Die Chefs des Technologiekonzerns OC Oerlikon haben viel zu tun. Drei Herkulesaufgaben haben sie zu bewältigen, und zwar möglichst rasch: Die Eigenkapitalbasis stärken, die Verhandlungen mit den Banken über die neuen Kreditkonditionen erfolgreich abschliessen und Unternehmensteile verkaufen oder in eine strategische Partnerschaft einbringen.

Seit Wochen schon wartet die Finanzgemeinde auf Nachrichten aus dem Unternehmen. Grund für die Verzögerung: Die Konzernführung steht vor einem Dilemma. Egal, von welcher Seite her sie die Probleme anpackt, stets beeinflusst ein Schritt den anderen. Beispiel: Wenn zuerst die neuen Bedingungen für den Konsortialkredit ausgehandelt werden, droht das die Kapitalerhöhung zu erschweren, weil Kredite im Konkursfall vor den Aktionären ausbezahlt würden. Allerdings kann ein zu günstigen Konditionen erneuerter Kredit eine psychologisch wichtige Wirkung auf den Aktienkurs entfalten und den gefürchteten Verwässerungseffekt einer Kapitalerhöhung reduzieren. Wenn aber durch Teilverkäufe ein Gewinn erzielt wird, stellt sich die Frage, wem das Geld gehört - den Altaktionären? Und würde eine Kapitalerhöhung sogar überflüssig?

Bedarf bis zu 1 Milliarde Franken

«Das Unternehmen bräuchte mindestens 600 Mio Fr., damit die Bilanz so ist, wie sich das Management das vorstellt», sagt Vontobel-Analyst Michael Foeth, «und dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Wenn man sicher sein will, dass eine Kapitalerhöhung klappt, muss man einen grösseren Discount auf die neu zu emittierenden Aktien wählen - damit steigt dann aber auch die Verwässerung.» Analysten sehen den Kapitalbedarf bei 500 Mio bis 1 Mrd Fr. Wenn 700 Mio Fr. mit einem Abschlag von 20% aufgenommen werden, liegt der Verwässerungseffekt bei dramatisch hohen 98%.Die zweite Herausforderung bildet die Neuaushandlung der Konditionen des dreijährigen Kredites über 600 Mio Fr. sowie der erneuerbaren Kreditlinie von 1,5 Mrd Fr. «Dass die Sache nicht einfach ist, zeigt sich daran, dass Oerlikon seit Wochen verhandelt», sagt Helvea-Analyst Reto Amstalden. Die bisherigen Konditionen waren für Oerlikon sehr attraktiv - der Zins lag nur einige Basispunkte über dem Libor-Zinssatz. Für vergleichbare Firmen sind jetzt Aufschläge zwischen 300 und 400 Basispunkten üblich. Hinzu kommen Unsicherheiten über die Bonität. Geldgeber haben keine Anhaltspunkte von grossen Ratingagenturen wie Moody's, weil Oerlikon keine Anleihen ausstehend hat.

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Die dritte Herausforderung bilden Devestitionen und Partnerschaften. «Nicht alle Sparten sind von der Krise betroffen, die gut laufenden Bereiche sollen natürlich nicht verkauft werden», sagt Amstalden. Eine gewisse Erleichterung wäre ein rascher Teilverkauf der Solarsparte an ein Unternehmen wie Tokyo Elektron, das sich in diesem Bereich auch über Akquisitionen verstärken möchte. Allerdings gilt die Solarsparte als Kerngeschäft - und steht damit eigentlich nicht zur Disposition.

Die Konzernchefs verhandeln derzeit unter anderem mit Kaufinteressenten für Unternehmen aus der Textilmaschinensparte Oerlikon Textile. Ob sich mit Devestitionen derzeit ein Buchgewinn erzielen lässt, ist aber fraglich, denn die Märkte sind am Boden.

Oerlikon: «Kapitalbasis stärken»

Bei Oerlikon ist laut Sprecher Burkhard Böndel «klar, dass wir unsere Kapitalbasis stärken wollen». Voraussetzung dafür sei die Anpassung der Kreditkonditionen. Die Gespräche hierzu befänden sich auf gutem Wege. Man gehe weiter davon aus, innerhalb weniger Wochen Lösungen zu haben. Abhängig von nachfolgenden Anpassungen des Portfolios und Verkäufen von Firmenteilen sowie dem weiteren Verlauf des operativen Geschäfts seien auch Eigenkapitalmassnahmen wie eine Kapitalerhöhung weiterhin eine Option. Renova als strategischer Investor habe mehrfach öffentlich geäussert, wenn erforderlich, solche Massnahmen zu unterstützen.

Keinen Kommentar zur Teilnahme an einer Kapitalrunde gibt der zweitgrösste Oerlikon-Aktionär, die österreichische Beteiligungsfirma Victory, ab. Victory, die 2005 den Konzern feindlich übernommen und später ihre Aktien grösstenteils an Renova verkauft hatte, hält nach letztem Stand noch 12,2% an Oerlikon.