Heiraten im Casino. Was im Spielerparadies Las Vegas seit Jahrzehnten ein Renner ist, soll nun auch in den heimischen Spielbanken neue Gäste anziehen. Die Swiss Casinos AG, mit fünf Beteiligungen der grösste Player in der Branche, betritt mit der Idee Neuland. An den ersten Anlässen in den Casinos von Pfäffikon, Schaffhausen und St. Gallen haben sich schon 40 Paare getraut. «Wir waren vom Interesse überrascht», sagt CEO Peter Meier. Durch die Zeremonie führt ein Imitator des unsterblichen Elvis.

Auch am Valentinstag finden Trauungen statt. Anders als in Las Vegas ist das Ja-Wort aber nicht rechtsgültig. Im Standardpaket für 200 Fr. sind neben der Zeremonie und dem Zertifikat auch ein Elvis-Song nach Wahl - live vorgetragen - und eine Flasche Prosecco inbegriffen. Damit der Zweck erreicht wird, nämlich neue Gäste an die Automaten und die Spieltische zu bewegen, gibts für das frisch vermählte Paar obendrauf noch Jetons im Wert von 100 Fr. - also eine geschenkte Hochzeit. «Man heiratet zum Spass, für einen Tag oder als Test», sagt Meier. Manche trauen sich auf Probe, andere wiederholen ihr (echtes) Eheversprechen.

Viel nackte Haut

Das «Casino Wedding» im Las-Vegas-Stil ist nur eine von vielen Neuheiten, mit denen die Spielbanken das negative Zocker-Image bekämpfen und Casino-Muffel überzeugen wollen. An «Männer-abenden» kommt neuerdings auch viel nackte Haut ins Spiel. Dafür sorgt das Basler Pin-up-Model Zoe Scarlett (siehe Bild) mit seiner erotischen Burlesque-Show. Meier gefällt es: «Das ist sehr ästhetisch und überhaupt nicht anrüchig, es hat nichts mit Striptease zu tun.» In der Tat behält die 26-jährige Blondine den Slip an, und auch die Brustwarzen bleiben abgedeckt. Die Show gibts jeweils am letzten Freitag im Monat abwechselnd in einem der drei Casinos, die zur Gruppe gehören. Meier: «Viele Leute haben Schwellenangst - das muss sich ändern, es muss eine neue Zeit kommen.»

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Seit 2007 gehts abwärts

Meier sagt dies mit Blick auf die sinkenden Zahlen. Seit 2007, als die 19 Spielbanken über 1 Mrd Fr. an Bruttospielerträgen - das, was die Spieler verlieren - eingenommen haben, gehen die Umsätze und Gewinne zurück. Den Löwenanteil liefern die Casinos Montreux, Baden, Mendrisio und Basel. In jedem werden jährlich über 100 Mio Fr. verspielt (siehe Grafiken). Gut die Hälfte der Bruttospielerträge geht an Bund und Kantone. 2008 entrichteten die Spielbanken 437,3 Mio Fr. an den Ausgleichsfonds der AHV und 79,8 Mio Fr. an die Standortkantone der B-Casinos.

Noch liegen für 2009 keine definitiven Zahlen vor, aber die Branche schätzt ein Minus von 5 bis 7%. Das dürfte auch einige der rund 2500 Vollzeitstellen kosten. Meier rechnet mit sinkenden Einnahmen, selbst wenn die Gästezahl konstant bleiben sollte. Und im laufenden Jahr ist keine Besserung in Sicht. Im Gegenteil: Höhere Steuerabgaben für die Casinos mit A-Lizenzen - die Eidgenössische Spielbankenkommission rechnet mit Zusatzeinnahmen von ungefähr 20 Mio Fr. - und das landesweite Rauchverbot ab dem 1. Mai dürften die Einnahmen weiter schmälern.

Parallel dazu sinkt auch der Reingewinn, der im Boomjahr 2007 noch 142 Mio Fr. ausmachte. Mit Werbesprüchen wie «Baden im Glück» oder - in Anspielung auf den neuen Autobahnabschnitt A4 von Zürich nach Luzern - «Zum Glück so nah» wollen die Casino-Betreiber Gegensteuer geben.

Männer-Strip in Baden

Das Casino Baden zieht alle Register: Weil 70% der Kundschaft männlich sind, organisiert es nun Pokerturniere exklusiv für Frauen. Ein paar Männer sind zwar auch dabei, aber nur, um sich in der Strip-Show auszuziehen.

Trotz aller Massnahmen sieht die Zukunft düster aus: «Die Gewinne würden auch bei gleich bleibendem Bruttospielertrag zurückgehen, weil wir mehr abliefern müssen», sagt Hubertus Thonhauser, VR-Delegierter der österreichischen Casinos Austria Swiss AG, die in der Schweiz Beteiligungen an den Casinos Luzern, Bern, St. Moritz und Lugano hält. Die früheren Beteiligungen in Pfäffikon, Schaffhausen und St. Gallen hat sie im Juli 2009 mit Gewinn an die Swiss Casinos AG verkauft.

Thonhauser relativiert den Nutzen der Marketingmassnahmen, die sich an eine neue Kundschaft richten. Er weiss, dass solche Gäste nicht viel Geld verzocken. Daher bezweifelt er, dass alle die Anstrengungen die Verluste durch das Rauchverbot und die Krise wettmachen, und er sieht kein Wachstum mehr (siehe «Nachgefragt»). «Der Schweizer Casinomarkt hat den Sättigungsgrad vor zwei Jahren erreicht», sagt der Branchenprofi, der früher neben dem Studium selber als Groupier gearbeitet hat.

Europameister im Zocken

So oder so dürfte die Schweiz aber bleiben, was sie seit Jahren ist, nämlich das Spielereldorado Westeuropas. Nirgendwo sonst gibt es je Einwohner eine so hohe Casino- und Besucherdichte. Diesen Spitzenwert führen Fachleute aber nicht etwa auf Spielsucht, sondern auf den Wohlstand zurück.


Nachgefragt
«Heute wagt sich auch ein Politiker in ein Casino»

Der Schweizer Markt sei gesättigt, sagt Hubertus Thonhauser. Er war seit 2001 als CEO der österreichischen Casinos Austria Swiss AG massgeblich am Aufbau der Schweizer Spielbanken beteiligt.

Für 2009 gehen Sie gegenüber 2008 von 7% weniger Bruttospielertrag aus. Was ist daran schuld, die Wirtschaftskrise oder das Rauchverbot?

Hubertus Thonhauser: In erster Linie das Rauchverbot, das kann zu zweistelligen Rückgängen führen. Die Krise hat sich noch nicht so stark bis zu den Spielern hinunterdekliniert, dass man den Rückgang damit erklären könnte.

Geht es 2010 wieder aufwärts?

Thonhauser: Unter dem Strich erwarte ich beim Bruttospielertrag kein Wachstum mehr. Wenn wir es schaffen, die Zahlen von 2009 zu halten, sind wir bereits sehr zufrieden. Die Gewinne werden aber wegen der höheren Steuern auch bei einem gleich bleibenden Bruttospielertrag zurückgehen.

Sie versuchen, mit Events ein neues Publikum zu gewinnen. Geht das?

Thonhauser: Das sind gute Marketinginstrumente. Aber wir dürfen uns nichts vormachen: Erstbesucher und Gelegenheitsspieler haben natürlich niemals das Ausgabenpotenzial der Top-Klientel.

Ein Casino-Besuch ist verpönt, das Zocker-Image ist schlecht.

Thonhauser: Die Akzeptanz steigt. Heute wagt sich auch ein Politiker, in ein Casino essen zu gehen.

Aber nicht zu spielen.

Thonhauser: Na ja, früher war es schon verpönt, sich in der Nähe eines Casinos blicken zu lassen.