Um 16:30 Uhr sind die Türen des Kongresshauses bereits geöffnet. Eine Gruppe Rentner ist im Begriff hineinzugehen. Auf der Strasse gegenüber steht ein älterer Mann in hellbrauner Wildlederjacke, die Knöpfe stehen offen. Darunter ein weisses Polo-Shirt. Die Sonne spiegelt sich im See.

Ob der Fall Hoeness an diesem Dienstagabend zur Sprache kommt? «Nein, das glaube ich nicht», sagt er. Was er sich von der Generalversammlung der Privatbank Vontobel erwartet, die in einer Stunde losgeht? Ein paar Abstimmungen, gutes Essen, vor allem leckere Süssspeisen. «Aber leider im Stehen.» Seine Begleitung lacht.

Medien sind an der Generalversammlung unerwünscht

Das Vorgeplänkel zum Aktionärstreffen läuft ab, wie es erfahrene Journalisten dem Nachwuchs gerne beschreiben. Und doch unterscheidet sich die Generalversammlung der Privatbank von fast allen anderen ihrer Art. Für Journalisten gibt es heute keine Desserts. Auch keinen Hauptgang: Medienvertreter haben keinen Zutritt. Die Generalversammlung sei «leider nur Aktionären» vorbehalten, teilte der Mediensprecher der Bank per E-Mail mit.

Das ist erstaunlich. Und ein Einzelfall: Normalerweise stehen Aktionärstreffen immer auch den Medien offen. Wie andere börsenkotierte Unternehmen erstattet auch Vontobel jährlich Bericht über ihre Geschäfte, weist Gewinne aus, zeigt die Vergütung von Geschäftsleitung und Verwaltungsrat. Geschäftsleiter Zeno Staub war 2013 Bestverdiener: Basissalär, Boni und Aktien brachten ihm zusammen 2,76 Millionen Franken ein, knapp vier Prozent mehr als im Vorjahr.

«Banken sind doch keine Steuereintreiber»

Die Privatbank tut also das, was sie in den vergangenen Wochen bereits getan hat: Sie schottet sich ab. Dabei stehen viele Fragen im Raum: Welche Rolle spielte die Bank im Fall Hoeness? Wie viel Schwarzgeld schlummert noch heute auf den Konten des 1936 gegründeten Finanzinstituts? Muss die Vontobel nicht gewissenhafter prüfen, woher die angelegten Mittel stammen und ausländische Kunden stärker anmahnen, ihr Geld in der Heimat ordentlich zu versteuern?

Das habe die Bank bestimmt getan, sagt eine Aktionärin, die ihre gestreifte Jacke über die Schulter geworfen hat. «Ich bin schon gespannt, ob das Thema Hoeness zur Sprache kommt», sagt die Frau neben ihr. Ein Mann in Puma-Jacke sagt rauchend: «Aber Banken sind doch keine Steuereintreiber.»

«Strafe muss sein»

Am Eingang sind zwei Menschen in schwarzen Anzügen und grün-gestreiften Krawatten positioniert. Sie tragen einen Knopf im Ohr, ein Kabel verschwindet im weissen Hemd. Eine blonde Frau mit grosser Sonnenbrille und kurzem Rock eilt Richtung Eingang. Halt, eine Frage: Kommt der Fall Hoeness heute zur Sprache? Nein, sie glaubt nicht. Ob das Traditionshaus Vontobel seine Sorgfaltspflichten verletzt hat? Nein, sie kenne die Causa Hoeness ein wenig besser. «Vontobel arbeitet sehr seriös», sagt sie. Dann entschwindet sie.

Im Schnitt gewährte die Bank Vontobel dem ehemalige Präsidenten des FC Bayern bei dessen Devisengeschäften einen Hebel von zwölf, heisst es. Stimmt das, konnte Hoeness mit der zwölffachen Summe seines eigenen Kapitals spekulieren. In der Spitze sollen das über zwei Milliarden Franken gewesen sein. «Das ist wie im Casino», lacht die Frau mit der übergeworfenen Jacke. «Der Hoeness war süchtig», sagt sie, «ein Spieler». Ist wohl ganz gut, dass er jetzt ins Gefängnis muss, sagt die weisshaarige Frau neben ihr. «Strafe muss sein.»

Druck auf das Bankgeheimnis

Zu dreieinhalb Jahren verurteilte das Münchner Landgericht den früheren Fussball-Manager kürzlich. Noch immer überprüfen Steuerfahnder aus dem deutschen Rosenheim Hoeness' Konten bei der Vontobel. Inzwischen ist die Summe der am Fiskus vorbeigeschleusten Gelder schon auf über 30 Millionen Euro gestiegen. Die Berechnungen dauern anscheinend an.

Unmittelbar nach dem Urteilsspruch forderte der deutsche Vize-Kanzler das Ende des Schweizer Bankgeheimnisses: Man müsse die eidgenössischen Geldhäuser nun «zwingen, alles offenzulegen», sagte Sigmar Gabriel, der auch Bundeswirtschaftsminister ist. Die Amerikaner haben die Schweiz schon lange im Visier. Nun drängen sogar die Inder immer lauter auf Berner Amtshilfe – und drohen damit, die Schweiz als unkooperatives Land einzustufen.

Schweiz gefährdet Stellung als internationaler Finanzplatz

Die Schweiz gefährdet ihre Stellung als internationaler Finanzplatz, warnt eine umfassende Langfriststudie des Thinktanks Foraus. Will die Eidgenossenschaft ihre Attraktivität als Finanzzentrum bis zum Jahr 2030 verteidigen, müssen alle wichtigen Mitspieler aktiv und schnell den Dialog suchen – mit Ausland, Bundesbern und der Schweizer Öffentlichkeit, resümierte die Zürcher Denkfabrik kürzlich. Denn: «Die internationale Regulierungswut wird zunehmen.» Offenheit könnte in dieser Situation nur helfen.

Pünktlich um 19 Uhr verlässt ein gebückt gehender Mann das Gebäude. Das lichte Haupthaar ist quer über die Stirn gescheitelt. Ob das Thema Hoeness zur Sprache gekommen sei? «Mit keinem Wort», sagt er und lacht. Er müsse leider los, durch die halbe Schweiz nach Hause reisen. Noch etwa eine Stunde, sagt er.

Hoeness lässt Aktionäre kalt

Tatsächlich: Kurz nach 20 Uhr verlassen weitere Gäste die Veranstaltung. Und, wie wars? «Anstrengend», sagt eine Frau. Sie ist wohl Ende Fünfzig und sieht etwas müde aus. «Es ging vor allem darum, wie die da oben das Geld unter sich verteilen.» Nur ein Aktionär habe eine Nachfrage gestellt – zur Vergütungsstruktur bei der Vontobel, bestätigen andere Gäste. Wurden die grossen Herausforderungen des Finanzplatzes Schweiz diskutiert? War Hoeness ein Thema? «Nein».

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