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Chefwechsel: Köpferollen als Strategie

Sie bräuchten nichts mehr zu tun, können es aber trotzdem nicht lassen: Gründer und Grossaktionäre. Im Krisenfall sind sie rasch zur Stelle und reissen alle Macht an sich. Der Zeitpunkt ihres Wiederei

Von Christian Huggenberg und Rüdi Steiner
am 26.11.2002

Fährt er nun mit oder nicht? Ernesto Bertarellis grösster Traum ist es, den America?s Cup zu gewinnen. Seit dem 1. Oktober ist sein Team in hoher See. Es ist zwar nur der Auftakt zum berühmtesten Segelturn der Welt, der im Januar startet. Doch Bertarelli, der sein Hobby «Alinghi» immerhin 100 Mio Fr. kosten liess, segelt schon jetzt mit. Den Boss bräuchten sie in Genf, am Serono-Firmensitz weitaus dringender. Die Halbjahresprognose wurde verfehlt, das Unternehmen hat auch fürs zweite Halbjahr bereits eine Gewinnwarnung deponiert. Was den Chef jeden anderen Unternehmens Kopf und Kragen kosten würde, nutzt der Serono-CEO zum Ausflug nach Auckland, Neuseeland. Bertarelli kann sich solche Extravaganzen leisten. Er ist ? zusammen mit seiner Familie ? Mehrheitsaktionär und zugleich auch noch Verwaltungsratspräsident. Er entliesse sich also sozusagen selbst, genauso wie er für die Anstellung des CEO verantwortlich ist.
*Wenn die Köpfe rollen*
Bertarelli ist kein Einzelfall. Die Situation birgt indes Konfliktpotenzial, spätestens dann, wenn der Mehrheitsaktionär von seiner operativen Rolle Abstand nimmt. Die Freiheiten, die er sich als Chef gegönnt hat, lässt er dann nicht zu.
Jüngstes Beispiel ist der Vorzeigeunternehmer und Disetronic-Gründer Willy Michel. Bei der Burgdorfer Medizinaltechnik-Gesellschaft liegen die Dinge offenbar dermassen im Argen, dass Verwaltungsratspräsident Michel jetzt das Ruder vollends wieder übernommen hat. Noch im Juni hatte der vormalige CEO und langjährigen Sozius von Michel, Thomas Meyer, verkündet: der «Wachstumsunterbruch» werde rasch überwunden und Disetronic bis Ende Jahr einen Umsatzsprung von 20% vollziehen. Doch leider scheint Meyer mit Rosinen gehandelt zu haben. Die beiden ersten Quartalsergebnisse fielen teilweise ernüchternd aus. Vor allem die US-Geschäfte laufen weiter schlecht, während der grösste Konkurrent Minimed kräftig Marktanteile dazugewinnen konnte. Der Konflikt zwischen Michel und Meyer eskalierte. Dies, nachdem Michel in seiner Funktion als VR-Präsident bereits im Frühjahr wieder als Spartenleiter ins operative Geschäft eingestiegen war. Der Nährboden für ein Kompetenz- und Befugnisgerangel war gesät ? alles andere war in der Folge nur noch eine Frage der Zeit. Mit seinem Einsatz ? Michel kontrolliert 34% der Aktienstimmen ? soll das Unternehmen in diesem Jahr nun plötzlich doch noch 20% wachsen. Schmückt sich da einer mit fremden Federn? Fakt ist: Michel ist seit Februar für jenen Bereich des Unternehmens (Insulin-Pumpen) operativ verantwortlich, der der Medtech-Firma jetzt Schwierigkeiten bereitet und Meyer den Job kostet.
*An der kurzen Leine*
Das Muster ist bekannt: In Krisenzeiten überwirft sich der Gründer oder Mehrheitsaktionär mit seinem Nachfolger und kehrt selbst an die alte Wirkungsstätte zurück. Der Effekt der Übung liegt in einer kurzfristigen Beruhigung der Situation und der Profilierung des Manager-Ego.
Wenn Eigentümer-Interessen und Führungsprizipien aufeinander prallen, zieht der CEO den kürzeren, dies hat letzte Woche auch Robert Zingg, Chef der Bank Vontobel, erfahren. «Wegen unterschiedlicher Auffassungen zur Führung und Entwicklung des Unternehmens» hat er seinen Sessel räumen müssen. An seiner Statt hat VR-Präsident Peter Wagner, der seit 2002 als verlängerter Arm die Interessen der Eigentümerfamilie (sie kontrolliert 67% des Aktienkapitals) wahrnimmt, den deutschen Herbert Scheidt auf den CEO-Posten gehievt. Künftig soll der Verwaltungsrat bestimmen, welchen Kurs die Bank einschlägt, der Handlungsspielraum des CEO wird beschnitten. Dies ist nicht zuletzt eine Folge davon, dass es mit der Bank zuletzt mehr abwärts als aufwärts ging. Im Gegensatz zu den direkten Konkurrenten verzeichnete das Bankinstitut im vergangenen Jahr einen, wenn auch geringen, Abfluss an Kundengeldern.
Mit anderen Worten: Geht es einem Unternehmen gut, hat der CEO freie Hand und kann schalten und walten wie er will. Gerät die Firma in die Krise, wird er an die kurze Leine genommen. Besonders exponiert sind in diesen Augenblicken Unternehmensleiter, die von Eigentümerfamilien kontrolliert werden. Denn gerade hier ist der Versuch der Einflussnahme besonders gross.
So auch im Fall Phonak. Lange Zeit galt der Hörgerätehersteller als Stern am Börsenhimmel schlechthin. Die Kehrtwende kam trotzdem, und seit Anfang Jahr ging es an der Börse rapide abwärts mit dem Hightechunternehmen aus Stäfa. Im April entliess Firmengründer Andy Rihs seinen langjährigen Technologiechef und Nachfolger Peter Pfluger und nahm die Zügel wieder selbst in die Hand. Im Oktober zieht sich Rihs nun wieder zurück, nachdem er mit Valentin Chapero, dem ehemaligen Hörgeräte-Chef von Siemens, einen neuen Hoffnungsträger für sein Unternehmen verpflichten konnte.
*Eine Teilentmachtung?*
Ein Schachzug, den sich vielleicht auch Willy Michel in nicht allzu weiter Zukunft überlegen sollte. Denn auch Patrons scheitern. Dies vor allem dann, wenn sie zu viel wollen. So geschehen etwa beim Medtech-Unternehmen Straumann. Hier führte ein Kräfte aufzehrendes Tauziehen zwischen dem jungen VR-Präsidenten Thomas Straumann und seinem CEO letztlich auch zur Teilentmachtung des Grossaktionärs.
Das Engagement des Gründers oder Mehrheitsbesitzers kann einem Unternehmen Schub und Stabilität verleihen, wie eine Analyse der Bank Pictet zeigt. Zwei Drittel der von ihr beobachteten Familiengesellschaften haben die letzten sechs Monate besser abgeschnitten als der SMI-Index. Dehnt man die Betrachtungsperiode aus, nimmt die Erfolgsbilanz indessen ab. Im Zehnjahresvergleich schlagen nur noch ein Drittel den SMI. Mit anderen Worten: Besitzer sind als Chef nicht besser als Angestellte.

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