Am Dienstag wird nach fast neun Jahren Bauzeit die Hongkong-Zuhai-Macau-Brücke eröffnet, die dem wichtigsten Wirtschaftsraum Chinas zu neuer Blüte verhelfen soll. Es ist ein Projekt der Superlative. Die insgesamt 55 Kilometer lange Schnellstrasse wird über mehrere Tunnels und Brücken geführt, von denen die längste 29,6 Kilometer misst. Zum Projekt gehören zudem eine 625 Meter lange künstliche Insel und ein 6,7 Kilometer langer Tunnel. Dieser ermöglicht Schiffen die Einfahrt in den grossen Containerhafen von Shenzhen.

Für das Projekt wurde Stahl für 60 Eiffeltürme verbaut und die Kosten belaufen sich alleine für die Sonderverwaltungszone Hongkong auf über 15 Milliarden Dollar. Mit dem Bauwerk werden die Finanzmetropole Hongkong im Osten des Deltas mit dem Glücksspiel- und Tourismus-Paradies Macau und dem festlandchinesischen Zhuhai im Westen verbunden. Davon soll die gesamte Region profitieren.

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Wirtschaftsmotor Chinas

Das Perlflussdelta umfasst die Sonderwirtschaftszonen Shenzhen und Zhuhai, die Millionenstädte Shenzhen, Guangzhou und Foshan sowie die Sonderverwaltungszonen Hongkong und Macau. Über 110 Millionen Menschen leben in dieser weitgehend zusammengewachsenen Stadtlandschaft, dem Wirtschaftsmotor Chinas.

Die Region, die China einst zur «Werkstatt der Welt» gemacht hatte, könnte mit der Verbindung eine industrielle Wiedergeburt erleben, glauben Ökonomen. Sie ist Teil eines grösseren Plans zur Integration des Perlflussdeltas. So wurde Hongkong 2018 mit der Schnellfahrstrecke GuangzhouShenzhenHongkong ans Netz chinesischer Hochgeschwindigkeitszüge angebunden. Doch die zunehmende wirtschaftliche und finanzielle Verknüpfung von Hongkong und Festlandchina ist in der Sonderverwaltungszone höchst umstritten.

Hongkong

Leere Fahrbahn: Hier sollen dereinst täglich 30'000 Fahrzeuge durchfahren.

Quelle: Stringer - Imaginechina

Brücke unterhöhlt Hongkongs Autonomie

Für Christopher Balding von der Peking University HSBC Business School ist klar, dass es der chinesischen Regierung nicht nur um wirtschaftliche Entwicklung geht. «Sie wollen Hongkong in den kulturellen Einflussbereich des Festlandes bringen», so Balding gegenüber dem Wirtschaftsmagazin «Caixin».

Ähnlich sieht es der pro-demokratische Politiker Kwok Ka-ki aus Hongkong. «Ein solches Netzwerk dient dazu die Grenze zwischen Hongkong und China zu verwischen», sagte Kwok der Nachrichtenagentur Reuters. Wegen der Infrastrukturprojekte werde die Grenze zwischen Hongkong und China in zehn bis fünfzehn Jahren nicht mehr zu erkennen sein. Das widerspricht dem Verfassungsprinzip «Ein Land, zwei Systeme» welches der Rückgabe von Hongkong an die Volksrepublik China zugrunde lag.

Hongkong

Mehr als Infrastruktur: Demokraten fürchten Pekings wachsenden Einfluss.

Quelle: Keystone

Die wirtschaftliche Integration des Perlflussdeltas hat indes grosses Potenzial. «Es gibt in der Region noch Gegenden, in denen billig produziert werden kann, doch sie dürfen nicht zu nahe an Shenzhen liegen», so Balding. Mit der Brücke könnten Hersteller auf die billigere Westseite des Deltas ausweichen und gleichzeitig den Anschluss an Shenzhen behalten. Die Boommetropole ist für viele Fabriken zu teuer geworden.

Wirtschaftliche Fragezeichen

Obwohl die Brücke lange vor Beginn des Handelskrieges zwischen den USA und China geplant und begonnen wurde, macht ihre Eröffnung vor diesem Hintergrund Sinn. China muss neue Wege finden um trotz hohen Zöllen als Produktionsland kompetitiv zu bleiben. Dennoch gibt es auch bezüglich der Kosten-Nutzen-Rechnung des gewaltigen Bauprojekts einige Fragezeichen.

Kritiker zweifeln am prognostizierten Verkehrsaufkommen von 30'000 Fahrzeugen pro Tag bis ins Jahr 2030 und befürchten, dass die Brücke niemals profitabel betrieben werden kann. Weil in Hongkong Linksverkehr aber in Festlandchina Rechtsverkehr herrscht, fehlt den meisten potenziellen Nutzern die nötige Bewilligung. Zudem soll zwischen Shenzhen und Zhongshan bis 2024 eine weitere Brücke über das Perlflussdelta errichtet werden. Es bleibt damit abzuwarten, ob die Hongkong-Zuhai-Macau-Brücke nicht zum «weissen Elefanten» wird.