Wer als Deutscher in die Schweiz kommt, hier lebt und arbeitet, muss einiges dazulernen. Ganz abgesehen vom Dialekt, der mir als gebürtigem Schwaben und emigriertem Bayern entgegenkommt, wurde ich unter anderem mit dem Schweizer «Türen-aufhalten-Phänomen» und überaus teuren Tempobussen konfrontiert.

Da ich gottlob bei einem erfolgreichen Unternehmen arbeite, gehört es zu meinen Aufgaben, Leute einzustellen. Als ich Lebensläufe von Kandidaten prüfte, wunderte ich mich doch etwas. Kaum jemand war länger als ein paar Jahre bei einem Arbeitgeber. Schon nach drei, vier Jahren wechselte er oder sie. Meine alemannischen Erfahrungen deuteten dies als flatterhaftes Verhalten. Denn in Deutschland, mit seinen Millionen Arbeitslosen, meidet man das Job-Hüpfen wie den Teufel und bildet sich intern weiter. Als ich meine Kollegen darauf ansprach, wurde mir erklärt, dass dies für Schweizer Verhältnisse nichts Ungewöhnliches sei. Viele Mitarbeiter stellen sich so neuen Herausforderungen, bilden sich weiter, gehen ins Ausland oder absolvieren höhere Schulen. Heute bin ich froh, solche interessierten, wissensfreudigen Mitarbeiter einstellen zu können.

Weniger begeistert bin ich hingegen, wie viele Schweizer Unternehmen mit ihren Debitorenrisiken umgehen ­ wenn überhaupt. Als Marktführer weltweit im Bereich der Kreditversicherung sehen wir in die Finanzen von Millionen von Unternehmen. Die Globalisierung «trifft» auch mittelständische Schweizer Unternehmen. Heute ist es zum Glück bereits Alltag, dass ein Kunde aus China bei einem Schweizer Hersteller Teile für Millionen von Franken einkauft. Der Markt ist hart umkämpft. Das wissen auch die chinesischen Kunden. Die «alten» und meist teuren Absicherungen im Exportgeschäft wie Akkreditive oder das Dokumentarinkasso sind wegen des gewachsenen Selbstvertrauens der Kunden kaum mehr einsetzbar.

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Und dennoch steht die Schweiz in der Hitparade der Kreditversicherer in Europa noch auf dem letzten Platz. Viele Unternehmer verpassen diese Chance und versuchen weiter mit «alten» Instrumenten zu überleben. Allein dadurch verliert die Schweizer Wirtschaft Aufträge in Milliardengrösse. Dies müsste eigentlich jeden Unternehmer schmerzen ...

Wenn ich wieder mal den Lebenslauf eines jungen Bewerbers studiere, freue ich mich in jedem Fall über seinen Wissensdurst und seine Flexibilität und hoffe, dass er dies sein Leben lang behält, auch als Unternehmer.