Die Waffen dieser Frau erschüttern die Grundfesten des Finanzsystems. Blythe Masters ist nicht nur blond, britisch und Bankerin. Mrs. BBB ist sozusagen der gemeinsame Nenner der jüngsten Milliardenverluste beim US-Finanzgiganten JP Morgan Chase und der Euro-Krise.

Das Verhängnis nahm im Jahr 1997 seinen Lauf. Masters’ Team züchtete damals im Finanzlabor von JP Morgan Chase ein Wesen mit dem Namen «Bistro». Was wie ein nettes Buchhaltungsprogramm für Gastronomen klang, sollte sich wenige Jahre später unter der Bezeichnung Credit Default Swap (CDS) zum Frankenstein der Bankenindustrie entwickeln.

Dabei schien die Idee hinter der neuen Spezies Finanzprodukt simpel. Die Funktionsweise glich einer Art Versicherung für Kredite. Gegen eine Prämie konnten sich die Banken fortan bei anderen Finanzinstituten gegen die Pleite ihres Firmenkunden oder den Ausfall von  Anleihen absichern. Aus dem Eigenkapital der Bank liess sich so mehr herausholen – und der Risikomanager schlief ruhiger.

Aus der Krise hat bis heute kaum jemand etwas gelernt

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Anfänglich ging alles gut. Erst als in den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die Zentralbank die Leitzinsen senkte, erlebte der CDS einen atemberaubenden Aufstieg. Die Politik des billigen Geldes befeuerte einen Immobilienboom. Die Banken vergaben Hypotheken selbst an klamme Häuslebauer. Was früher nur Wahnsinnige getan hätten, erschien plötzlich als rational. Denn die Banker wussten, dass sie die Risiken schnell wieder loswurden. Über die Aus-dem-Auge-aus-dem-Sinn-Instrumente verteilte sich der Giftmüll wie eine radioaktive Wolke über die Welt. Investoren kauften Ramschhypotheken. Sie versicherten sie mit CDS. Oder sie spekulierten mit CDS. Eine monströse Geldmaschine entstand, die keiner mehr durchschaute.

Kurz vor der Pleite von Lehman Brothers im Herbst 2008 betrug das nominale CDS-Volumen beinahe 60 Billionen Dollar. Neben Versicherungen auf Firmen- und Staatsanleihen waren darunter auch die CDS, mit denen der weltgrösste Versicherer AIG gleich mehrere hundert Milliarden Ramschhypotheken abgesichert hatte. Nur dank staatlicher Stützung ging der Gigant schliesslich nicht unter.

Banker können die Verantwortung für ihr Handeln outsourcen

Doch gelernt hat daraus bis heute kaum jemand etwas. Zwar beläuft sich das nominale CDS-Volumen heute «nur» noch auf 27 Billionen Dollar, doch ausgerechnet Masters’ Arbeitgeber JP Morgan Chase kriegt die Instrumente nicht in den Griff. Konzernchef und Regulatoren-Schreck Jamie Dimon musste wegen schiefgegangener CDS-Spekulationen vergangene Woche einen Verlust von 2 Milliarden Dollar bekannt geben. «Wir waren schlampig, wir waren dumm», übte er sich in Demut.

Nun fordern Kommentatoren tiefere Boni und härtere Regeln für Investmentbanker – schon wieder. Aber ändert das etwas am Grundproblem? Wohl kaum. Die Kultur bleibt dieselbe. Mit Finanzinstrumenten im Stil der CDS spekulieren Banker nicht nur, sondern sie delegieren auch die Verantwortung für ihr Handeln. Das ist wie im wahren Leben. Wer bei einer Versicherung Vollkasko bucht, kümmert sich auch weniger um sein neues Auto.

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Der CDS ist die Chemie der Sorglosigkeit. In einem solch komplexen System kaufen Banker mit billigem Zentralbankgeld sogar Anleihen klammer Euro-Staaten, weil sie sich gegen die Pleite versichern können – bis es wieder knallt, weil keiner die Komplexität beherrschen kann.

Übrigens reagiert Blythe Masters auf den Vorwurf der Verantwortungslosigkeit gereizt. Als eine Zeitung ihr vorhielt, sie habe noch bei der Geburt ihrer Tochter gearbeitet, verlangte sie eine Richtigstellung. Sie habe sich nur zur Ablenkung von den Wehen mit ein paar Finanzdaten beschäftigt.