Sie amtieren seit einem Jahr als Nachfolger von Ernesto Bertarelli als CEO von Serono. Ist die Integration von Serono in die Merck-Gruppe nun beendet?

Elmar Schnee: Bei den Prozessen und Strukturen haben wir 90% der Integration geschafft. Was aber noch ein paar Jahre dauern wird, ist die Integration der beiden bisherigen Unternehmenskulturen.

Weshalb?

Schnee: Bis die Mitarbeitenden vergessen, ob sie ursprünglich von Merck oder Serono kamen, benötigen wir noch ein paar Jahre. Meiner Meinung nach ist dies das Schwierigste bei einer Integration.

Das heisst, 2008 wird nicht mehr wie 2007 ein Übergangsjahr?

Schnee: Richtig, denn wir können uns wieder voll auf das Geschäft konzentrieren.

Trotzdem befürchten Analysten das Auftreten weiterer Restrukturierungskosten.

Schnee: Wir sind im Budget, was die erwarteten Synergieeffekte in Höhe von 200 Mio Euro jährlich ab 2009 betrifft. Ich erwarte also keine Überraschungen.

Merck Serono soll dieses Jahr um 7 bis 11% wachsen. Werden Sie dieses Wachstum auch in den nächsten drei bis fünf Jahren halten können?

Schnee: Ich hoffe es, kann es aber nicht garantieren. Heute sind solche längerfristige Prognosen schwierig, gerade in unserer Industrie. Trotzdem gehe ich davon aus, dass wir weiterhin etwas stärker als der Gesamtmarkt wachsen können.

Wie stark wird der Markt wachsen?

Schnee: Wir kalkulieren mit 5 bis 6% pro Jahr, wie es das Marktforschungsinstitut IMS Health vorhersagt.

Weshalb wird Ihnen dies gelingen?

Schnee: Erstens haben wir keine grossen Patentabläufe zu befürchten. Zweitens können einige unserer Produkte trotz des abgelaufenen Patentschutzes in den nächsten Jahren eventuell noch um einige Prozentpunkte wachsen. Und drittens haben

wir aktuell mit den Mitteln Rebif gegen Multiple Sklerose und Erbitux gegen Krebs zwei starke Umsatzträger.

Was sind die umsatzstärksten Produktkandidaten aus Ihrer Pipeline?

Schnee: Wir suchen nicht unbedingt nach Blockbustern. Wir haben eine gute Chance zu wachsen, wenn wir mehrere Produkte lancieren, die einen jährlichen Umsatz von 200 bis 300 Mio Euro erzielen.

Welche Rolle spielen weitere Zukäufe, um dieses Wachstum zu erreichen?

Schnee: Wir evaluieren permanent potenzielle Zukäufe von Produkten und Technologien. Das heisst: Primär wollen wir organisch wachsen, aber unterstützt durch externes Wachstum.

Nach was suchen Sie?

Schnee: Wir wollen unseren Neurologiebereich verstärken. Auch die Segmente der Autoimmun- und Entzündungskrankheiten wollen wir ausbauen.

Auch Roche setzt stark auf Autoimmunkrankheiten. Wie stellen Sie sicher, dass Ihnen Roche-CEO Severin Schwan nicht ständig Akquisitionsobjekte wegschnappt?

Schnee: Nicht alle der kleineren Biotechfirmen möchten mit grossen Pharmakonzernen zusammenarbeiten. Und auch die Höhe des gebotenen Preises ist nicht immer ausschlaggebend.

Wollen Sie einer übernommenen Firma möglichst viel Unabhängigkeit gewähren oder ganz in Merck Serono integrieren?

Schnee: Hier ist Roche mit der Ausgestaltung ihrer Beteiligungen an Genentech und Chugai ein sehr gutes Beispiel. Mir schweben bei potenziellen Zukäufen ähnliche Lösungen vor.

Ist es wichtig, ob ein Medikament von Ihren eigenen Forschern oder durch eine Kooperation entwickelt worden ist?

Schnee: Das interessiert mich nicht primär; letzten Endes ist die erfolgreiche Entwicklung ausschlaggebend. Ich setze deshalb viel auf die Zusammenarbeit zwischen Forschung, Entwicklung und Marketing sowie ein besseres Portfoliomanagement-Modell.

Wie wird dieses aussehen?

Schnee: Meiner Meinung nach hat sich die gesamte Branche zu stark auf fixe Forschungs- und Entwicklungsprozesse konzentriert. Wir müssen vermehrt alles daransetzen, die Chancen und Risiken eines Produktkandidaten bereits in der ersten oder zweiten Studienphase zu erkennen.

Und wie?

Schnee: Die Forscher sind neu zusammen mit der klinischen Entwicklung dafür verantwortlich, dass Moleküle ihre Wirksamkeit in der frühen klinischen Studienphase unter Beweis stellen. Vorher hatte die Forschungsabteilung keine Verantwortlichkeit für diesen Nachweis.

Ihre Forscher erhalten also mehr Kompetenzen?

Schnee:aber auch mehr Verantwortung. Jetzt können Sie die Schuld nicht mehr den Entwicklern geben, wenn ein Projekt misslingt. Diese Zusammenarbeit funktionierte bisher nicht immer optimal.

Weshalb?

Schnee: Einer der Gründe war sicher die Struktur der Bonuszahlung. Wenn ein Forschungsteam den gesamten in Aussicht gestellten Bonus erhält, wenn es pro Jahr drei Moleküle in die klinische Entwicklung überführen kann, kommt es halt vor, dass kurz vor Weihnachten noch die fehlenden zwei kommen. Jetzt erhalten die Forscher nur dann einen grösseren Bonus, wenn die Produktkandidaten ihre Wirksamkeit bewiesen haben.

Wie investieren Sie in das Modell?

Schnee: Finanziell nicht viel. Aber das Management muss Zeit und Energie investieren, weil wir den Prozess mit Seminaren und anderen Aktivitäten an vorderster Front unterstützen. Ich vergleiche die Situation gerne mit dem Leben von Kindern: Diese können sie nicht mit Geld, sondern nur mit Argumenten überzeugen.

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Ihre Forscher sind Kinder?

Schnee: Nein, aber ihr Verhalten erinnert mich manchmal an das Verhalten von Kindern (lacht). Aber Sie dürfen mich nicht falsch verstehen: Wenn ein Manager Kinder hat, ist er meiner Meinung nach oft ein besserer Manager, weil ständiges Argumentieren sein tägliches Leben prägt.

Inwiefern?

Schnee: Sie haben für gewisse Dinge Verständnis, die Führungskräfte ohne Kinder manchmal nicht haben. Das Familienleben hilft im Berufsleben viel, so bezüglich des Argumentierens oder Überzeugens.

Wie fördert Merck Serono das Familienleben seiner Mitarbeitenden?

Schnee: Ein wichtiger Bestandteil davon ist unsere firmeninterne Kinderkrippe. Wir haben den Anspruch, ein familienfreundliches Unternehmen zu sein.

Welche Rolle spielt es für die Merck- Gruppe, dass der Sitz der neuen Division Merck Serono in der Schweiz ist?

Schnee: Für mich gibt es einige Kriterien, die ein Land erfüllen muss, damit wir als Firma dort investieren. Wir entwickeln und vermarkten Innovationen ? das entsprechende Land muss also zum Beispiel bereit sein, solche Innovationen zu fördern und zu bezahlen. Es wäre verantwortungslos, in einem Land in Innovationen zu investieren, wenn diese dort nicht unterstützt würden.

Sie sprechen die Parallelimporte an. Sie haben Glück, weil diese noch nicht zuge-lassen sind. Heisst dies, dass Sie weiter in der Schweiz investieren werden?

Schnee: Wir sponsern etwa drei Lehrstühle der EPFL Lausanne. Zudem investieren wir ungefähr 470 Mio Fr. in die Erweiterung einer Produktionsanlage bei Vevey. Dort soll unter anderem das Krebsmittel Erbitux produziert werden können. Wir schaffen damit mehr als 200 Hightech-Arbeitsplätze.

Naturschutzorganisationen und lokale Gruppen haben Widerstand angekündigt.

Schnee: Ich nehme solche Ängste ernst und gebe zu, dass wir vielleicht noch mehr aufklären müssen. Wir hatten erst kürzlich eine Infoveranstaltung. Deshalb bin ich guten Mutes, die Bewilligung zu erhalten.

Wann soll die Anlage eröffnet werden?

Schnee: Ab 2010 sollen Testmengen produziert werden können, ab 2011 oder 2012 «verkaufsfähige» Mengen.

Sehen Sie auch die Möglichkeit, dass der Hauptsitz der gesamten Merck-Gruppe von Darmstadt nach Genf verlegt wird?

Schnee: Nein. Merck ist seit 300 Jahren in Darmstadt und wird das auch noch in den nächsten 300 Jahren sein (schmunzelt).