Mit seinen Halbjahreszahlen war die Aktie des Medizintechnikunternehmens SHL Telemedicine am 13. August an der Schweizer Börse überragender Tagessieger. Um 10,32% hat der Titel zugelegt. Einen Teil dieser Gewinne hat die Aktie seither allerdings wieder abgegeben. Grund für das Kursfeuerwerk war der erste Reingewinn in der Geschichte des Unternehmens.

Es sieht nicht danach aus, als dass es sich dabei um einen einmaligen Zufallstreffer handelt. Seit Anfang 2007 ist nicht nur der Umsatz stetig von 6 auf 11 Mio Dollar gestiegen. Auch seine Rentabilität hat das Unternehmen kontinuierlich verbessert. Die Ebitda-Marge beträgt für das letzte Quartal 20,9%. Für das gesamte Jahr 2008 prognostiziert sie SHL auf 16,3 bis 18,2%.

Schwer herzkranke Patienten, die normalerweise im Spital verbleiben müssten, können dank dem Angebot von SHL Telemedicine zu Hause bleiben. Das Unternehmen stellt den Herzpatienten Geräte zur Verfügung, die die relevanten Gesundheitsdaten erfassen und an eine Zentrale senden. Zudem unterhält SHL diese Zentralen in Form von Call Centers. Dort beschäftigt SHL Ärzte und weiteres Fachpersonal zur Herzkontrolle und zur Beratung der Patienten.

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Das Unternehmen gehört mit einer Börsenkapitalisierung von weniger als 90 Mio Fr. zu den kleinsten Unternehmen an der SWX. Zudem verfügt es in der Schweiz weder über einen Sitz, noch tritt es hier als Anbieter an. Beheimatet ist SHL im israelischen Tel Aviv, operativ tätig ist es neben Israel heute nur noch in Deutschland. Das Geschäft der Tochter Raytel in den USA ? zuvor grösster Umsatztreiber ? hat SHL im vergangenen Jahr an die holländische Philips verkauft, bezieht von dieser aus dem US-Geschäft aber noch Lizenzeinnahmen.

SHL von Alroy-Familie geführt

Die Bedeutung von Philips für SHL geht aber weit darüber hinaus. Der Multi ist mit einem Anteil von etwa 19% auch dessen grösster Aktionär. Die heute ganz im Besitz von SHL befindliche Tochter Philips Telemedicine (PHTS) im wichtigsten Wachstumsmarkt Deutschland war einst ein Joint Venture von SHL mit Philips. Bei dieser engen Verflechtung drängt sich die Frage auf, ob der holländische Konzern SHL nicht gleich ganz übernehmen könnte. «Das ist nicht ausgeschlossen», sagt Co-CEO Erez Alroy (siehe «Nachgefragt»). Weiter kommentieren will er die Spekulation nicht. Der andere Co-CEO von SHL ist Erez Bruder Yariv Alroy. Der Unternehmensgründer und Vater der beiden, Yoram Alroy, amtet als Verwaltungsratspräsident. Die Alroy-Familie ist knapp nach Philips mit einem Anteil von mehr als 18% zweitgrösster Aktionär von SHL Telemedicine.

Wachstumsmarkt Deutschland

In Israel sind die Patienten direkt Kunden von SHL. Das Unternehmen erwirtschaftet dort eine Ebitda-Marge von über 25%. Ein Zehntel aller Herzpatienten sind Kunden von SHL. Doch ist dieser Markt gesättigt und SHL bereits Marktführer. Auf höchstens 3 bis 5% jährlich schätzt Erez Alroy das weitere dortige Wachstumspotenzial ein. Das grösste Wachstumspotenzial ortet SHL Telemedicine dagegen in Deutschland. Dort verkauft sie über die Tochter PHTS ihre Dienste direkt an die Krankenversicherer. Sie können enorm Kosten sparen, wenn die Herzpatienten den Spitalaufenthalt umgehen können. Das Umsatzwachstum vom 2. zum 3. Quartal betrug dort 11,7%. Co-CEO Erez Alroy geht von einem weiteren Wachstumstrend in ähnlichem Ausmass aus. Annualisiert ergäbe das ein Wachstum von 56%.

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Neben dem Herzbereich soll das Businessmodell von SHL-Telemedicine künftig auch auf Diabetespatienten angewendet werden können. Auch dort könnte die Fernüberwachung und -beratung der Patienten zu erheblichen Kostenersparnissen im Gesundheitswesen führen. SHL führt dazu bereits Studien durch.

 

 

NACHGEFRAGT


«Mit dem Wachstum steigen auch die Margen»

Erez Alroy ist Co-CEO von SHL Telemedicine.

Wie gross ist das Potenzial Ihres Wachstumsmarkts Deutschland?

Erez Alroy: Erst 15 von 200 Krankenversicherungen sind in Deutschland mit uns vertraglich verbunden. Zudem nutzen selbst von diesen noch nicht alle unsere Dienstleistungen. Wir gehen davon aus, dass wir etwa im Umfang des Ergebnisses vom 2. Quartal weiter wachsen werden.

Wie steht es um die Profitabilität?

Alroy: Unser Geschäft wird von Skalenerträgen geprägt. Für einen weiteren Umsatz müssen wir die Kosten unwesentlich erhöhen. Mit dem Umsatzwachstum steigen auch die Margen.

Welchen Umfang machen die Lizenzzahlungen aus, die Sie von Philips nach dem Verkauf von Raytel beziehen?Alroy: 5 bis 8 Mio Dollar pro Jahr für die nächsten drei bis fünf Jahre, total 20 Mio sind unabhängig vom Umsatz garantiert. Darüber hinaus haben wir für die kommenden neun Jahre Anrecht auf weitere Lizenzeinnahmen.

Philips ist Ihr grösster Aktionär. Könnte der Konzern SHL kaufen?

Alroy: Das ist nicht ausgeschlossen. Doch will ich solche Spekulationen nicht kommentieren.