Wenige Stunden nach dem Rücktritt von ABB-CEO Fred Kindle hat die Suche nach einem Nachfolger begonnen. Drängen lässt sich Gary Steel, der als ABB-Konzernleitungsmitglied und Personalvorstand mit der Suche beauftragt ist, nicht. „ABB steckt nicht in einer Krise, wir haben genügend Zeit, die richtige Person für diesen Job zu finden“, sagt er gegenüber der „Handelszeitung“ am Rande der ABB-Jahres-Medienkonferenz vom Donnerstag. Gemäss Steel muss der CEO des Elektro- und Automationskonzerns Führungserfahrung auf internationaler Ebene vorweisen können sowie integrative Fähigkeiten besitzen – im Hinblick auf mögliche Akquisitionen ein zentraler Punkt. Denn ABB ist laut CFO und Ad-interim-CEO Michel Demaré in der Lage, Zukäufe in zweistelliger Milliardenhöhe zu verkraften. Einen zeitlichen Rahmen bei der Nachfolgersuche gibt es laut Steel nicht: „Wir wollen nichts überstürzen“, betont er.

ABB-Verwaltungsratspräsident Hubertus von Grünberg sieht das ähnlich, lässt allerdings durchblicken, dass man die Lücke in absehbarer Zeit schliessen möchte. „Eine Frist von 6 bis 12 Monaten wäre vernünftig“, sagte er am Rande der ABB-Jahresmedienkonferenz. Laut von Grünberg steht auch Ad-interim-Konzernchef Michel Demaré auf seiner Kandidatenliste. „Natürlich entsteht eine schwierige Situation, sollte Michel vom Verwaltungsrat nicht definitiv zum ABB-CEO ernannt werden“, fügt von Grünberg hinzu. Er werde alles daran setzen, Demaré als Finanzchef an Bord von ABB halten zu können, auch wenn dieser nicht zum Konzernchef gewählt werde.

Damit stösst von Grünberg bei Demaré auf offene Ohren: „Mir gefällt mein Job als ABB-CFO sehr gut“, sagt Demaré gegenüber der „Handelszeitung“. Seine Ernennung zum Ad-interim-CEO habe ihn genauso überrascht wie die Öffentlichkeit. Er werde auf diesen Posten gerne zurückkehren, sollte er nicht definitiv zum ABB-CEO ernannt werden.

Nach wie vor unklar ist der Grund, weshalb sich der ABB-Verwaltungsrat für den Rücktritt Fred Kindles ausgesprochen hat. Ob die Entscheidung einstimmig gefallen ist, geht nicht eindeutig hervor. Darauf angesprochen, sagt Hubertus von Grünberg zunächst, es sei „eine Mehrheitsentscheidung“ gewesen, korrigiert die Aussage dann aber. Es habe eine „Zustimmung von 100%“ gegeben.

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ABB hat sich offenbar im gegenseitigen Einvernehmen von Fred Kindle getrennt. „Fred Kindle ist nicht fristlos entlassen worden“, bestätigt Gary Steel der „Handelszeitung“. Aus arbeitsrechtlicher Hinsicht ein wichtiger Punkt, denn eine fristlose Entlassung ist nur in begründeten Fällen – etwa schwerwiegendem Fehlverhalten – möglich. Der unbefristete Vertrag sei erst vor wenigen Tagen gekündigt worden, von diesem Datum an gilt eine Frist von 12 Monaten, während der Kindle Gehalt von ABB bezieht, aber in keinerlei operativer Verantwortung mehr steht. Eine zusätzliche Abfindung – sprich: einen goldenen Fallschirm – werde es nicht geben.

Ob Kindle bereits in Verhandlungen mit neuen Arbeitgebern steht, wollte man bei ABB nicht kommentieren. „Ich bin mir aber sicher, dass die Drähte bei Fred glühen werden“, sagt Hubertus von Grünberg der „Handelszeitung“. Möglich sei, dass auch er – von Grünberg – von potenziellen neuen Arbeitgebern kontaktiert werde. Dann werde er jedem raten, Kindle einzustellen. „Schauen Sie sich die Zahlen von ABB an“, sagt von Grünberg. Da müsse jedem sofort klar werden, dass Kindle ein äusserst fähiger Manager sein. „Wir werden noch viel von Kindle hören, und zwar von ganz oben“, sagt von Grünberg.

Weitere Abgänge in der ABB-Konzernleitung zeichnen sich derzeit noch nicht ab. „Wir sind ein sehr starkes Team und halten zusammen“, sagt Steel. Nun gehe es darum, das Schiff weiter auf Kurs zu halten und die „grosse Lücke“ zu schliessen, die Fred Kindle mit seinem Rücktritt hinterlassen habe.

Die ABB-Aktie erholte sich am Donnerstag, nachdem sie am Mittwoch eine Talfahrt hingelegt hatte. Gegen 15 Uhr notierten ABB 1,84% höher bei 26,50 Fr. Am Mittwoch stürzten ABB nach Bekanntgabe des Kindle-Rücktritts zeitweise über 10% in die Tiefe.

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