Der Schweizer Rückversicherer Swiss Re kommt nicht zur Ruhe. Der Abgang des ehemaligen Investmentbankers Jacques Aigrain von der Konzernspitze hat die Anleger nur kurz beschwichtigt. Im Gefolge der Unsicherheiten an den Finanzmärkten ist die Swiss-Re-Aktie erneut getaucht: Seit Bekanntgabe des Jahresergebnisses unter dem neuen CEO Stefan Lippe am 19. Februar hat sie 20% an Wert verloren, seit Jahresbeginn über 72%.

Fürs Vertrauen braucht es Zeit

Stefan Lippe weiss, dass in den nächsten Monaten eine Herkulesarbeit auf ihn zukommt. Die grösste Aufgabe wird sein, das massiv angeschlagene Vertrauen zurückzugewinnen. Swiss Re galt während Jahrzehnten als grundsolides Unternehmen, das über ein exzellentes Risikomanagement und eine starke Kapitalisierung verfügte. Beides hat der Konzern mit seinen Ausflügen in banknahe Geschäfte und dem blinden Glauben an schnelle zweistellige Renditen allzu leichtfertig auf Spiel gesetzt und dabei verloren. 2008 resultierten ein Verlust von rund 6 Mrd Fr. aus den riskanten Geschäften sowie ein Jahresergebnis von minus 864 Mio Fr. nach Reingewinnen von jeweils über 4 Mrd Fr. in den Jahren 2006 und 2007. Zudem schrumpfte das Eigenkapital um gut 11 Mrd Fr. auf 20,5 Mrd Fr.

Der neue Swiss-Re-Chef hat aber auch einen Trumpf in der Hand, sobald sich die Finanzmärkte wieder einigermassen stabilisieren. Das operative Geschäft läuft nach wie vor gut - und die Befürchtungen, die gelegentlich von Konkurrenten gezielt gestreut wurden, haben sich nicht bestätigt: Die Kunden haben der Swiss Re nicht den Rücken gekehrt.

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«Die Kunden laufen nicht davon»

Das Kerngeschäft der Rückversicherung ist nämlich profitabel. 2008 resultierte ein Gewinn von 4,5 Mrd Fr. Zudem betrug die Combined Ratio, also das Verhältnis von Schaden und Kosten, im Nichtleben-Geschäft 97,9%, und dies trotz Naturkatastrophen, die 2008 deutlicher zu Buche schlugen als 2007. Eine Combined Ratio von unter 100% belegt, dass ein (Rück)-Versicherer im Kerngeschäft Geld verdient.

Ein weiteres Indiz ist die für die Branche so wichtige Erneuerungsrunde im Januar, in der ein Teil der Rückversicherungsverträge erneuert werden. Es ging bei der Swiss Re um ein Prämienvolumen von 8,5 Mrd Fr., das auf 9 Mrd Fr. gesteigert werden konnte. Stefan Lippe weist auf das Neugeschäft und auf Prämienerhöhungen hin und betont: «Dieses Ergebnis zeigt, dass die Gerüchte um Kundenabgänge nicht stimmen.»

Die Januar-Erneuerungsrunde mag mit ein Grund sein, warum sich der neue Konzernchef nicht gross beeindruckt zeigt von der Rückstufung des Ratings von «AA-» auf «A+» durch Standard & Poors. Überdies hat auch die Agentur Moodys Swiss Re von «Aa3» auf «A1» mit negativem Ausblick zurückgestuft. Das ist nicht ganz unproblematisch und dürfte in der Vertrauensbildung gegenüber den Investoren einen Rückschlag darstellen. Denn ein Rating drückt die Finanzstabilität aus und ist für die finanzielle Glaubwürdigkeit eines Unternehmens zentral.

Doch Lippe meint, die Nachfrage nach Rückversicherung steige und das Angebot nehme als Folge der Finanzkrise ab, weshalb die Preise stiegen. Ausserdem habe die Vergangenheit gezeigt, dass Mitbewerber mit einem analogen Rating keine Nachteile im Zeichnen von Neugeschäft gehabt hätten.

 

 


Die Rolle von Warren Buffett bei der Swiss Re

Der legendäre Milliardär und US-Investor Warren Buffett wittert bei der Swiss Re das grosse Geschäft. Doch die Swiss Re will sich aus den Fängen Buffetts befreien. CEO Lippe plant, die Anleihe in der Höhe von 3 Mrd Fr. zurückzuzahlen, die Buffetts Berkshire Hathaway erworben hat.

Lippe hat bekannt gegeben, dass der Rückkauf bis 2012 erfolgen sollte. Dann kann Buffett nämlich die Anleihe in Swiss-Re-Aktien umwandeln, und zwar zu einem Preis von 25 Fr. pro Wertpapier. Dabei stiege sein Anteil am Rückversicherungskonzern auf über 20% - was Swiss Re verhindern will, um ihre Selbstständigkeit nicht zu gefährden. Swiss Re hofft, dass sich die Finanzmärkte bis Ende 2011 wieder erholen und dass sich auf den Anlagen, die Milliardenabschreiber verursacht haben, wieder Gewinne realisieren lassen. So handelt es sich um eine Wette zwischen Swiss Re und Warren Buffett, die bis 2012 läuft.

Buffett ist auf jeden Fall der Gewinner bei seinem Engagement bei Swiss Re. Zum einen übernimmt der US-Investor 20% des gesamten Neugeschäfts in der Schaden- und Unfallversicherung, was sich als lukrativ erweist. Dieser Deal hatte sich mit dem Einstieg Buffetts 2007 bei Swiss Re (3%) ergeben. Zum anderen verdient Buffett kräftig mit seinem 3-Mrd-Fr.-Engagement: Die jährliche Verzinsung beträgt 12%, was 1 Mio Fr. pro Tag entspricht. (pi)