Die Meinungen zu Actelion sind geteilt. Das Biotech- und Pharmaunternehmen mit 1592 Mitarbeitern, das mit grosser Wahrscheinlichkeit den Chemieriesen Clariant aus dem führenden Schweizer Börsenindex SMI werfen wird, steht für grosse Risiken, aber auch für entsprechende Chancen. Kein Wunder, empfehlen sechs Analysten die Aktie zum Verkauf und mit fünf fast ebenso viele zum Kauf.

Vom jährlichen Umsatz von Actelion, der sich 2007 auf 1,3 Mrd Fr. belief, gehen etwa 90% auf ein einziges Produkt zurück: Tracleer. Die restlichen 10% steuern die Präparate Ventavis und Zavesca bei (siehe Kasten).

Allein in den letzten beiden Jahren konnte das Unternehmen aus dem basellandschaftlichen Allschwil seinen Umsatz verdoppeln – bei einer operativen Marge von 27%. Seit seinem Börsengang im April 2000 hat die Actelion-Aktie um ganze 320% zugelegt, während SMI und SPI um 8 bzw. 15% nachgaben und die Aktie von Roche bloss 3% dazugewonnen hat.

Hoffen auf grösseren Markt

Das weitere Gedeihen von Actelion hängt vorerst noch immer von seinem Hauptprodukt Tracleer ab. Das Medikament wirkt bei einer Krankheit, die den komplizierten Namen «Pulmonale Arterielle Hypertonie» (PAH) trägt. Damit ist ein erhöhter Druck im Herz-Lungen-Blutkreislauf gemeint, der Herz und Lunge überfordert, sodass beide Organe beschädigt werden. Ohne Behandlung würden Patienten durchschnittlich 2,8 Jahre nach der Diagnose sterben. Symptome der Krankheit sind je nach Entwicklungsstadium Atembeschwerden und Erschöpfung und gehen bis zur völligen Bewegungsunfähigkeit.

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Die Krankheit tritt allerdings relativ selten auf: Schätzungsweise 30 bis 50 auf 1 Mio Menschen leiden unter PAH. Betroffen sind vor allem HIV-Positive, Patienten mit Sklerodermie (Verhärtung des Bindegewebes von Haut und inneren Organen) und Personen mit einem angeborenen Herzfehler. In den dadurch eingeschränkten Absatzchancen von Tracleer liegt einer der Gründe für die Skepsis gegenüber Actelion. Dazu kommt der bisher im Vergleich zu Konkurrenzprodukten geringere Anwendungsbereich der Arznei: Das Medikament ist in den USA und in Europa erst für die sogenannten WHO-Klassen III und IV von PAH zugelassen. Diese Klassen bezeichnen fortgeschrittene Stadien der Krankheit.

Eine Reihe von Fakten stimmen allerdings optimistisch: Am 21. Juni hat das renommierte Fachjournal «The Lancet» eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass Bosentan – wie der Wirkstoff von Tracleer in der Fachsprache heisst – auch für das mildere Phase-II-Stadium der Krankheit positive Wirkung zeigt. Der wissenschaftliche Ausschuss der Europäischen Arzneimittelagentur EMEA empfiehlt daher Tracleer der EU-Kommission auch für diese Phase zur Zulassung. Mit einem Entscheid ist in zwei bis drei Monaten zu rechnen. Dank dieser Ausweitung der Tracleer-Anwendung erwartet Roland Haefeli, Geschäftsleitungsmitglied und Sprecher des Unternehmens, auch für die Zukunft ein Umsatzwachstum. Im Februar hat das Unternehmen dieses für 2008 auf 10 bis 12% geschätzt.

Vieles deutet zudem darauf hin, dass der Wirkstoff von Tracleer, Bosentan, dank einem weitergehenden chemischen Mechanismus seinen Konkurrenten Ambrisentan von Gilead und Sitaxentan von Pfizer überlegen ist. Das zeigt sich an den Nebenwirkungen, die bei all diesen Medikamenten gravierend sein können.

Schlafmittel weckt Hoffnungen

Schliesslich ist der Markt für Tracleer grösser, als es die Patientenzahlen vermuten lassen. Oft wird die Krankheit nicht erkannt, weil Symptome wie Müdigkeit und Erschöpfung auch andere Ursachen haben können. «Nur bei 20 bis 30% der PAH-Patienten wird die Krankheit diagnostiziert», schätzt Roland Haefeli.

Trotz der momentan überragenden Bedeutung von Tracleer hat Actelion zusätzlich eine Reihe von vielversprechenden Produkten in der Pipeline; die meisten davon in Phase III, der letzten vor einer allfälligen Zulassung. Dazu gehört etwa Actelion I, das gegen PAH noch besser wirken soll und bei dem die Hoffnung besteht, dass keine Ödeme mehr auftreten.

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Die Hoffnungen ruhen aber vor allem auf Almorexant. Das Schlafmittel in Phase III hat Blockbuster-Potenzial: Es könnte zum eigentlichen Hauptprodukt von Actelion werden – mit einem Milliardenumsatz. Das liegt an einer Wirkungsweise, wie sie bisher noch kein Schlafmittel anwendet. Die gebräuchlichen verschreibungspflichten Produkte bekämpfen die Schlaflosigkeit nicht ursächlich, sondern betäuben den Patienten, indem sie das Zentralnervensystem beeinflussen.

Partner wäre vorteilhaft

Almorexant setzt dagegen beim Hormon Orexin an. Dieses reguliert auch bei Gesunden die Wach- und Schlafphasen. Damit wirkt das Medikament auf die körpereigenen Prozesse und kann die Schlaflosigkeit direkt bekämpfen. Almorexant sollte daher auch langfristig gut verträglich sein.

Während Actelion Tracleer weitestgehend selbst vertreibt und auch für die Forschung aufkommt, wäre dies für Almorexant nicht möglich. Dazu ist der Markt zu gross. Zudem würden die Aufwendungen für die nötigen umfangreichen weiteren Studien die Möglichkeit von Actelion übersteigen. Deshalb ist das Unternehmen hier auf einen Partner angewiesen, den man unter sieben der grössten Pharmaunternehmen der Welt sucht. Actelion hat sich für den Abschluss einer solchen Vereinbarung keine Frist gesetzt, Roland Haefeli rechnet aber damit, dass ein Entscheid in diesem oder Anfang des nächsten Jahres gefällt werden könnte.

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Vorteilhaft für Actelion wäre ein Partner, der sich mit den Details des neuen Schlafmittels bereits auskennt. Daher spricht alles für den britischen Pharmagiganten Glaxo Smith Kline. Als einziger neben Actelion hat dieser selbst ein Schlafmittel mit Wirkung auf das Hormon Orexin in Entwicklung. Nachdem sich dabei aber Mängel gezeigt haben, hat er sie vorübergehend eingestellt.