweiz bleibt?

Furrer: Mit einem Rückzug rechne ich nicht. Man hört ab und zu, dass das Sunrise-Mutterhaus TDC bei einem guten Angebot das Unternehmen verkaufen würde. So gesehen kann ich einen Eigentümerwechsel nicht ausschliessen. Doch ich bin sicher, dass es neben Swisscom und Cablecom Platz hat für einen weiteren Komplettanbieter auf dem Markt ? wie er auch immer heissen mag.

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Dann war nicht der Markt schuld, dass sich Tele2 zurückgezogen hat?

Furrer: Nein. Tele2 hat einen riskanten Strategiewechsel vollzogen, als man sich entschieden hat, in den Mobilfunk zu investieren. Sie waren lange ein Billiganbieter mit ganz einfachen Angeboten. Die millionenteuren Investitionen in den Mobilfunk haben sich einfach nicht gerechnet. Und es gehört leider zur freien Marktwirtschaft, dass es Fehleinschätzungen gibt.

Auch Sunrise fährt im Moment eine riskante Strategie, indem man zahlreiche Angebote bündelt und billiger anbietet. Sagt man hier in zwei Jahren auch wieder: Das war halt eine falsche Strategie?

Furrer: Das glaube ich nicht. Aber die Erfahrung zeigt, dass bei diesen Bündelangeboten der Einbezug des Mobilfunks heikel ist. Denn dieser Entscheid wird oft nicht gebündelt getroffen. In Familien zum Beispiel haben Kinder oft die gleichen Abos wie ihre Kollegen, nicht wie die Eltern.

Rechnen Sie damit, dass Sunrise aus Kostengründen im Mobilfunk bald enger mit Orange zusammenarbeitet?

Furrer: Vor zwei Jahren kamen Firmen auf uns zu mit Fragen über eine engere technische Zusammenarbeit. Ich bin diesbezüglich durchaus offen, man könnte die Mobilfunklizenz anpassen. Aber diese Signale sind verstummt ? daraus schliesse ich, dass dieses Thema für Sunrise und Orange nicht mehr vordringlich ist. Obwohl dadurch Kosten gespart werden könnten, was auch zu Preissenkungen führen könnte.

Vordringlich ist dafür das Thema Glasfaser-Infrastruktur. Am 1. Dezember 2008 findet zum zweiten Mal ein runder Tisch statt. Was sind Ihre Ziele?

Furrer: Beim Glasfaser-Aufbau haben wir die angenehme Situation, dass neben der Swisscom auch die Elektrizitätswerke eine Infrastruktur erstellen und in Zukunft wohl auch die Kabelnetzbetreiber aktiv werden. Beim Treffen geht es darum, die Ausbaupläne mit den Ansprüchen der Serviceanbieter zu vergleichen. Auch werden wir sehen, wie wir die Standards angleichen, Doppelspurigkeiten vermeiden und die gegenseitige Kompatibilität erreichen. Uneinigkeit gibt es darüber, zu welchen Bedingungen man sich gegenseitig Zugang zur Infrastruktur ermöglicht. Die Einsicht, dass man eine Lösung finden muss, setzt sich aber langsam durch ? insbesondere bei der Swisscom.

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Die wichtigste Konkurrentin der Swisscom im Festnetz, Kabelnetzbetreiberin Cablecom, fällt in den letzten Monaten einmal mehr durch eine Pannenserie auf. Ihre Reaktion?

Furrer: Das ist für mich ein ungeheures Ärgernis. Im Interesse des Wettbewerbs erwarte ich, dass Cablecom ein für allemal ihre Probleme beim Kundendienst löst. Ich habe das mit den Verantwortlichen in der Schweiz wie auch mit den Cablecom-Besitzern aus den USA besprochen, und sie haben Besserung gelobt.

... das tun sie aber nicht zum ersten Mal.

Furrer: Ich kann nur sagen: Es muss möglich sein, dass Kunden mit einem Problem beim Kundendienst anrufen können und kompetent, anständig und schnell bedient werden. Das erwarten wir als Regulator von der Cablecom.

 

Furrer: Kaum mehr Macht für ComCom

In den kommenden Wochen wird das Bundesverwaltungsgericht entscheiden, ob die Swisscom beim schnellen Bitstrom-Zugang (Hochgeschwindigkeitsverbindung zum Teilnehmer) marktbeherrschend ist. Die Kommunikationskommission (ComCom) sowie die Wettbewerbskommission hatten das bereits festgestellt, Swisscom hat gegen den Entscheid rekurriert.

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Der Ausgang über diese Frage entscheidet, ob Swisscom verpflichtet wird, ihrer Konkurrenz den Bitstrom-Zugang zu regulierten Kosten zu gewähren. Im neuen Fernmeldegesetz (FMG) ist dies so vorgesehen. Für Anbieter wie Sunrise wäre es bei einem regulierten Preis möglich, ihren Kunden auf einen Schlag schweizweit attraktive Angebote zu machen.

Parallel zu diesem Verfahren wird von allen Seiten bereits wieder am neuen FMG gefeilt. Im Spätsommer haben Vertreter der Wettbewerbskommission, des damaligen Preisüberwachers sowie der Regulator, ComCom-Präsident Marc Furrer, die Initiative ergriffen, um gemeinsam den Wettbewerb im Telekommarkt anzukurbeln.

Ein Dorn im Auge sind Furrer insbesondere die hohen Terminierungsgebühren im Mobilfunk. Solche Gebühren fallen an, wenn Gespräche von einem Mobilfunknetz in ein anderes getätigt werden. «Wir haben die höchsten Terminierungsgebühren in ganz Europa», sagt Furrer zur «Handelszeitung». Das müsse geändert werden, denn hier gehe es «um Millionenbeträge, die die Kunden jedes Jahr zu viel bezahlen».

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Neben den Terminierungsgebühren macht Furrer Druck auf die Eingriffsmöglichkeiten seiner Behörde. Weil das Fernmeldegesetz die sogenannte Ex-post-Regulierung vorsieht, ändern sich umstrittene Preise erst, wenn die letzte Instanz entschieden hat. Wegen Rekursen und Gegenrekursen können Jahre verstreichen. In dieser Zeit gelten die Konditionen von Swisscom. Fällt später ein Entscheid gegen sie aus, muss sie die Preisdifferenz der Konkurrenz zurückzahlen.

Deshalb steht die sogenannte Ex-post-Regulierung in der Kritik. Die Forderung nach einer Ex-ante-Regulierung, wie sie in Europa praktiziert wird, steht im Raum. Der Regulator soll den aufgrund der gesetzlichen Vorgaben angemessenen Preis festlegen können. Wer nicht einverstanden ist, kann klagen. Der Preis gilt, solange er nicht letztinstanzlich umgeworfen wird.

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Die St. Galler FDP-Ständerätin Erika Forster hat dazu eine Motion zuhanden des Bundesrates eingereicht. Furrer begrüsst, dass endlich Bewegung in diese Fragen kommt. Allzu grosse Hoffnung, dass der Bundesrat die Motion unterstützt, macht er sich indes nicht: «Ich rechne mit einer ablehnenden Antwort», sagt er.

Behält Furrer Recht, wird sich am Status quo in der Telekomlandschaft nichts ändern. Profiteurin der Situation ist die Swisscom, die ihren Marktanteil steigern kann. «Das beobachten wir mit Sorge», so Furrer.

Sein oberstes Ziel sei es, zu verhindern, dass die Swisscom wieder 70% und mehr Marktanteile habe. Denn: «Dann wäre der Schweizer Telekommarkt definitiv nicht mehr attraktiv.»