Regulatoren versus Riskmanagement? Diese Gegenüberstellung lässt aufhorchen: Sind wir soweit, dass sich angesichts der intensiven Bemühungen um eine bessere Risikobewältigung ein Konflikt anbahnt? Verlagert sich die Entscheidung über Risiken vermehrt auf staatliche Organe, gibt es gar Sieger und Besiegte?

Wer sich bloss an den Einkommensexzessen, an den fragwürdigen Kontroll- und Ratingmechanismen sowie an den Rettungsinterventionen der Staaten orientiert, verfällt leicht einem solchen Denkschema. Doch das «Leben nach der Krise» wird andere Massstäbe setzen, und daran orientieren wir uns.

Zusätzliche Anforderungen

Was sind die zusätzlichen Anforderungen an das umfassende unternehmerische Riskmanagement, und mit welchen regulatorischen Leitplanken sichern die Regulatoren Gesamtwirtschaft und Gesellschaft?

Es gilt auch hier der Grundsatz, wonach «richtiges Tun» zwar regulatorisch begleitet und verstärkt werden soll, jedoch niemals als Ganzes erzwungen werden kann. Genauso wenig wie ein ausgeklügelter Überbauungsplan gute Architektur und ein funktionierendes Gemeinwesen garantiert. Mit Blick auf das künftige Riskmanagement ist die derzeitige Trümmerbeseitigung deshalb strikte von den längerfristigen Herausforderungen zu trennen: Es gilt nach wie vor und primär die Selbstverantwortung.

Rückbesinnung auf Funktion

Aus der Vielzahl von Ände-rungsimpulsen seien hier nur drei herausgegriffen:

Erstens bedarf es der Rückbesinnung, was grundsätzlich die Funktion von Riskmanagement sein soll. Wenn wir Management, in Anlehnung an Hans Ulrich, als Gestalten, Lenken und Entwickeln von Unternehmungen interpretieren, so fällt auch dem Riskmanagement die Aufgabe zu, dies in aller Breite und weit über die finanziellen Aspekte hinaus zu tun.

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«Professionalität» ist dabei mehr als das Wissen um den «state of the art» in einer quantitativen Modellwelt. Das Verhalten von Individuen und Organisationen, insbesondere die menschlichen Motive und die spezielle Dynamik von Störprozessen, rückt in den Fokus der Unternehmenslenkung.

Stakeholderperspektive gefragt

Human Resources, in den letzten Jahren fast völlig aus dem Riskmanagement verdrängt, werden zum zentralen Thema in den Geschäftsleitungen. Dass hier die Autonomie durch regulatorische Impulse, zum Beispiel bezüglich der Anreizsysteme, begrenzt wird, ist durchaus verständlich; je mehr jedoch die gesamten Lenkungssysteme aus eigener Initiative an der Stakeholder- und an der (echten) Shareholderperspektive orientiert sind, kann sich die Regulierung wieder auf die gesellschaftliche Gesamtorientierung und auf die systemischen Risiken beschränken.

Bewältigung von Störungen

Zweitens dürfte es angebracht sein und nicht schaden, im Zeichen der Riskmanagement-Krise nochmals über die «notion of risk» nachzudenken. In der geschichtlichen Entwicklung wurde «Risiko» stets mit dem charakteristischen Dilemma zwischen Erfolg und Misserfolg verknüpft und insbesondere mit der Bewältigung von Erwartungsabweichungen sowie von Störungen verbunden. Erst die letzte Entwicklung, von Spezialisten als durchschlagender Erfolg gefeiert, reduziert den Umgang mit Risiko weitgehend auf eine mathematisch-statistische Entscheidungslogik.

Die volle Realität weit über finanzielle Mess- und Stellgrössen hinaus, drängt nun in ihren materiellen Prozessen und vor allem mit ihren sozialen Aspekten mit in den Führerstand des Riskmanagements. Auch die Mitverantwortung der wissenschaftlichen Riskmanagement-Disziplinen ist damit angesprochen: Wenn sie es nicht schaffen, aus ihren hochspezialisierten (und geistig bonifizierten) Eigentümlichkeiten herauszutreten, so wird ihre Relevanz für umfassende Problemlösungen zunehmend in Frage gestellt. Hier eine transdisziplinäre Klammer zu setzen, ist Sache der Unternehmungen, der Wissenschaft und der Hochschulen; sonst werden dies über kurz oder lang, allerdings auf ihre Art, die Regulatoren vornehmen.

Drittens muss wohl von neuem darüber nachgedacht werden, unter welchen Bedingungen in der Risikomodellierung Chancen- und Gefahrenaspekte noch vermengt und in blossen Wahrscheinlichkeitsverteilungen komprimiert werden können. Moderne Gesamtmassstäbe für das Risiko ? etwa Value at Risk ? (ver)führen vom ursprünglichen Instrument der Prävention zur maximal möglichen Risiko(hin)nahme.

Dabei werden die fundamentalen Unterschiede in der Chancen- und in der Gefahrenwahrnehmung verdrängt, die zahlreichen Asymmetrien vernachlässigt. Riskmanagement wird sich deshalb intensiv mit der Differenzierung zwischen Chance und Gefahr beschäftigen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Erfolgs- und Störphasen, mit normalen Abläufen und Stresssituationen, mit Durchschnittsrisiken und kleinstwahrscheinlichen Grösstrisiken.

Dringlich erforderliche Mahner

Und mit Blick auf Frühwarnsysteme dürfte wesentlich sein, wie Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen zukünftig mit der Führungspositionierung der dringlich erforderlichen Mahner als «Schwarzseher» neben den gewohnten Erfolgsträgern als «Helden» umgehen. Ansonsten droht auch hier die Gefahr, dass dieser Chancen-Gefahren-Dialog nach aussen verlagert wird - zu den Regulatoren?

Denn eins ist klar: Die derzeitige Krise ist eine Krise des Risikomanagements - und damit Chance und Verpflichtung. Nicht als eine Machtpositionierung im Verhältnis zu den Regulatoren, sondern im Sinne des gemeinsamen Anliegens: Risikobewältigung im Individuellen, mit Blick auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung.