Es ist merklich ruhiger geworden auf dem riesigen Areal der Cham Paper Group. Ende Juni wurde die PM4, eine von zwei grossen Papiermaschinen, abgeschaltet. 115 Beschäftigte verloren ihre Stelle. An der PM5 wird zwar noch gearbeitet, aber nicht mehr lange. Auch diese Produktionsstrasse soll still­gelegt werden. Das kostet weitere 100 Jobs.

Ab kommendem April sollen die in Cham gefertigten Spezialpapiere für die Tabakindustrie in der Toskana produziert werden. Das dortige Tochterwerk soll die wichtigste Produktionsstätte innerhalb der Cham Paper (CPG) werden – zum «Rückgrad einer auf Effizienz ausgerich­teten Produktions- und Logistikplattform im Euro-Raum», wie die Geschäftsleitung verlauten lässt. In der Schweiz konzen­triert sich die Firma künftig auf die wertschöpfungsintensive Beschichtung und Veredelung. Mit diesen Prozessen werden teure Spezialpapiere für den Digital- und Textildruck sowie für Lebensmittelver­packungen fabriziert.

Allerdings soll in Zukunft auch dies nicht mehr in Cham erfolgen. Vor einigen Wochen hat der Verwaltungsrat entschieden, dass ein neues Innovations- und ­Beschichtungszentrum ausserhalb des ­jetzigen Firmenareals gebaut wird. Auf dem Gelände an der Lorze, wo 1657 die erste Papiermühle errichtet worden war, geht damit eine lange industrielle Tradi­tion definitiv zu Ende. Präsident Philipp Buhofer will das Areal in einen Stadtteil von Cham mit Wohnungen und Büros verwandeln.

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Industrielle Tradition geht zu Ende

Die Radikalkur ist ein klassisches ­Beispiel für die Umwälzungen auf dem Werkplatz Schweiz. «Die Wechselkurs­problematik hat in unserem Betrieb voll durchgeschlagen», erklärt Firmenchef ­Peter Studer. Der Spezialpapierhersteller rutschte in die roten Zahlen. 2011 gab es mit einem Verlust von 92 Millionen Franken das grösste Minus in der Firmen­geschichte. «Dabei hatte das Management alle Hausaufgaben schon gründlich erledigt», ergänzt Sprecher Edwin Van der Geest. Der Anteil der Kosten, die ausserhalb des Euro-Raumes anfallen, war von 60 auf 40 Prozent verringert worden.

Die Lohnkosten in Cham lagen zuletzt aber bei durchschnittlich 112000 Franken pro Mitarbeiter, bei den italienischen Töchtern bei 55000 Euro. «Diese Differenz war verkraftbar, solange der Franken-­Euro-Kurs zwischen 1.50 und 1.60 pen­delte. Mittlerweile ist sie aber zu gross ­geworden», so Van der Geest. Die Lohnkosten machen in der Branche rund ein Viertel der Gesamtkosten aus. Sie haben dem Standort Cham das Genick gebrochen.

Nach dem Umbau spielt der Werkplatz Schweiz bei der CPG bloss noch eine kleine Nebenrolle. Im neuen Beschichtungszentrum dürften nur noch 100 Angestellte ­arbeiten. Mengenmässig werden rund 100000 Tonnen Papier produziert – ein Zehntel dessen, was bisher in Cham hergestellt wurde. Der Umsatz dürfte in der Folge bis 2014 um rund 100 auf 220 Millionen Franken sinken. Erst danach peilt die CPG wieder ein jährliches Wachstum von 5 Prozent an.

Zukunft liegt in Immobilien

Die Weichen für eine erfolgreiche industrielle Zukunft seien nun gestellt, sagt Van der Geest. Der Transformationsprozess verlaufe rascher als erwartet. Das klingt nach Harmonie. Doch hinter den Kulissen dürfte die radikale Neuausrichtung mehrfach für heisse Köpfe gesorgt haben. Der langjährige Verwaltungsrat René Furler nahm seinen Hut. Und auch Finanzchef Patrick Schmid, welcher seit 17 ­Jahren in verschiedenen Funktionen im Unternehmen tätig war, wird die CPG ­verlassen.

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Laut Van der Geest sind das ganz normale Abgänge, die nichts mit ­Uneinigkeiten bezüglich der einzuschlagenden Strategie zu tun hätten. Der Sprecher dementiert auch Spekulationen, die Umstrukturierung sei gewissen Eigentümern gar nicht ungelegen ­gekommen. Das frei werdende Industrieland, rund 100'000 Quadratmeter, soll ­umgezont und überbaut werden. In der Bilanz ist dieses Gelände zu einem Buchwert von 150 Franken pro Quadratmeter aufgeführt.

Immobilienexperten schätzen aber, dass der Quadratmeter mindestens 2000 Franken wert ist. Das heute mitten in einem begehrten Wohngebiet liegende Areal lässt sich mittels Immobilienentwicklung gewinnbringender nutzen als mit industrieller Produktion. – Ob in diesem Jahr die CPG wieder in die Gewinn­zone zurückkehrt, ist unsicher. Fürs 1. Halbjahr wurden ein um 9,4 Prozent auf 155 Millionen Franken rückläufiger Nettoumsatz und ein Reingewinn von 200000 Franken oder eine schwarze Null gemeldet. Die Chamer Bürger müssen noch über die erforderliche Umzonung abstimmen. Bis die Bagger auffahren, dürften zwei bis vier Jahre ­vergehen.

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