Noch immer sind 62% der insgesamt 3838 ha Rebfläche mit dieser ebenso oft belächelten wie unterschätzten Varietät Chasselas bepflanzt. Wie nur wenige andere Rebsorten kann der Chasselas, der selbst nur sehr dezente primäre Eigenaromen aufweist, die Charakteristiken seines Herkunftsterroirs widerspiegeln. Und da gibt es, wie eine kürzlich durchgeführte Terroirstudie gezeigt hat, beträchtliche Unterschiede.

Nicht weniger als 300 verschiedene Bodentypen kann man in den sechs Waadtländer Weinbauregionen La Côte, Lavaux, Chablais, Bonvillars, Côtes-de-l’Orbe und Vully unterscheiden. In allen ist der Chasselas ein seit neun Jahrhunderten gehegtes und gepflegtes Kulturgut, ein Lebensbegleiter, auf den niemand verzichten könnte und wollte.

Traditionellem die Stange halten

Auch Top-Winzer wie Pierre-Luc Leyvraz aus der Lavaux-Gemeinde Chexbres nicht, der dem Chasselas auf seiner kleinen Domäne 70% der Rebfläche zugesteht. Sein mehrfach prämierter Saint-Saphorin «Les Blassinges» gehört seit Jahren zu den besten Chasselas-Weinen der Schweiz. Für ihn wie auch für seine zwölf ebenfalls zur Waadtländer Winzererelite zählenden Kollegen von der Vereinigung Arte Vitis sei der Chasselas so etwas Normales und Selbstverständliches, dass man sich nicht mal Argumente zurechtgelegt habe, um ihn zu verteidigen. Und nach kurzem Überlegen fügt Leyvraz an: «Weinbau ist eine Angelegenheit der langen Dauer. Ich reisse nicht einfach einen Rebstock aus, um einer Mode zu folgen. Denn Moden dauern zu kurz, als dass man sich als Winzer danach richten sollte.»

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Auch von langer, ja sogar von sehr langer Dauer können Chasselas-Gewächse sein, entgegen eines weit verbreiteten Vorurteils, wonach sie möglichst jung getrunken werden sollten. Je nach Lage, Jahrgang und Produzent empfiehlt es sich sogar, den Weinen einige Jahre Ruhe zu gönnen, bevor man sie entkorkt. Dies gilt etwa für etliche Dézaley Grand Crus, die sich meistens nicht in ihrer Jugend von ihrer besten Seite zeigen, sondern erst nach einigen Jahren Flaschenreife, wenn die fruchtig-blumigen Primäraromen von mineralischen Noten überlagert werden.

Dézalay darf auch älter werden

Das Wissen um den eigenständigen Charakter und das grosse Alterungspotenzial des Dézaley Grand Cru hat zwölf qualitätsorientierte Dézaley-Produzenten dazu bewogen, die Vereinigung La Baronnie du Dézaley zu gründen.

Die Mitglieder verpflichten sich, die Regeln einer gemein- sam festgelegten Qualitäts-Charta einzuhalten. «Wer einen jungen guten Dézaley verkostet, würde nie glauben, dass er auf eindrückliche Weise zu altern vermag», sagt Arte-Vitis- und Baronnie-Mitglied Louis-Philippe Bovard von der Domäne Louis Bovard in Cully, dessen Dézaley Grand Cru «Médinette» zu den Paradegewächsen der Appellation gehört. Von einem soliden Rückgrat gestützt, machen sich delikate Wachs- und Nussaromen bemerkbar, sodass bei Blindverkostungen von 20- bis 30-jährigen Weinen auch erfahrene Degustatoren mitunter glaubten, Burgunder-Kreszenzen vor sich zu haben!

Neben dem Chasselas werden im Kanton Waadt auch weisse Spezialitäten wie Chardonnay, Pinot gris, Sauvignon blanc und diverse andere erzeugt. Bei den roten Rebsorten haben der Pinot noir (516 ha) und der Gamay (452 ha) die Nase vorn. Starken Zuwachs können die neuen Varietäten Gamaret und Garanoir verzeichnen, die meist in Assemblagen verwendet werden.

Plant Robert wieder entdeckt

Eine interessante Kuriosität ist der Plant Robert, der einst im Lavaux verbreitet gewesen sein soll, dann aber in Vergessenheit geriet und beinahe ausstarb. Genetische Studien haben gezeigt, dass es sich beim Plant Robert nicht um eine eigenständige Sorte handelt, sondern um eine hochwertige Selektion des Gamay, die von schwarzen Fruchtaromen und würzigen Noten geprägte Weine hervorbringt.