Wer sich heute entscheidet, ein neues Auto zu kaufen, sollte sich beim Händler etwas Zeit nehmen, denn von A wie Aussenfarbe bis Z wie Zigarettenanzünder besteht eine enorme Vielfalt an Konfigurationsmöglichkeiten und Ausstattungsvarianten. Der hohe Wettbewerbsdruck treibt viele Automobilhersteller dazu, immer differenzierter auf individuelle Kundenbedürfnisse einzugehen. Der Kunde steht vor der Qual der Wahl und die Hersteller vor der schwierigen Aufgabe, die aus der Vielfalt resultierende Komplexität in den Griff zu bekommen und gleichzeitig zu wettbewerbsfähigen Kosten zu produzieren.

Die grössten Herausforderungen stellen sich dabei für die Gestaltung der Produktions- und Logistiksysteme sowie beim Lieferantenmanagement. Ein möglicher Ansatz, den Herausforderungen der kundenindividuellen Massenproduktion erfolgreich zu begegnen, ist das Just-in-Sequence-(JIS)- Konzept. Dieses wird heute nicht nur von Automobilherstellern erfolgreich eingesetzt, sondern auch in anderen Industrien, die bei grossen Stückzahlen variantenreiche und hochwertige Module verbauen.

Just-in-Sequence ist nicht Just-in-Time

JIS ist eng mit dem bekannteren Konzept Just-in-Time (JIT) verwandt. Bei einer JIT-Belieferung werden die Teile zeitgenau angeliefert, also die richtige Menge in der richtigen Qualität zur richtigen Zeit.

Dagegen geht JIS einen Schritt weiter und fordert zusätzlich die produktionssynchrone Anlieferung von Bauteilen unter Berücksichtigung der exakten Reihenfolge, wie der Hersteller diese in der Produktion benötigt. So kann JIS als JIT erweitert um den Aspekt der sequenzgenauen Anlieferung interpretiert werden.

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Werden beispielsweise Sitzgarnituren in der Automobilindustrie per JIS bereitgestellt, so kommissioniert der Lieferant diese bereits so auf speziellen Gestellen, dass sich die Sitze-Sequenz exakt an der Reihenfolge der auf dem Band zu fertigenden Autos orientiert. Die Gestelle werden dann direkt zum Band geliefert, wo die Autos wie auf einer Perlenkette aufgereiht produziert werden und die jeweiligen Sitze sequenzgerecht in die Fertigung einfliessen.

Ist JIS nun der Schlüssel zum Erfolg in der kundenindividuellen Massenproduktion? Dieser Frage wurde in einer aktuellen Studie am Lehrstuhl für Logistikmanagement der ETH Zürich nachgegangen. Insbesondere wurden Chancen und Risiken sowie die Bedingungen, unter denen JIS erfolgreich eingesetzt werden kann, untersucht.

Die ETH-Studie zeigt, dass, bei der optimalen Umsetzung von JIS, Kostenersparnisse in zweistelliger Prozenthöhe durchaus realisierbar sind - und zwar sowohl beim Hersteller als auch bei den JIS-Lieferanten (siehe Grafik). Um diese Potenziale zu heben, müssen jedoch die richtigen Gestaltungsentscheidungen getroffen werden. Die wesentlichen Bestandteile für ein erfolgreiches JIS-System sind: Die richtige Teileauswahl treffen, die zuverlässigen Partner selektieren und daraus das optimale Umsetzungskonzept definieren.

Teile- und Lieferantenauswahl

Grundsätzlich bedarf es relativ hoher Stückzahlen, um JIS sinnvoll einsetzen zu können. Dann können die für JIS in Betracht kommenden Teile relativ leicht anhand von drei Dimensionen identifiziert werden: Wert, logistische Komplexität und Variantenvielfalt. Zunächst ist der Wert eines Bauteils zu beachten. Der hohe Aufwand, der für eine JIS-Implementierung betrieben werden muss, rechnet sich vor allem bei A-Teilen, die ein hohes Beschaffungsvolumen aufweisen und die häufig benötigt werden.

Darüber hinaus ist die logistische Komplexität zu beachten. Da für JIS-Module jegliche Lagerungs- und Kommissionierprozesse entfallen, eignet sich das Konzept insbesondere für Teile, die aufgrund ihrer Abmessungen oder ihrer Empfindlichkeit schwer zu handhaben sind. Die dritte und wichtigste Dimension ist jedoch die Variantenvielfalt. JIS kommt vor allem dann in Frage, wenn von einem Bauteil oder Modul eine grosse Anzahl Varianten existiert, die es sehr teuer macht, Lagerbestände vorzuhalten.

Genau hier liegt auch das Kriterium, welches entscheidet, wann JIS gegenüber JIT vorzuziehen ist. Im JIT-Kontext ist es nicht unüblich, kleine Sicherheitsbestände einzurichten, um auf kurzfriste Schwankungen im Produktionsablauf oder bei Lieferengpässen zu reagieren. Ab einer gewissen Variantenanzahl sind derartige Puffer jedoch nicht mehr realisierbar und JIS ist überlegen.

Sind die richtigen Teile ausgewählt, stellen sich die grössten Herausforderungen in der Gestaltung der Prozessintegration zwischen Hersteller und den Lieferanten. Die aufgezeigten Kosteneinsparungspotenziale, die durch eine effiziente sequenzgenaue Logistik zwischen Abnehmer und Lieferant erzielbar sind, werden häufig deshalb nicht vollständig erreicht, weil viele Optimierungspotenziale in der unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit ungenutzt bleiben. Deshalb ist die Lieferpartnerselektion von entscheidender Bedeutung.

Anspruchsvolles Konzept

Auf Qualitätskontrollen beim Hersteller wird in der Regel komplett verzichtet. Entsprechend muss der Zulieferer eine tadellose Produkt-, aber vor allem Prozessqualität vorweisen, um überhaupt in die nähere Auswahl zu kommen. Auch nach der Auswahl des Partners verlangt die alltägliche Praxis von JIS erhebliche Anstrengungen bei der unternehmensübergreifenden Prozessgestaltung. Dies kann nur auf Basis einer guten Kommunikation und einer hohen Beziehungsqualität funktionieren.

Damit ist JIS eines der anspruchsvollsten Logistikkonzepte zur Realisierung einer variantenreichen Massenproduktion. Aufgrund von Wettbewerbsdruck und Kundenorientierung ist jedoch trotz dieser Herausforderungen zu erwarten, dass JIS in Zukunft auch zunehmend in verarbeitenden Industrien ausserhalb der Automobilindustrie eingesetzt werden wird.