Viele Menschen im Westen sind besorgt darüber, dass China Firmen und Rohstoffvorkommen aufkauft. Zu Recht?

Liang Jianquan: Die Angst ist verständlich, allein wegen der Grösse unseres Landes und wegen unserer rasanten Entwicklung. Aber man muss immer versuchen, ein Land richtig zu verstehen. China kann nicht nach Belieben in der Schweiz oder in Europa Firmen kaufen. Unser Land hat sich allmählich auf eine Stufe entwickelt, die es einigen chinesischen Unternehmen - darunter auch privaten - erlaubt, sich im Ausland weiterzuentwickeln. Das sieht man etwa am Kauf von Volvo durch ein privates chinesisches Unternehmen. Doch dieser Kauf hat Vorteile für beide Seiten: Volvo freut sich ebenfalls über dieses Geschäft. Das Gleiche gilt für chinesische Aktivitäten anderswo.

Auch für chinesische Aktivitäten in der Schweiz?

Liang: Da kann ich Ihnen nur sagen, dass Befürchtungen unbegründet sind. In den ersten vier Monaten dieses Jahres lag der Schweizer Export nach China bei etwas mehr als 7 Mrd Dollar - ein Zuwachs um über 255%. Die Schweiz hat einen gewaltigen Überschuss im Handel mit China. Dieser Zuwachs widerspiegelt das grosse Kooperationspotenzial.

Viele Schweizer Firmen sehen dieses Potenzial auch. Doch sie fürchten, dass ihre Produkte in China kopiert werden.

Liang: Die Regierung Chinas legt grosses Gewicht auf den Schutz des geistigen Eigentums. Sowohl in der Gesetzgebung als auch in der Bekämpfung von Urheberrechtsverletzungen wurde sehr viel getan. Das liegt auch in unserem ureigensten Interesse: Um unsere Wirtschaft auf ein höheres Niveau zu bringen, müssen wir die Menschen in unserem Land ermutigen, innovativ zu sein. Das geht nur, wenn wir das geistige Eigentum schützen.

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Derzeit erarbeiten die Schweiz und China ein Freihandelsabkommen. Sind Sie zuversichtlich, dass das gelingt?

Liang: Ja. Sowohl die Schweiz wie auch China sind Länder, die gegen Protektionismus und für die Liberalisierung des Welthandels kämpfen.

In der Schweiz gibt es eine grosse Gemeinde von Exil-Tibetern, deren Demonstrationen chinesische Politiker bei früheren Besuchen verärgerten. Akzeptiert China, dass in der Schweiz auch beim Thema Tibet die freie Meinungsäusserung gilt?

Liang: Selbstverständlich respektieren wir die Meinungsfreiheit in der Schweiz. In unserem Land herrscht auch Meinungsfreiheit. Wenn das Verhalten gewisser Gruppen aber die Souveränität, die territoriale Integrität und die Stabilität eines anderen Landes betrifft, geht es um eine andere Frage. Wir hoffen sehr, dass die Schweiz die Kerninteressen Chinas berücksichtigt und nicht den verschiedenen separatistischen Kräften Hilfe gewährt.

Schweizer Firmen wollen enger mit China zusammenarbeiten, aber sie machen sich Sorgen wegen der Menschenrechtslage.

Liang: Unsere Regierung legt grossen Wert auf den Schutz und die Förderung der Menschenrechte. Das sehen Sie bereits an der Bekämpfung der Armut in China oder am grossen Einsatz unseres Landes bei den enormen Naturkatastrophen, von denen wir immer wieder betroffen sind. Aber angesichts der Unterschiede in der Tradition, Geschichte, Kultur, im Gesellschaftssystem und des unterschiedlichen Entwicklungsniveaus gibt es zum Thema Menschenrechte unterschiedliche Ansichten. Das ist selbstverständlich, und es ist auch wichtig, dass man auf der Grundlage des gegenseitigen Respektes und der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des anderen Landes den Dialog führt.

Wollen Sie den Menschenrechtsdialog mit der Schweiz weiterführen?

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Liang: Ja, denn er hat sich positiv auf die Verständigung zwischen unseren beiden Ländern ausgewirkt. Wir hoffen, dass der Dialog das gegenseitige Vertrauen auf der politischen Ebene und auf der Ebene der Bevölkerung vertiefen kann.

Sie sagten am Anfang, man müsse versuchen, China richtig zu verstehen. Haben wir ein falsches Bild von China?

Liang: Nicht ein falsches Bild, aber ein unvollständiges. China wird noch für eine sehr lange Zeit ein Entwicklungsland bleiben. Wir wollen bis 2050 das Niveau eines mittelentwickelten Landes erreichen. Um das Niveau der Schweiz zu erreichen, brauchen wir vielleicht 100 Jahre oder mehr.

Sie spielen doch die Stärke der Wirtschaftsmacht China hinunter.

Liang: Nein. In den letzten 30 Jahren hat die chinesische Wirtschaft grosse Erfolge erzielt. Chinas Bevölkerung - mit 1,3 Mrd Menschen ein Fünftel der Weltbevölkerung - können wir im Grossen und Ganzen ausreichend mit Kleidung und Nahrung versorgen. Aber wenn man das Bruttoinlandprodukt pro Kopf zum Massstab nimmt, gehört China zu den Ländern mit sehr wenig Einkommen. Laut unserem statistischen Amt lag es im letzten Jahr bei nicht einmal 3700 Dollar pro Jahr, weltweit liegen wir nur an 104. Stelle. Unsere Wirtschaft ist gross, aber nicht stark. Unsere Produktivkraft ist noch immer tief, die Entwicklung zwischen Stadt und Land sowie zwischen den Regionen ist unausgeglichen. In vielen ländlichen Gebieten bleiben die Probleme wie Verkehr oder Trinkwasserversorgung ungelöst.

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Aber immerhin steht auf Abertausenden von Produkten «Made in China».

Liang: Ja, aber diese Produkte sind in der Industriekette ganz unten angesiedelt. Forschung, Entwicklung, die Herstellung von Schlüsselbestandteilen sowie das Marketing erfolgen im Ausland.

Widersprechen Chinas enorme Devisenreserven nicht dem Bild, das Sie zeichnen?

Liang: Die gesamte Summe ist gross. Aber dividiert durch 1,3 Mrd Menschen und durch die zahlreichen Probleme unseres Landes ist sie ganz klein. Die Menschen Chinas haben sich diese Reserven hart erarbeitet. Unsere Wirtschaftspolitik zielt nicht auf einen Handelsüberschuss, sondern auf eine möglichst ausgeglichene Aussenhandelsbilanz. Im letzten Jahr und seit Anfang dieses Jahres nahm der Überschuss in der Aussenhandelsbilanz durch die Ankurbelung der Inlandnachfrage ab.

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