An Chinas Börsen ist die Hölle los. Ungeachtet der immer noch schwelenden US-Finanzkrise gab es an den Aktienmärkten der Milliardennation zu Wochenbeginn ein Kursfeuerwerk. Sowohl in Hongkong als auch auf dem Festland markierten die Indizes historische Höchststände.

Betroffen ist insbesondere der Hongkonger Hang Seng Index: Der Zähler ist seit Mitte August um 17% gestiegen und notiert nun knapp unter 24000 Punkten.


Hang Seng schiesst in die Höhe

Grund dafür ist in erster Linie die Lockerung der chinesischen Kapitalverkehrsbeschränkungen. Die Regierung in Peking hat kürzlich Woche entschieden, dass Bürger der Volksrepublik erstmals auch an der Hongkonger Börse investieren dürfen.

Daraufhin setzte ein Ansturm auf in Hongkong notierte Titel von festlandchinesischen Unternehmen (H-Aktien) ein. H-Aktien sind teilweise nur halb so teuer wie A-Titel der gleichen Konzerne, die an den Festlandsbörsen Schanghai und Shenzen gelistet sind. Die Börsianer spekulieren deshalb auf einen raschen Angleich der Bewertung und damit steigenden Kursen. Die Wucht, mit der die Kurse nach oben katapultiert wurden, überrascht aber selbst Asienexperten. Für die meisten ist klar: Da wurde viel vorweggenommen. In der Tat waren die Kursgewinne teilweise exorbitant.

So schoss die Aktie von Chinas grösstem Aluminium-Hersteller, Chalco, in fünf Handelstagen um 72% nach oben. Das entspricht einer Zunahme des Börsenwerts um umgerechnet fast 36 Mrd Fr. – ohne dass dem ein entsprechendes Mehr an Gewinnaussichten entgegenstünde. «Fundamentale Gründe für diesen steilen Kursanstieg sehe ich nicht», sagt Asien-Aktienexperte Geoffrey Cheng bei Daiwa, «es wird hier die Angleichung von H- und A-Aktie gespielt.»

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Erst der Anfang einer Hausse?

Der gewaltige Performance-Sprung ist für viele Beobachter dabei erst der Anfang einer neuen China-Hausse: Es wird erwartet, dass noch mehr Geld nach Hongkong fliessen und der positive Trend sich auch auf andere Aktien ausweitet. Die Hoffnung auf weiter steigende Notierungen an der auch für europäische Anleger leicht zugänglichen Börse wird dadurch genährt, dass die Bürger der Volksrepublik einen enormen Nachholbedarf in Sachen Geldanlage haben.

«Für die Chinesen ist diese Liberalisierung ein wichtiger Schritt. Das meiste Ersparte liegt immer noch auf Sparbüchern, die weniger Zinsen abwerfen, als die Inflation aufzehrt und entsprechend unattraktiv sind», erklärt Michael Konstantinov, Fondsmanager bei Allianz Global Investors. «Aktien – zumal die in Hongkong notierten – erscheinen da als lukrativeres Investment.» Hinzu kommt, dass die Aufwärtsbewegung immer mehr eine Eigendynamik entwickelt.

«An den Festlandbörsen beobachten wir schon seit einiger Zeit, dass die steigenden Kurse immer neue Anleger in den Markt ziehen», sagt Konstantinov. Es gebe gewisse Anzeichen einer Spekulationsblase. «Mittlerweile muss befürchtet werden, dass die Bubble an den Hongkonger Markt exportiert wird.»


Gefährlich hohe Bewertungen

Schon jetzt sind die in Hongkong notierten China-Unternehmen gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) nicht mehr billig. Durchschnittlich muss für H-Aktien nämlich das 17-Fache der für 2008 erwarteten Gewinne hingelegt werden. In Schanghai und Shenzen das sind die grossen Inlandbörsen, die vorab nur den Chinesen zum Handeln offenstehen liegen die KGV-Werte zwischen 40 und 50. Damit gehören China-Aktien zu den teuersten Dividendenpapieren der Welt. Zum Vergleich: Der breite Swiss Performance Index (SPI) weist mittlerweile ein KGV von 14 auf, der indische Sensex eines von 18.

Wie hoch die Kurse noch steigen werden oder wann es zum Crash kommt, ist nach Einschätzung der Experten extrem schwer vorherzusagen. Denn immerhin war das Durchschnitts-KGV auch an den europäischen Märkten 1999 schon nicht mehr niedrig und ist dann bis ins Jahr 2000 noch mal deutlich nach oben gegangen.

Für Investoren steht jedoch fest: Der Ritt auf dem chinesischen Börsendrachen wird derzeit immer heisser.