Paukenschlag bei Novartis. Joe Jimenez, seit acht Jahren CEO, tritt per Ende Januar 2018 zurück. Sein Nachfolger wird Vas Narasimhan. Der 41-jährige Amerikaner ist Chief Medical Officer und verantwortet als Entwicklungschef einen Schlüsselbereich des zweitgrössten Krebsmedikamentenherstellers der Welt.

Der designierte Konzernchef Vas Narasimhan legte den Fokus heute morgen auf die Kontinuität, als er, wenige Stunden nachdem seine Ernennung bekannt geworden war, twitterte: «Ich fühle mich geehrt, Novartis führen zu dürfen. Wir werden unserem Erbe treu bleiben und weiterhin den Patienten rund um die Welt innovative Produkte zur Verfügung zu stellen.» Doch die Rochade an der Konzernspitze hat es in sich. Sie ebnet den Weg für eine neue Novartis. Der Schnitt geht tiefer als es auf den ersten Blick scheint.

Abschied von der Gründerzeit

Zunächst: Der Wechsel markiert den definitiven Abschied von der Gründerzeit der 1996 aus der Fusion von Sandoz und Ciba entstandenen Novartis. Mit Joe Jimenez verabschiedet sich das letzte noch verbliebene Konzernleitungsmitglied aus der Zeit des ersten Konzernchefs Daniel Vasella vom Basler Campus.

Mehr noch: Narasimhan wird einer in wenigen Jahren nahezu komplett erneuerten Konzernleitung vorstehen. Amtsältestes Konzernleitungsmitglied wird ab dem ersten Februar Felix Ehrat sein, General Counsel seit 2011. Finanzchef Harry Kirsch ist seit 2013 im Amt. Alle anderen Schlüsselfiguren sind weniger lang dabei. Jay Bradner verantwortet ab anfangs 2016 das Novartis Institute for BioMedical Research mit seinen 6000 Mitarbeitern, einer Art konzerninternen Universität. Pharmachef David Epstein, wie Joe Jimenez ein langjähriger Novartis-Kämpe, wurde im vergangenen Jahr durch Bruno Strigini (Novartis Oncology) und Paul Hudson (Novartis Pharmaceuticals) ersetzt.

Kulturelle Zäsur

Dazu kommt die kulturelle Zäsur, die mit der Personalie verbunden ist. Daniel Vasella hat das Unternehmen mit harter Hand und Top Down geführt – ein Erbe, unter dem Novartis zum Teil noch heute leidet. Narasimhan ist zugänglich, interessiert und offen. Die Ernennung steht deshalb auch für den Kulturwandel, wie ihn Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt seit seinem Amtsantritt von vier Jahren anstrebt: Hin zu mehr Transparenz und zu einem Klima, in dem sich niemand mehr scheue, seine eigene Meinung zu sagen, wie er kürzlich der «Finanz und Wirtschaft» sagte.

Die Ernennung des Entwicklungschefs zum Chef zeigt aber auch, wo die Prioritäten künftig liegen. Weniger beim Marketing, der Domäne des scheidenden Jimenez, sondern bei Innovation und Technologie. Anders als Jimenez, der als Marketingcrack vom Konsumgüterriesen Heinz Kraft zu Novartis stiess, ist der neue Konzernchef tief in Wissenschaft und Medizin verankert.

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Erfahrung mit öffentlichem Gesundheitswesen

Vas – die Kurzform von Vasant – Narasimhan ist von Haus aus Arzt. Er hat an der Harvard Medical School studiert. Zudem verfügt er über einen Bachelor-Abschluss in Biowissenschaften der University of Chicago.

Dazu kommt die Erfahrung mit dem öffentlichen Gesundheitswesen, die für den neuen Konzernchef gesprochen haben dürfte. Der neue Big Boss begann seine Karriere mit keiner geringeren Ambition als derjenigen, «den grösstmöglichen Impact auf die öffentliche Gesundheit zu haben». Nach seinem Studium arbeitet er in Afrika, Peru und Indien auf Projekten zu HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria. Dazu kommt seine Erfahrung im Impfgeschäft, einem Business, bei dem den Regierungen als Abnehmer der Produkte eine zentrale Rolle zukommt.

Ungewisse Zukunft von Alcon

Gespür für politische Prozesse, Geschick im Umgang mit Öffentlichkeit und Regierungen – das alles wird für auf für Pharmachefs  wichtiger werden. Die politische Sensibilität gegenüber der Pharmaindustrie steigt. Donald Trump und sein Wettern gegen die Pharmachefs als «Mörder» mag unappetitlich sein. Das sollte die Industrie aber nicht dazu verleiten, die Realitäten aus dem Blick zu verlieren. Die Gesundheitssysteme sind am Anschlag. Das heisst, der Preisdruck wird steigen. Neue Behandlungsmethoden haben nur noch dann Aussicht auf Vergütung, wenn sie auch tatsächlich einen zusätzlichen Nutzen gegenüber etablierten Therapien bieten.

Bleibt die Frage, was die  Personalie Narasimhan für die anstehenden strategischen Entscheidungen bedeutet. Immerhin hat der Konzern ein Menge Bälle in der Luft: möglicher Verkauf des 33,3-Prozent-Anteils an Roche, ungewisse Zukunft der Augenheilsparte Alcon und die Zukunft des Gemeinschaftsunternehmens mit GSK für nicht-verschreibungspflichtigen Medikamenten. Dazu die Frage möglicher Akquisitionen – welcher Grössenordnung auch immer.

Update bis Ende Jahr

Vor allem bei Alcon, der von Daniel Vasella einst teuer akquirierten Sparte dürfte der Impact der Nomination an der Spitze spannend werden. Auf dem Tisch liegt das ganze Spektrum der Optionen – von Halten, über einen Verkauf bis zum Going Public. Jimenez warnte gestern davor, zu viel in den Zeitpunkt der Bekanntgabe der Personalie hinein zu interpretieren. Es bleibe bei dem in Aussicht gestellten Update bis Ende Jahr.

Klar ist: Der Stabwechsel macht zum jetzigen Zeitpunkt Sinn. Dem Unternehmen stehen weitreichende Entscheidungen bevor. Da macht es Sinn, mit einem Konzernchef an den Start zu gehen, der die Perspektive hat, auch einen Veränderungsprozess von mehreren Jahren begleiten zu können.

Abschied mit einem Erfolg

Da stört es zumindest nicht, wenn es die Umstände erlauben, dass sich der alte Chef mit einem Erfolg verabschieden kann. Novartis hat vergangene Woche von der amerikanischen FDA die Zulassung für die erste CAR-T-Krebstherapie bekommen. Es handelt sich dabei um eine hochwirksame, aber auch hochriskante Behandlungsmethode, bei der die T-Zellen eines einzelnen Patienten gentechnisch verändert und zu Krebskillern aufmuntioniert werden. Joe Jimenez kann für sich in Anspruch nehmen, dass er der Therapiemethode auch dann noch eine Chance gab, als sie von der Konkurrenz als zu gefährlich fallen gelassen wurde. «It was a benefit», sagte Jimenez heute.